Biografischer Roman: Die Musik eines Lebens

von | 20.08.2026

Aus einem Nachlass entwickelt Helene Bukowski einen Roman über eine junge Pianistin in der DDR – und über die Frage, wie sich ein fremdes Leben erzählen lässt.

Feinfühlige Annäherung an ein Menschenleben: die Schriftstellerin Helene Bukowski. (Foto: Tobias Kruse)

Durch eine Freundin ihrer Großmutter stößt die Schriftstellerin Helene Bukowski auf den Nachlass von Christina. Etwas an der jungen Frau, die sich im Alter von 24 Jahren das Leben genommen hat und – so wird ihr erzählt – an der Kunst verzweifelt ist, lässt sie nicht mehr los. Durch das reale Vorbild der in der DDR aufgewachsenen Pianistin mag Bukowskis dritter Roman zunächst wie eine Biografie anmuten, doch „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ ist weit mehr als das.

Behutsam analysiert Bukowski die verschiedenen Lebensdokumente, wie Postkarten, Fotoalben oder die ausführlichen Aufzeichnungen von Christinas Vater. Aus diesen Fragmenten entwickelt sie eine vielschichtige Erzählung, die stets sichtbar macht, dass jedes erzählte Leben auch eine Konstruktion ist. Indem Bukowski sich selbst als Erzählerin in den Vordergrund rückt, reflektiert sie die Grenzen einer solchen Annäherung. Dadurch wirkt die Geschichte keinesfalls weniger plastisch oder weniger echt, sondern verleiht dem Roman eine besondere Glaubwürdigkeit und literarische Stärke.

Weil von Beginn an feststeht, dass Christinas Leben durch Suizid ein jähes Ende nehmen wird, liegt über der Erzählung eine stille Tragik.

Diese feinfühlige Annäherung an ein Menschenleben vermittelt eine unmittelbare Nähe sowohl zu Christina als auch zur Erzählerin selbst. Verstärkt wird diese Nähe, indem die Autorin Christina mit „du“ anspricht und so an ihrer Seite deren Leben noch einmal erlebt. Dabei durchbricht sie die erzählte Welt und macht kenntlich, dass sie sich und uns an manchen Stellen etwas ausmalt. So folgt man nicht nur Christina auf ihrem Weg von ihrer Kindheit in der DDR über die Spezialschule in Berlin bis zum Klavierstudium in Moskau, sondern auch Bukowskis eigener Suche nach den Spuren eines Lebens. In einem atmosphärischen Stil beschreibt die Autorin dessen Stationen, und es wird deutlich, wie viel Recherchearbeit in dem Roman steckt. Zugleich schafft die Erzählerin eine Verbindung vom Heute zur Vergangenheit, die zeigt, dass historische Lebensgeschichten auch Fragen an die Gegenwart stellen.

Die Musik spielt im Roman eine tragende Rolle: Dazu zählen auch Christinas Disziplin, ihr Ehrgeiz und der Druck, dem sie durch ihren Vater und die Gesellschaft der DDR ausgesetzt war. Die Musik ist ihr Leben und lässt kaum Raum für anderes. Gleichzeitig werden die Brüche sichtbar, die sich in diesem Lebensentwurf auftun. So sagt eine Klavierlehrerin zu Christina: „Überlege es dir gut, ob du ein Leben willst, in dem du die meiste Zeit mit einem Gegenstand verbringst anstatt mit anderen Menschen.“

Das Cover des Romans „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ von Helene Bukowski mit einem Foto des Bärenzwingers im Zoologischen Garten um 1851 als Hintergrund.Helene Bukowski gelingt es zudem auf bemerkenswerte Weise, Musik durch Sprache hör- und erlebbar zu machen. Mit großer Bildkraft und zahlreichen Naturmetaphern beschreibt sie Christinas Klavierspiel und verleiht den musikalischen Passagen eine eindringliche Präsenz. „Du wischst über die Tasten, du spielst die einunddreißigste Beethoven-Sonate, begibst dich in vertrautes Gewässer. Nie würdest du darin untergehen. In Moskau bricht sich das Licht auf dem Wasser, flimmert, funkelt, du treibst davon, ziehst Kreise, planschst. Nach deinem Spiel sehen dich alle anders an.“

Weil von Beginn an feststeht, dass Christinas Leben durch Suizid ein jähes Ende nehmen wird, liegt über der Erzählung eine stille Tragik. Dennoch geht es in dem Roman viel weniger um die Frage nach dem „Warum“ als um die Lebensumstände einer jungen Frau, der eine große Zukunft vorausgesagt wurde und die zerbricht. Gerade in dieser Herangehensweise liegt auch die große Stärke des Romans.

Nach ihren beiden Vorgängerromanen „Milchzähne“ und „Die Kriegerin“ hat Helene Bukowski erneut einen bewegenden und lesenswerten Roman vorgelegt, der für den Deutschen Buchpreis 2026 nominiert ist. „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ ist nicht nur eine Geschichte über eine Pianistin, sondern eine kluge Reflexion über die Möglichkeiten des Erzählens von einem Leben.

Helene Bukowski: Wer möchte nicht im Leben bleiben. Claasen Verlag, 384 Seiten.

 

Dat kéint Iech och interesséieren

INTERGLOBAL

Ecuador: Krabbenkultur kontra Kleinbauern

Der Garnelenexport in Ecuador boomt und sorgt für einen bescheidenen wirtschaftlichen Aufstieg des Landes. Doch der aufblühende Wirtschaftszweig geht mit der Zerstörung bäuerlicher Lebensgrundlagen einher. Die woxx hat landwirtschaftliche Kollektive besucht, die sich wehren.

FILMTIPP/FLOP

Im Streaming: Queerpanorama

Ein namenloser schwuler Mann trifft in Honkong ein Sexdate nach dem anderen. Nach jeder neuen Begegnung nimmt er die Identität des vorherigen Partners an und spricht mit dessen Akzent. Trotz kurzer Lauftzeit nimmt der Film sich viel Zeit für ausgiebige, natürliche Dialoge und zeigt, wie selbst flüchtige Begegnungen eine*n prägen können. Dabei...