Verspätungen: Pünktlichkeit ist ein Bauchgefühl

Die Reaktionen auf Verspätungs- statistiken der CFL sind nicht nur ein Lehrstück für Qualität im öffentlichen Transport, sondern auch für Medienkompetenz.

Foto : Pixabay

„Das deckt sich aber nicht mit dem, was ich und andere jeden Tag erleben“ oder „Sind das Fake News?“ – so oder ähnlich lauteten viele Reaktionen auf die Meldung, die Pünktlichkeit der Züge in Luxemburg hätte sich letztes Jahr leicht verbessert. Einige Medien hatten über eine Antwort des Mobilitätsministers auf eine parlamentarische Anfrage berichtet. Diese Berichte wurden – wohlwissend um das Potenzial für viele Klicks und Reaktionen – in sozialen Netzwerken und per Push-Benachrichtigungen verbreitet. Wer regelmäßig im Großherzogtum Zug fährt, wird entweder sehr stoisch oder sehr wütend. Das Netz ist überlastet, der Bahnhof Luxemburg ist verstopft und oft steht man an einem kalten, zugigen Bahnhof und wird – wenn überhaupt – schlecht informiert. Im Zug selbst gibt es außer automatischen Ansagen kaum Informationen, auch das Zugpersonal kann oft nicht weiterhelfen.

Insofern verständlich, dass die Meldung, die Pünktlichkeit habe sich verbessert, so manchen Passagier*innen die Zornesröte ins Gesicht treibt. Spätestens in dem Moment wäre allerdings anzuraten, Artikel genau zu lesen und auch die zugrundeliegenden Dokumente zu konsultieren. Die Zahl der „pünktlichen“ Züge mit weniger als sechs Minuten Verspätung lag 2018 bei 89 Prozent, im Vorjahr waren es 88,8 Prozent. Gemeinhin würde man das nicht als Verbesserung bezeichnen, sondern als „stabil“. Warum RTL in dem Bericht behauptete, die ausgefallenen Züge würden in diese Zahl nicht einfließen, ist eher schleierhaft – immerhin stand in der Antwort auf die parlamentarische Anfrage ein solcher Wert. Wer einen Blick auf die offiziellen Zahlen der CFL wirft, findet auch heraus, dass ein Zusammenrechnen der Prozentzahlen der pünktlichen, verspäteten und ausgefallenen Züge 100 ergibt.

Die Statistik der Bahngesellschaft zeigt auch, dass verschiedene Linien unterschiedlich gute Werte haben – Verbindungen auf sehr kurzen Strecken haben kaum Verspätungen und verbessern die Statistik natürlich. Während die Pünktlichkeitswerte im Norden und Osten recht gut sind, sind besonders die Grenzgänger*innen in Richtung Metz geplagt: Auf der Linie 90 liegt die Pünktlichkeit unter 80 Prozent. Über die Frage, ob die sechs Minuten, die als Grenze für Verspätung gelten, in einem kleinen Land wie Luxemburg nicht etwas hoch angesetzt ist, lässt sich trefflich streiten. In der Schweiz und bei der Berliner S-Bahn gilt ein Zug schon nach zwei Minuten als verspätet.

Wer regelmäßig Zug fährt, wird entweder sehr stoisch oder sehr wütend.

Dennoch: Die Zahlen sind keine „Fake News“, auch wenn sie nicht mit den eigenen Erfahrungen übereinstimmen. Die Aufregung um die Statistiken zeigt uns: Die Tendenz, „gefühlte Wahrheiten“ höher zu bewerten als gemessene Zahlen, gibt es nicht nur im Umfeld von „Wee 2050“ und ADR, sondern auch in ganz anderen Milieus. Das zeugt von einer gefährlichen Entwicklung, die unter anderem auf eine falsch verstandene Medienkritik zurückzuführen ist. Es ist richtig und wichtig, offizielle Zahlen sowie Medienberichte in Frage zu stellen, zu überprüfen und zu reflektieren. Wenn dies aber in einem Verschwörungsdenken à la „Die lügen ja eh alle“ mündet, trägt das sicherlich nicht zu einer informierten Öffentlichkeit bei.

Die CFL könnten indes einiges dazu beitragen, die gefühlte Wahrheit der statistischen Realität anzupassen: Nicht nur, dass der Informationsfluss besser funktionieren sollte, was das neue „Auris“-System ja bewerkstelligen soll. Es wäre auch angebracht, proaktiv über die Ursachen und Problemlösungen von Ausfällen und Verspätungen zu informieren – immerhin wird ja gerade viel in Infrastruktur investiert. Vielleicht würde ein wenig Selbstironie, wie sie die Berliner Verkehrsbetriebe in der Öffentlichkeitsarbeit an den Tag legen, den CFL auch ganz gut stehen. Ansonsten bleibt den Passagier*innen nur, stoisch statt wütend zu werden.


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