TRAUBEN UND TREIBHAUSEFFEKT: Der gut durchlüftete Weinberg

Noch ist der Klimawandel nur ein Nebenthema beim Welt-Weinkongress, der ab dem 20. Juni in Porto stattfindet. Doch die Erderwärmung stellt Winzer vor große Herausforderungen. Wissenschaftler entwickeln bereits Strategien der Anpassung.

Der 50. Breitengrad galt lange als Grenze des Weinanbaus, nördlich davon war es einfach zu kalt und zu dunkel. In Luxemburg können sich ältere Winzer erinnern, dass manche Jahrgänge an der Obermosel früher nicht ausreiften. Der Chronist Johannes Trojan nannte den 1888er Moselwein einen Rachenputzer, der fast herber als Essig schmecke. Noch fast hundert Jahre später musste mangels Qualität auf die Prämierung „Marque Nationale Grand Premier Cru“ verzichtet werden.

Seitdem hat die Kraft der Sonne immer weiter zugenommen. Das lässt sich am Huglin-Index ablesen, der durch das Addieren der Temperaturen zwischen April und September entsteht – ein Indikator für die Eignung einer Sorte. „Damit unser Rivaner vollreif wird, ist ein Wert von mindestens 1500 vonnöten“, erklärt Serge Fischer vom Staatlichen Weinbauinstitut in Remich. Der Weinbauberater beobachtet, dass der Huglin-Index an der Obermosel von Jahr zu Jahr weiter nach oben klettert. Jetzt kratzt er schon an der 1700-Marke, was den Bedürfnissen von Fischers Lieblingsweinen entspricht, dem Riesling und dem Pinot Noir. Im Hitzerekordjahr 2003 wäre sogar eine südliche Rotweinsorte wie der Syrah gelungen, der einen Index von 2100 zum Ausreifen braucht. Damals zeigten sich aber auch schon die Nebenwirkungen warmer Witterung: Dem Jahrgang fehlte es spürbar an Säure, Weißweine wiesen störende Gerbstoffe auf und alterten vorschnell.

Mehr Pinot noir, mehr Pilzbefall

In guten Jahren ist die Herstellung gesunden, fäulnisfreien Leseguts keine große Kunst, erläutert Fischer. Aber was ist in Jahren mit nasswarmer Witterung? Diese treten wohl häufiger auf, weil sich Niederschlagsmengen aufgrund des Klimawandels immer ungleicher verteilen: Einmal scheint fortwährend die Sonne, dann wieder hört es gar nicht mehr auf zu regnen. Feuchtes Wetter birgt die Gefahr von Traubenfäulnis. Die Grauschimmelfäule etwa hat bei der Eroberung der Reben leichtes Spiel, wenn zu viele Trauben an der Rebe wachsen und sich gegenseitig zerquetschen. Der Befall durch einen anderen Liebhaber feuchten Klimas, den Penicilliumpilz, lässt dann meistens nicht lange auf sich warten. Dieser Pilz kann zwar nur faule Trauben besiedeln, aber schon geringe Mengen verursachen modrige Schimmelaromen, die in Luxemburg auch als Champignonaroma bezeichnet werden. Es sei schwierig, den unerwünschten Geschmack durch Verschnitt mit anderen gesunden Weinen zu maskieren, meint Fischer. „Die Fehlaromen sind immer erst im fertigen Wein festzustellen, und es wäre auch möglich, dass diese während der alkoholischen Gärung im Weinkeller entstehen.“ Im Weinberg müsse daher verstärkt auf Fäulnisvermeidung geachtet werden, etwa durch frühe Entblätterung der Traubenzone. Dieses Verfahren führt zu lockeren, gut durchlüfteten Reben.

Eine radikale Ansicht zu den Folgen der Erderwärmung für den Weinbau vertritt Gregory Jones von der Southern Oregon University: Die Zukunft gehört Nordeuropa, Tasmanien und sogar Kanada; dagegen stehen Weinwirtschaften in Ländern wie Australien und Südafrika vor dem Ruin. Luxemburg muss also nicht das Ende des Weinanbaus fürchten, aber irgendwann werden traditionelle luxemburgische Sorten verschwinden, sagt Fischer voraus: „Stimmen die Klimamodelle, wird es in 50 bis 100 Jahren für den Rivaner zu warm sein.“

Auch im Rheingau ist der Klimawandel schon angekommen. „In der Nacht vom 4. auf den 5. Mai fielen die Temperaturen bei uns auf minus drei Grad“, erinnert sich Manfred Stoll, kommissarischer Leiter des Fachgebiets Weinbau an der Forschungsanstalt Geisenheim. Solche Ereignisse hätten in der Vergangenheit keinen Winzer beunruhigt. Späte Kälteeinbrüche sind alte Bekannte, und Reben können selbst minus 20 Grad wegstecken – solange keine grünen Rebteile da sind. Der Frühling 2011 war jedoch ungewöhnlich warm: Im März hatten die Temperaturen 1,3 Grad über dem Schnitt der Jahre 1971 bis 2000 gelegen, im April sogar vier Grad. Dadurch ist der phänologische Prozess, also die Rebenentwicklung, nach vorne verschoben worden, erklärt Stoll. Die Weinreben hatten bei Rückkehr des Nachtfrosts schon Blätter, Triebspitzen und Blütenanlagen ausgetrieben. Besonders in Mulden und Senken waren Frostschäden zu beklagen: Triebspitzen welkten und fielen vom Rebstock, auch die Fruchtanlagen litten unter der Kälte. Die Rheingauer Winzer müssen jetzt mit niedrigeren Erträgen rechnen, sind jedoch im Vergleich mit ihren Kollegen in der Pfalz, Württemberg oder Franken noch glimpflich davongekommen. Dort erfroren ganze Weinberge, was einen Weinbauern durchaus in Existenznot bringen kann.

Die Wissenschaftler von der Forschungsanstalt Geisenheim beobachten nicht nur die durch den Klimawandel verursachten Temperaturzunahmen, welche die innere Uhr der Weinrebe durcheinander bringen, sondern auch Extremwetterereignisse. „Wenn Starkregen über den Weinhängen niedergeht, dann platzen die vollreifen Trauben und werden von Schaderregern befallen“, erklärt Stoll. Einen Vorgeschmack lieferte das Jahr 2006, das als das Jahr der Turbolese in die Weingeschichte einging. An einem Tag Ende September prasselten 120 Liter pro Quadratmeter auf die Rheingauer Reben. Viele Winzer waren um den Ertrag ihrer Arbeit gebracht.

Eine andere Gefahr birgt die Hangneigung der Weinberge, die im Rheingau Hasensprung, Nussbrunnen oder Steinmorgen heißen und sich wohlgeordnet und nach Süden geneigt an den Rhein schmiegen. Heftige Regengüsse können an Steillagen auch Erosion verursachen. Stoll: „Wir brauchen daher eine Begrünung der Weinberge, damit diese nicht irgendwann abrutschen.“

Wie schmeckt Klimawandel?

Der Rheingau ist Riesling-Hochburg, es werden aber auch schon – in kleinem Maßstab – rote Rebsorten aus dem Süden angebaut. Dem Cabernet Sauvignon etwa gelingt es ohne Probleme auszureifen, was früher undenkbar war. Wollen Winzer in größerem Stil auf diese Sorten setzen, dann sollten sie bei der Reberziehung umdenken, sagt Stoll. In Deutschland ist die Drahtrahmenerziehung vorherrschend, bei der Rebstöcke im Spalier angepflanzt werden. Die offene Lyra-Erziehung, verbreitet vor allem in Frankreich, setzt die Trauben durch ihre V-förmig aufgeklappten Laubwände aber stärker dem Sonnenlicht aus – und das ist es, was Weine aus wärmeren Gebieten brauchen. Und wo bleibt das Markenzeichen des Rheingaus, der Riesling? Um diesen wunderbaren Wein mit den Aromen von Zitrone, Grapefruit oder Pfirsich muss einem nicht bange sein. Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass der Rheingau-Riesling mit Klimaveränderungen zurecht kommt.

Im Schweizer Weinanbaugebiet Lavaux am Genfersee kam es in diesem Jahr zu einer regelrechten Dürre, die dem Klimawandel zugeschrieben wird. Der Frühling brachte statt 300 Millimetern Niederschlag – dem Mittelwert für die Jahre 1960 bis 1990 – nur knapp die Hälfte, so dass Getreidefelder schon früh im Jahr bewässert werden mussten. Eine ungewohnte, sogar beunruhigende Situation, findet Olivier Viret von der eidgenössischen Forschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil (ACW). Nicht nur, weil es den Reben an Wasser mangelt. Dürren können den Wein auch an einer besonders empfindlichen Stelle treffen: dem Aroma.

Es soll mehr als 500 verschiedene Weinaromen geben. Beim Silvaner Apfel, Stachelbeere und Quitte, beim Spätburgunder Schwarze Johannisbeere, Kirsche und Hagebutte. Weinkenner können bei manchen Weinen sogar Spuren von Leder oder geschnittenem Gras herausschmecken. Verantwortlich für diese Geschmacksstoffe ist neben dem „Terroir“ auch der Stickstoff, der für eine regelmäßige und vollständige alkoholische Vergärung der Moste zu Wein sorgt. „Stickstoff ist ein Schlüssel zum Aroma des Weins“, erklärt Viret. Der Gutedel muss zum Beispiel eine Konzentration von mindestens 140 Milligramm pro Liter aufweisen, idealerweise 200 Milligramm. Bleibt die Konzentration darunter, bilden sich unerwünschte grasige Noten oder übelriechende Moleküle.

Da im Boden nur wenig natürlicher Stickstoff vorhanden ist, helfen Winzer mit Düngung nach. Allerdings können Rebstöcke den Stickstoff erst aufnehmen, wenn er durch Wasser gelöst wurde. In der Schweiz wird aber nur im Wallis bewässert, andernorts verlassen sich Winzer immer noch auf den Regen. Wenn dieser immer öfter eine Pause einlegt, dann geht den Trauben langsam der Stickstoff aus.

Selbstverständlich beurteilt Viret einen Tropfen nicht immer nur streng wissenschaftlich nach mikrobiologischen Prozessen oder Oechsle-Graden, sondern manchmal auch als Kenner und Genießer. Sein Favorit ist der Petit Arvine, eine uralte weiße Rebsorte, die an den steilen Südhängen der Rhône im Wallis gekeltert wird: „Dieser Wein schmeckt nach Zitrus, Rhabarber und rosa Pampelmuse – einfach phänomenal“, schwärmt der Wissenschaftler. Allerdings macht er sich Sorgen um die „schöne Säure“ des Petit Arvine. Weine werden bei fortschreitender Erwärmung irgendwann so alkoholisch und damit schwer, dass die Balance zwischen Zucker und Säure, das Geheimnis eines guten Weines, verloren geht. Im Weinforschungszentrum am Genfersee wird daher eine Klonensammlung der Hauptsorten aufgebaut, von denen manche nirgends sonst auf der Welt vorkommen, zum Beispiel Humagne rouge oder Cornalin. Gesucht wird vor allem ein Klon mit viel Säure, damit der Wein selbst bei hohem Alkoholgehalt seine Frische bewahrt. Ist diese Suche erfolgreich, dann könnte Olivier Viret seinen Petite Arvine auch in Zukunft ohne Abstriche genießen.


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