HANDYNUTZUNG: Mehr Handys als Einwohner

Es ist umstritten, ob Handystrahlung tatsächlich schädlich ist, und falls ja, in welchem Ausmaß. Grünen-Abgeordneter Jean Huss fordert gerade aus diesem Grund präventive Maßnahmen.

Handykonsum einschränken? Oder die Mobilfunkindustrie strikteren Regeln unterwerfen? Der Streit um die Schädlichkeit des Handygebrauchs ist noch nicht ausgestanden.

Ein Leben ohne Handy? Dass dies kaum vorstellbar ist, macht die am vergangenen Dienstag erschienene statistische Erhebung des Institut Luxembourgeois de Régulation (ILR) zur Telekommunikation in Luxemburg im Jahr 2010 deutlich. Nach dieser sind 97 Prozent der Haushalte mit einem oder mehreren Handys ausgestattet, und die Zahl der abgeschlossenen Mobilfunk-Verträge beläuft sich auf 727.000. Das heißt, es gibt im Land mehr Handys als Einwohner. Am beeindruckendsten ist wohl die Entwicklung des Kommunikationsvolumens, das zwischen 2005 und 2010 um über 60 Prozent gewachsen ist, nämlich von 488,7 Millionen auf 867,2 Millionen Minuten. Diese Entwicklung gibt viel Anlass zur Sorge, denn schon seit einer Reihe von Jahren wird über einen Zusammenhang zwischen elektromagnetischen Feldern und Risiken für Umwelt und Gesundheit spekuliert. Ob zu Recht, ist unter Forschern umstritten.

Die Schädlichkeit elektromagnetischer Felder ist neben den Gesundheitsrisiken durch Schwermetalle und Umweltverschmutzung einer der Schwerpunktbereiche, die der Grünen-Politiker Jean „Muck“ Huss während seiner Tätigkeit in der parlamentarischen Versammlung des Europarats bearbeitet hat. Am vergangenen Freitag gab er, in Verbindung mit der Ankündigung seines für Anfang Juli terminierten Rückzugs aus der Nationalpolitik, darüber einen Bericht.

Huss` Darlegungen und die Studie des ILR zu der Gesundheitsschädlichkeit elektromagnetischer Felder fallen auf den Boden frischer Aktualität. Erst am 31. Mai hatten die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die International Agency for Research on Cancer (IARC) eine Studie publik gemacht, aus der die möglicherweise krebserregende Wirkung von Handys besonders bei intensiver Nutzung (täglich 30 Minuten über einen Zeitraum von zehn Jahren) hervorgeht. Das Russische Nationale Komitee zum Schutz vor nichtionisierender Strahlung hatte im April dieses Jahres zudem eine Studie vorgelegt, die die Angabe enthielt, dass im Vergleich zum Jahr 2000 die Schädigungen des zentralen Nervensystems unter 15-17-Jährigen um 85 Prozent, die Störungen des Immunsystem um 82 Prozent und die Epilepsie-Erkrankungen um 36 Prozent zugenommen haben. Drei gravierende Befunde, die aber lediglich einen Ausschnitt aus dem Spektrum der Schädigungen repräsentieren, die möglicherweise durch elektromagnetische Strahlung verursacht werden.

Während der Mensch sich einem erhöhten Risiko in gewissem Maße durch verantwortliches Verhalten entziehen kann, ist die Tier- und Pflanzenwelt den künstlich erzeugten Magnetfeldern hilflos ausgeliefert. Die Schadenswirkung ist hier auch gravierender, da Tiere sowohl in ihrer Orientierung als auch in ihrer Kommunikation gestört werden. So wird in dem Huss-Bericht beispielsweise, unter Berufung auf den Saarbrücker Wissenschaftler Ulrich Warnke, die Hypothese eines Zusammenhangs zwischen dem Effekt elektromagnetischer Felder und dem beunruhigenden weltweiten Bienensterben diskutiert. Dieser Erklärungsversuch ist nicht ganz neu und unter Wissenschaftlern auch sehr umstritten. Warnke selbst beruft sich in seiner Studie zum „Elektrosmog“ auf ein im Jahr 2009 in Indien durchgeführtes Experiment, bei dem ein Bienenvolk mehrmals täglich der Strahlung zweier Handys ausgesetzt wurde. In Reaktion darauf kehrten die Arbeiterbienen weniger häufig zum Stock zurück, die Honigproduktion kam zum Erliegen und das Volk begann im Ganzen zu schrumpfen. Der Schweizer Forscher Daniel Favre glaubt, die Erklärung für die Wirkung der Mikrowellen auf Bienen gefunden zu haben: Mikrowellen stimulieren die Bienen zur Produktion von Piepstönen, die unter natürlichen Bedingungen eine Stressreaktion sind, aber auch ein Signal für das Schwärmen.

Zugegebenermaßen befinden sich wahrscheinlich recht wenige Bienenvölker unter direkter Handyeinstrahlung. Dennoch unterstreicht das Experiment die hohe Sensibilität der Insekten und zeigt, dass Handys schädliche Wirkungen auf die Umwelt haben können.

Für den Verbraucher entsteht aus der Vielzahl der Studien und ihrer vagen Ergebnisse bezüglich der Wirkung auf den Menschen und seiner tierischen und pflanzlichen Umwelt nicht gerade Klarheit. Zu bedenken ist auch, dass endgültige Gewissheit über die Handy-Schädlichkeit wohl nur durch Langzeitstudien erreicht werden könnte, für die das Phänomen der intensiven Handynutzung aber noch zu jung ist. Die Forderung von Huss, die aktuellen Frequenz-Grenzwerte der elektromagnetischen Felder präventiv deutlich herabzusetzen und beispielsweise an Schulen eine strenge Reglementierung der Handy-Nutzung einzuführen, ist demnach sehr zu begrüßen. Allerdings dürften entsprechende Maßnahmen mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Denn dass Huss` Forderung auf das Missfallen der Mobilfunkindustrie stößt, ist keine Überraschung. Laut Huss ist der Einfluss dieser Industrie ein wesentlicher Bremsfaktor, und nicht selten sind, so seine Kritik, Forscher und Institute dieser Industrie allzu sehr „verpflichtet“. Würden die Grenzwerte tatsächlich herabgesetzt, wäre dies wiederum, wie man vermuten darf, eine willkommene Entwicklung für die chemische Industrie, die dann einen „Ersatzbösewicht“ hätte, den sie präsentieren könnte.

 


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