THEATER: Mehr Schein als Sein

Pol Cruchten lässt in seiner Inszenierung „Das Interview“ im Kasenmattentheater zwei Menschen einen Machtkampf um Wahrheit und Lüge im Medienzeitalter ausfechten.

Lechzen nach Anerkennung: Pierre und Katja.

Ist ein Interview nicht erst dann richtig spannend, wenn die Beteiligten auf Augenhöhe miteinander diskutieren? „Ein gutes Interview ist seinem Wesen nach ein Gefecht“ erklärt Pierre in Pol Cruchtens Zwei-Personen-Stück. Es ist nichts anderes als ein Kräftemessen.

Er, ein nach Anerkennung gierender Polit-Journalist mittleren Alters. Sie, ein gefragtes TV-Sternchen. Er hofft, dass ihn sein Beruf zu einem besseren Menschen macht. Ihr ist es wichtig, schön zu sein. Soweit die Fassade. Dahinter verbergen sich zwei vom Leben gezeichnete Menschen, die gelernt haben, sich in der Medienwelt souverän zu behaupten, und die im stillen Kämmerlein ihre Wunden lecken.

Von dem Interview mit der TV-Berühmtheit Katja (Fabienne Elaine Hollwege) erwartet der ehemalige Kriegsberichterstatter Pierre (Steve Karier) nicht viel mehr, als „zwei Gummititten, die keinen geraden Satz herausbekommen“. Er fühlt sich zu Wichtigerem berufen, als eine neurotische Schauspielerin zu interviewen, denn die Regierung ist gerade dabei zu scheitern und droht mit Rücktritt. So treffen zwei Menschen aufeinander, die voll von Vorurteilen und Widerwillen sind, großkotzig auftreten und durch Erniedrigung des Gegenübers sich selbst aufzuwerten versuchen. Es entsteht ein Machtspiel auf allen Ebenen, in dem die beiden ihre Trümpfe ausspielen und zugleich ihre Verletzlichkeit zeigen. Nur darauf aus, Interesse zu erwecken und verstanden zu werden, heucheln beide Empathie. Kokett spielt Katja mit Pierre und setzt ihre weiblichen Reize ein, um ihn um den Finger zu wickeln. Und er fällt darauf herein und sieht in seiner Selbstüberschätzung bis zuletzt nicht, dass sie ihn nur benutzt und ihm eine Geschichte vorspielt. „Hör doch einfach auf mit dieser Scheiß-Schauspielerei!“ fleht sie Pierre irgendwann verzweifelt an und klammert sich an jedes intime Detail, das sie preisgibt. Von seiner Gier nach Neuigkeiten getrieben, scheut er nicht einmal davor zurück, Katjas Tagebuch zu lesen. So werden peu à peu Tabus gebrochen, bröckelt die Fassade, bis am Ende zwei Menschen einander entblößt gegenüberstehen. „Warum quälst du mich?“ fragt Katja, „Weil du mich quälst!“, ist die Antwort. Der Machtkampf zwischen den Geschlechtern ist Spiegelbild einer Medienwelt des Scheins, in der derjenige gewinnt, der die Regeln am besten beherrscht.

Theo van Gogh (1957-2004) beherrschte sie. Der niederländische Filmemacher und Publizist galt als enfant terrible der Medienszene. Mit „Das Interview“, seinem vorletzten Film, wollte er der neuen Medienwelt den Spiegel vorhalten und ihre Demoralisierung zeigen. Acht Jahre lang führte von Gogh selbst Interviews in seiner eigenen TV-Sendung und setzte dabei ganz auf Provokation. Seine geschmacklosen Witze brachten ihm 1984 eine Klage wegen Antisemitismus ein. Kompromisslos kritisierte van Gogh gleichermaßen jüdische, islamische und christliche Werte und Symbole, bis er nach seinem Film „Submission“ (2004) über die Situation islamischer Frauen von einem religiösen Fanatiker ermordet wurde.

Cruchten nimmt van Goghs Credo beim Wort. In seiner schnörkellosen Bühnenadaptation von „Das Interview“ liefern sich zwei Menschen im Rampenlicht ein bissiges Wortgefecht, das Dank zweier überzeugender, sich auf Augenhöhe begegnender Darsteller nie langweilig wird. Virtuos spielen Fabienne Elaine Hollwege und Steve Karier sich die Bälle zu und tragen das Stück. So ist es sicher kein Zufall, dass sich mit Pol Cruchten ein Luxemburger Regisseur an das Stück gewagt hat, der ? ähnlich wie Theo von Gogh ? aus der Filmbranche kommt und sie wie seine Hosentasche kennt. Seiner Inszenierung fehlt es nicht an Biss. Von vorne bis hinten mitreißend, lässt einen das Kammerspiel kurz innehalten und über Schein und Sein nachdenken.

„Das Interview“ nach dem Film von Theo van Gogh im Kasemattentheater. Weitere Vorstellungen am 12., 16., 18. Und 23. April.


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