KONZERT: „Künstler haben mehr Macht, als sie glauben“

Am Sonntag spielt der New Yorker Jeffrey Lewis im Exit07. Die woxx unterhielt sich mit dem Antifolk-Helden über Kunst, Kapitalismus und Pussy Riot.

Endlich mal Musiker, die nicht über die schlechte Konjunktur im Business jammern:
Jeffrey Lewis and The Jrams. (Foto: Jill Gewirtz)

woxx: Du bist einer der bekanntesten Vertreter der New Yorker Antifolk-Szene. Wie würdest du Antifolk definieren?

Jeffrey Lewis: So wird so ziemlich jeder bezeichnet, der einmal in einem winzigen Club namens Sidewalk gespielt hat. Wenn du da aufgetreten bist, dann sagt jeder, du spielst Antifolk, ganz egal welche Musik du machst. Das Sidewalk ist bekannt für seine „Open Mic“-Abende. So habe ich angefangen, in New York zu spielen – wie Regina Spektor oder Adam Green. Wir alle werden zu Antifolk gezählt, obwohl wir sehr verschiedene Musik machen. Ich erinnere mich, dass ich Devendra Banhart zu Beginn der 2000er Jahre kennengelernt habe, als er gerade anfing, in New York zu spielen. Aber er hat nie im Sidewalk gespielt, weshalb auch nie jemand ihn in die Antifolk-Schublade gesteckt hat. Hätte er auch nur einmal dort gespielt, bezeichnete man seine Musik heute auch als Antifolk und nicht als „freak folk“.

Welche Musiker haben dich am meisten beeinflusst?

Mich hat die New Yorker Musik sehr beeinflusst, speziell Musik aus meinem Viertel, wo es viele kleine Clubs wie das Sidewalk gibt und wo auch das CBGB’s war. The Fugs, The Holy Modal Rounders, The Godz, The Velvet Underground und so weiter. Ich besitze jede Platte, die diese Leute je gemacht haben. Ich habe auch jedes Album von Lou Reed, und der hat eine ganze Menge veröffentlicht. Aber die waren sehr billig in New York, niemand interessierte sich für gebrauchte Vinyl-Aufnahmen aus den Siebzigern und Achtzigern. So entdeckte ich irgendwann, dass ich über die Jahre alle Lou-Reed-Alben gekauft hatte, ohne es geplant zu haben. Er hat mich sicher sehr beeinflusst.

In einem deiner neuesten Songs stellst du die Frage „What would Pussy Riot do?“. Was inspiriert dich an dieser Gruppe?

Ich las einen Artikel in der New York Times über all die modernen, coolen Bands, die Werbung machen für Klamotten und Autos. Nach dem Motto „Künstler entdecken eine gute neue Einkommensquelle angesichts schwindender Albumverkaufszahlen“ – als ob der Sinn der Kunst darin bestünde, Geld zu verdienen. Dann kam Pussy Riot, eine Gruppe, die ganz offensichtlich aus anderen Gründen besteht, als um Geld zu verdienen. Ich fand, das war ein krasses Beispiel dafür, aus welchen unterschiedlichen Gründen Leute einer Band beitreten. Als ich dann in der U-Bahn ein riesiges Werbeplakat mit einer jungen, beliebten Band aus Kalifornien sah, war ich so angewidert, dass ich nach Hause ging und diesen Song schrieb. Außerdem ist er vom Comicautor Alan Moore inspiriert, der sagt, Kunst besitze die magische Fähigkeit, die Gedanken und Ansichten der Menschen zu verändern. Es scheint, als ob das stimmt. In Wirklichkeit haben Künstler mehr Macht, als sie glauben.

Du passt dich nicht den Regeln des Musikbusiness an, und bist doch international erfolgreich. Ist dein Erfolg ein Art Gegenentwurf zum kapitalistischen Gesellschaftsmodell?

Jeder Künstler muss seinen eigenen Weg finden, einen allgemein gültigen gibt es nicht. Ich habe nie daran gedacht, ein Teil des Musikbusiness zu werden. Ich habe meine Songs auf Kassetten aufgenommen und die dann für drei Dollar nach meinen kleinen Auftritten verkauft. Ich dachte, wenn die Songs gut sind, dann machen die Leute davon Kopien, und so können sie sich dann verbreiten. Eine befreundete Band gab meine Songs ohne mein Wissen dem Chef von Rough Trade Records, und der fragte mich dann, ob ich ein Album unter seinem Label veröffentlichen wolle. Danach lernte ich, meine eigenen Konzerte zu buchen und Tourneen zusammenzustellen. Es war eine Menge Arbeit am Anfang, und das ist es auch immer noch, auch wenn es durch die Erfahrung etwas leichter wurde. Was den Kapitalismus anbelangt, so hatten wir immer eine Abmachung als Band: Die Konzerte sind kommunistisch, doch der Merchandise-Stand kapitalistisch: Die Gage wird zu gleichen Teilen unter uns aufgeteilt, und nach dem Konzert kann jeder seinen eigenen Kram verkaufen und das Geld behalten. Jeder entwarf ein eigenes T-Shirt für die Tour, und wir hatten einen Wettbewerb um zu sehen, wer am Ende die meisten verkauft hatte!

Was kannst du uns über deine aktuelle Band, The Jrams, verraten?

Das sind Heather Wagner und Caitlin Grey aus Brooklyn. Verrückte Drums und ein kraftvoller Bass – genau das Gegenteil von meiner vorherigen Band. Jeder Musiker hat seinen eigenen Stil, und so läuft man nie Gefahr, den Sound von früher zu wiederholen. Schau dir Velvet Underground an, die haben bloß vier Alben herausgegeben, jedes in einer anderen Besetzung. So wird es nie langweilig!

Jeffrey Lewis and The Jrams, an diesem Sonntag, dem 10. August im Exit07


Siehe auch “Artists have more power than they think, really”

 


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