Theater: Überflutungsängste

Wolfgang Hagemanns Inszenierung von Henning Mankells „Lampedusa“ will ein Lehrstück über Vorurteile und Toleranz sein, plätschert jedoch an der Oberfläche.

Statische Konstellation: Verständnisvolle Moderatorin (Julia Malik) und ihr Talk-Gast (Rahel Jankowski). (Foto: Bohumil Kostohryz)

Der Dialog der Kulturen ist gescheitert! Zu dem Schluß kommt man nach dem Besuch einer Vorstellung von „Lampedusa“ im Kasemattentheater, einem Stück, das einem zwar wunderbar vor Augen führt, wie Menschen aneinander vorbeikommunizieren und jeder in seiner eigenen Welt mit seinen Vorurteilen lebt, das jedoch letztlich wenig Aufklärungspotenzial enthält. Statt Aufklärung gibt es ein gnadenloses Reproduzieren von Klischees. Irgendwann hört man gelangweilt auf, auf einen Höhepunkt zu warten – zu Recht, denn den gibt es in Wolfgang Hagemanns Inszenierung des Drei-Personen-Stücks im Kasemattentheater auch gar nicht.

Dabei klingt der Titel vielversprechend. „Lampedusa“ sei die neue geografische Mitte Europas, liest man in dem Flyer zum Stück, nebst eines moralischen Appells von Heribert Prantl, Haus-Kolumnist der Süddeutschen Zeitung, wonach die EU die Schuld an der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer trage.

Das Stück selbst hat dann allerdings nur mittelbar etwas mit den Außengrenzen Europas zu tun, vielmehr geht es um die Grenzen in den Köpfen. Denn Anna (Julia Malik), eine karriere-
bewusste Moderatorin, bereitet sich gerade auf eine Talk-Show vor, für die sie Titania (Rahel Jankowski), eine selbstbewusste Muslima, als Gast eingeladen hat. In dem Briefing vor der Show will Anna weniger ihren Gast kennenlernen, als noch fix ausloten, welche Aussagen und Infos sich medienwirksam präsentieren lassen. Doch die in sich ruhende Titania macht ihr einen Strich durch die Rechnung. Zwischen den beiden grundverschiedenen Frauen entsteht so ein Zwiegespräch, das die Vorurteile entlarvt, die Europäer gegenüber Muslimen hegen. Denn Titania will sich nicht auf effektheischende Aussagen festlegen lassen. Die kluge Frau weiß zwar sehr gut um die (Aus)Wirkung ihrer emanzipierten Position, doch gönnt sie der frustrierten Moderatorin Anna (deren Traum: eine Sendung, in der die Gäste ihre Schattenseiten bloßlegen) den Leinwanderfolg nicht, sondern interessiert sich für den Austausch von wirklichen Inhalten. Anders ausgedrückt: Anna nimmt die Sendung ernst, Titania hingegen das Leben. Das Vorurteil, dass Selbstmordattentäter durch die Verheißung von 70 Jungfrauen im Paradies angereizt würden, entkräftet Titania lapidar mit dem Argument, dass die Auslegung des Wortes „Huri“ sehr schwammig sei und es genauso gut mit „Rosinen“ übersetzt werden könnte. Überhaupt sei alles eine Frage der Auslegung. Wie sie bei den Verbrechen, die im Namen des Islam begangen würden, noch gläubig sein könne, fragt Anna empört. Wo in der Bibel wird eigentlich die koloniale Vergangenheit Europas in Afrika gerechtfertigt, kontert Titania ruhig. So wird das Unverständnis zwischen den beiden Frauen immer größer, wächst die Kluft unaufhaltsam, während Anna um jeden Preis versucht, Titania in ihr sterotypes Bild einer unterdrückten Muslimin zu pressen. „Mehr oder weniger träumst du doch davon, dass ihr irgendwann die Mehrheit seid!“, rutscht es ihr irgendwann heraus.

Den allzu oft verklausulierten Rassismus der West-Europäer gegenüber Muslimen hat Hagemann in seiner Inszenierung gekonnt auf die Spitze getrieben. Titanias Mitbringsel, ein Stein, mit dem eine Frau wegen einer Vergewaltigung, die sie angeblich selbst verschuldet hatte, zu Tode gesteinigt wurde, soll schließlich den Höhepunkt der Sendung markieren. Doch Titania merkt, dass sie und ihr Glaube instrumentalisiert werden sollen und wendet sich in einem Akt der Selbstbestimmung ab. „Ich bin, was ich bin, weil ich mich dazu entschieden habe, so zu sein“ ist der symbolträchtigste Satz, mit dem Titania, die überzeugend von der Schauspielerin Rahel Jankowski gespielt wird, ihrer emanzipierten Position Ausdruck verleiht. Julia Malik dagegen changiert in der Rolle der Anna zwischen verständnisvoller Betroffenheit und Überreiztheit. Und Christian Wirmer als kauziger Wetterfrosch verleiht der Szenerie das nötige und zuweilen witzige Kolorit öffentlicher Abendsendungen, dient letztlich jedoch auch nur als Vehikel rassistischer Vorurteile. So hält die Inszenierung von „Lampedusa“ den Zuschauern einen Spiegel vor, scheitert jedoch an ihrer eindimensionalen Argumentation, der faden Inszenierung und einer allzu bemühten Julia Malik als Moderatorin.

Am 19. und 20. Mai um 20h im Kasemattentheater.

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