EMANUELE CRIALESE: Riesenzwiebeln und Milchflüsse

von | 18.05.2007

„Nuovomondo“ beschreibt in fast anthropologischer Manier mit surrealen Einschüben das Verlassen der alten Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

…. und auf den Bäumen wachsen Goldmünzen.

„Sinnerman where you gunna run to“, heißt es im Refrain von Nina Simons gleichnamigem Soundtrack, der der fantastischen Schlussszene von „Nuovomundo“ unterlegt ist: Hier bewegen sich Menschen – wie im Schlaraffenland – schwimmend durch ein riesiges Meer aus Milch. In der Auswanderungsgeschichte „Nuovomondo“ hat sich der in Rom lebende Regisseur Emanuele Crialese mit der italienischen Geschichte auseinandergesetzt, indem er sich auf überlieferte Schriftstücke von Migranten beruft. Denn der Film spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, einer Zeit, in der Armut die italienische Landbevölkerung plagte und sich immer mehr Menschen in die Neue Welt aufmachten.

In drei Etappen – Vorbereitungen zum Aufbruch, Überfahrt und Aufnahmeverfahren – und mittels stimmungsvoller Bilder, nähert sich der Film dem, was die damaligen Bauern während der langen Reise ins Ungewisse erlebt haben müssen. Im Mittelpunkt des Films steht die sizilianische Bauernfamilie Mancuso, die seit Generationen dasselbe karge Land bestellt: Eins mit der Natur, umgeben von den Geistern ihrer Vorfahren und noch an Exorzismus glaubend, wird die Schlichtheit dieses ländlichen Lebens einzig durch Geschichten über die Neue Welt unterbrochen. Es zirkulieren erste Foto-Montagen, regelrechtes Propagandamaterial, um die armen Bauern dazu zu bewegen, ihr trockenes Land für eine Welt des Überflusses zu verlassen: Denn in der Neuen Welt scheinen die Hühner hüftgroß, eine einzelne Zwiebel passt gerade mal in einen Schubkarren und auf den Bäumen wachsen Goldmünzen.

Eines Tages trifft Salvatore Mancuso (Vincenzo Amato) eine bedeutsame Entscheidung: Er, der sich in seinen Tagträumen der suggestiven Kraft der surrealen Bilder des Wunderlandes nicht erwehren kann, verkauft all sein Hab und Gut, um zusammen mit seinen Brüdern Angelo und Pietro und seiner Mutter über den Ozean in das gelobte Land zu reisen. Bereits im Hafen, in dem Menschengedränge herrscht und wo die Familie erste administrative Schikanen erdulden muss, ahnen die Mancusos, dass ihr Aufbruch ein Verlassen alter Gewohnheiten bedeutet.

Minutiös beschreibt Crialese die vierwöchige Überfahrt auf dem Schiff, zeigt wie fremde Menschen aufgrund eines ähnlichen Kulturkreises und ähnlicher Erwartungen zueinander finden. Einzig die hübsche Engländerin Lucy (Charlotte Gainsbourg), die sich der Familie Mancuso angeschlossen hat und aus besseren Kreisen stammt, gehört offensichtlich nicht hierher. Die Ankunft in Amerika erzählt „Nuovomundo“ unter Verzicht auf Klischees, wie etwa dem Auftauchen der Freiheitsstatue am Horizont. Um das goldene Tor der Neuen Welt zu passieren, müssen sich die Mancusos einer langwierigen historisch verbürgten Einbürgerungsprozedur unterziehen: Die Neuankömmlinge werden akribisch auf Krankheiten hin untersucht, die ihre Arbeitskraft einschränken könnten. Außerdem müssen sie Intelligenztests mit Holzklötzchen absolvieren, da die Überzeugung vorherrschte, dass mangelnde Intelligenz genetisch übertragbar sei.

Den Mancusos wird bewusst, dass, um Staatsbürger der Neuen Welt zu werden, man sich vom Land- zum Stadtmenschen verwandeln und archaische Glaubenssätze zurücklassen muss. Gerade für die alte Mutter und Pietro sieht es nicht gut aus: Sie will diese unverständlichen Aufgaben nicht lösen und er bleibt stumm. In Amerika sind solche Leute unerwünscht: Die an die Modernität Unangepassten werden in ihre Heimat zurückgeschickt.

Es ist einer der Gründungsmythen der USA, von denen Emanuele Crialese in seinem Film erzählt, oder vielmehr die Geschichte davor. Denn „Nuovomundo“ konzentriert sich weniger auf die Erfahrungen in der Neuen Welt, erzählt stattdessen in elegischem Ton von der Reise dorthin. Der Film nimmt sich viel Zeit, um einerseits auf eine dokumentarisch angehauchte Weise die Handlungen und Rituale der Protagonisten zu beschreiben. In anthropologischer Manier entfaltet der Film so eine ganz eigene Bildsprache. Andererseits erzählt der Film auf fast märchenhafte Art vom sagenhaften Reiseziel. Dass die Geschichte keine wirklichen Höhepunkte hat, schadet nicht, sondern passt zu der gelungenen kontemplativen und märchenhaften Herangehensweise.

Nuovomondo (Golden Door),
im Utopia

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