„Geckegen Hunneg“ von Nico Helminger: Falscher Fortschrittsglaube

von | 16.04.2026

In seinem 2025 erschienenen Poesieband „Geckegen Hunneg“ leuchtet Nico Helminger mit beeindruckender Hellsicht und Sprachbildern, die wie Paukenschläge kräftige Akzente setzen, eine von Gewalt bestimmte Vergangenheit und eine ebenso düstere Gegenwart aus.

Nico Helminger trägt einen Anzug, eine Brille und einen Hut.

Nico Helminger hat 2025 mit seinem Poesieband „Geckegen Hunneg“ den „Lëtzebuerger Buchpräis“ gewonnen. Jetzt steht er mit ihm auf der Shortlist des „Servais-Preises“. (Foto: Éditions Guy Binsfeld)

„Buchpräis“-Gewinner und „Servais-Preis“-Kandidat Nico Helminger entwirft in seinem auf Luxemburgisch verfassten Poesieband „Geckegen Hunneg“ – der Verlag spricht nicht von Gedichten, sondern von Sequenzen – anfangs ein bitterzartes Kindheitsportrait, das immer mehr ins Drastische abgleitet. Auf die Doppelwertigkeit von Gesten, die sowohl Zärtlichkeit als auch Zerstörungspotenzial in sich bergen, verweist bereits die dem ersten Teil des Bandes vorangestellte Notiz: „Meng Mamm war eng Néiesch, / huet mech nei zesummegeblutt / wéi alles bal aus war“. Die Hoffnung, die diesem Satz innewohnt, wird auf halbem Wege gebrochen: Die Mutter, eine hier positiv besetzte Figur, nähte („huet gebutt“) nicht, sondern blutete („huet geblutt“) ihr Kind zusammen – in dieser überraschenden sprachspielerischen Wendung kondensiert und spiegelt sich die dämmergraue Stimmung der gesamten Textsammlung, die auf diesen Gravitas behafteten Wahlspruch folgt. Sie bereitet auf die radikale Körperlichkeit vor, die immer wieder in den Texten auseinandergebreitet wird, erschreckt und aufrüttelt.

Die Vergleiche und Metaphern, welche die Sequenzen durchweben, veranschaulichen in ihrer Derbheit die Härte einer vergangenen Zeit: Ein Körper wird an einer Stelle als „gro wéi Béchsefleesch“ beschrieben, an anderer Stelle erscheint ein Leuchtturm als „schaimeg wéi e verschweessten Doudegriewer“. Die Sonnenstrahlen graben sich in die Haut ein „wéi de Bëss vun engem Béischt“. Wo man hinsieht, tritt Fäulnis hervor und die zunächst subtile Gewalt bricht sich Bahn: „Fiedem goufe gezunn a Vulle geschoss. / Aus de gerappte Fiedere gouf e Bett, / aus dem Verspriechen eng an d’Akaul, / wat souz, dat souz, / an nëmmen heiansdo nach / hues du probéiert ze fléien“. Die feine Melancholie, die sich zu Beginn noch durch die Texte windet, wird zunehmend durch das Tosen einer bitteren und zugleich scharfsichtig anklagenden Verzagtheit überdeckt: „D’Leit souzen an den Zitrounen [Fahrzeugen, Anm. d. Red.] / an hunn op d’Zänn gebass. […] / Am Kapp eng ganz däischter Welt, / déi sech no an no z’erkenne gouf“. Die Rohheit der Menschen entspringt ihrer Not, der Tatsache, dass sie darben – und die Kinder sind die ersten Leidtragenden: „Fir mech un d’Halen ze kréien, / huet mäi Papp dräi Mol / op mech geschoss.“

Helminger entwirft eine Welt, die von der Simultaneität von Tradition – repräsentiert durch den christlichen Glauben, die landwirtschaftliche Prägung des Landes sowie überholte Technologien wie die Dampflokomotive – und (technischem) Fortschritt bestimmt wird. Gleichzeitig machen die Texte offenkundig, dass Letzterer nicht über das Archaische und Chauvinistische dieser Welt hinwegtäuschen kann. Jungen wird befohlen, endlich „richteg Männer“ zu werden, und selbst der Waschplatz im Dorf „gläicht enger Gulaschkanoun, / an där Uniformen aus aler Zäit verkacht ginn“.

Die Sprache der Eltern wird als eng etikettiert, sie dient der Konstruktion einer einfachen Vorstellung von Heimat und kränkelt zugleich. Sie verwundet und ist selbst eine Wunde, die versorgt werden muss („d’Wonn vum Schwätzen“). Die Kommunikation beschränkt sich dabei oftmals auf müßiges Geschwätz, die Rede ist passenderweise vom „Gebrachs an der Kichen“.
In den ersten zwei Kapiteln des Bands haftet Helmingers Dichtung etwas Bohrendes, Forschendes an, ohne ins Obsessive zu kippen. Sie begnügt sich nicht mit der Oberfläche, sondern taucht in Untiefen ab, woraus sie gleichsam Verschwiegenes und Verdrängtes ans Licht befördert. In ihrer Intensität erinnern die Sequenzen teils an Flashbacks, in denen sich das Erlebte in all seiner überwältigenden Eindrücklichkeit vor die Gegenwart schiebt, doch stellen sie zuvorderst einen Versuch der Vergangenheitsbewältigung dar.

Eine chaotische Welt

In der unteren Hälfte des Covers von „Geckegen Hunneg“ sind Bienenwaben angedeutet.

Nico Helminger: „Geckegen Hunneg“, Sequenzen, Éditions Guy Binsfeld, Lëtzebuerg 2025, 160 Seiten, 18 Euro (Foto: Éditions Guy Binsfeld)

Zwar könnte man argumentieren, dass die Texte darin reüssieren, weil durch sie Wunden und Traumata auf nuancierte und doch vortrefflich pointierte Weise erstmals sprachlich eingehegt werden. Damit zeigen sie, dass ein gedeihlicher Umgang mit den erlittenen Verletzungen möglich ist, selbst wenn der Schmerz bleibt. Die folgenden fünf Teilabschnitte des Werks verdeutlichen jedoch, dass dem Autor nicht an Versöhnung gelegen sein kann, da jeder Wunsch nach Heilung in unserer heutigen krisengeschüttelten und konsumzerfressenen Welt zwangsläufig im Keim erstickt wird. Helminger entlarvt Fortschrittsgläubigkeit als fügsamkeitsgrundierte Ignoranz und zeichnet ein düsteres Bild des Zeitgeists, das eher Konterfei als Detailansicht ist, weil es streckenweise auch zur plakativen Darstellung tendiert.

Die eingeblendeten Szenen, die das diffuse, doch übermächtige Grundgefühl eines tiefen Unbehagens transportieren, werden zunehmend grotesker: „Stroosse fléien op / wéi grouss Gräifvullen, / krope sech Leit, / pake sech Haiserwierm / a Mënscheschlaangen“. Körper und Sprache lösen sich auf oder werden zerstückelt, was formal nachempfunden wird durch eine mittels Kurzversen herbeigeführte Aufspaltung der Gedichte. Jeder Versuch von Kommunikation schlägt unweigerlich fehl („Iwwerall / leie Verwiesslunge prett“), Plattitüden und sinnentleerte Redewendung treten an die Stelle von gehaltvollem Austausch. Helminger übt unverhohlene Kritik am kannibalischen, weil die Arbeitenden auszehrenden und seine eigenen Bedingungen zerstörenden Neoliberalismus, dessen unheilvolle Symbolfiguren Bill Gates und Elon Musk durch die Texte paradieren. Der Egozentrismus fördernde Sozialdarwinismus („D’Firma besteet / aus lauter Ielbéi“) wird ebenso angeprangert wie die digitale Informationsvermüllung oder auch die durch Medikamente oder Rauschmittel herbeigeführte Selbstbetäubung verzweifelter, im Hamsterrad gefangener Menschen.

Das Ende hält einen weiteren Knalleffekt parat. Denn hier findet nun ein Rückgriff auf den Anfang statt, indem die Erinnerung, oder besser gesagt das Unvermögen, sich zu erinnern, auf äußerst scharfsinnige Weise wieder ins Spiel gebracht wird: Die Sprachlosigkeit macht aus den im Gedächtnis gespeicherten Bildern „Uertschafte vum Vergiessen“. Durch das Vergessen aber wird jede Weiterentwicklung verunmöglicht, Stillstand oder Regression werden zu den einzig möglichen Optionen – was hier artikuliert wird, vollzieht sich im ganzen Bogen, den „Geckegen Hunneg“ schlägt, denn der im Laufe der Sequenzen vollführte Sprung in die Gegenwart zeigt, wie rückständig, obgleich hoch technisiert, diese in Wahrheit ist. Von realem Fortschritt kann also auch hier keine Rede sein, Chaos – oder eben „d’Wull vum Wuesstem“ – trifft es schon eher, wenn die Erkenntnis, dass „näischt […] souvill de Geck / mat engem [mécht] wéi d’Geld“ traurige Gewissheit wird.

And the nominees are…
Die Autor*innen, deren Werke auf der diesjährigen Shortlist des „Servais-Preises“ (siehe woxx 1882) stehen, stellen ihre Werke am 21. April um 19.30 Uhr im Centre national de littérature in Mersch vor. Ende April wird der*die Gewinner*in offiziell bekanntgegeben.

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