INDIEN: „Realitäten ins Auge sehen“

Marc Courte ist seit 2007 luxemburgischer Botschafter in Indien. Mit der woxx sprach er über die Zusammenhänge von Wirtschaft, Ökologie und Sozialverhältnissen.

Marc Courte wurde 1958 in Luxemburg geboren. Nach Erwerb des Doktorgrades in afrikanischer Geschichte in Paris bekleidete Courte verschiedene Posten im Außenministerium (MFA), darunter die des Vizedirektors für Internationale Handelsbeziehungen und des beigeordneten Protokollchefs im Außenministerium. Von 2005 bis 2007 leitete er die biometrische Pass- und Visaabteilung des Außenministeriums. Ab 2005 war er Botschafter Luxemburgs in der Ukraine. Botschafter in Indien ist Courte seit 2007.

woxx: Überregulierung und Korruption drosseln die wirtschaftliche Entwicklung Indiens. Welche Schwierigkeiten entstehen daraus für Investoren?

Marc Courte: Ich glaube, man sollte differenzieren zwischen dem Außenhandel und der Bemühung, indische Firmen nach Luxemburg zu holen. Was den Außenhandel anbelangt, sollten Unternehmer – wie überall auf der Welt ? darauf achten, zuerst einen vertrauenswürdigen Partner zu finden, der über eine gute Distributionskette verfügt. Asien ist nicht Europa. Es genügt nicht, zur Anbahnung von Geschäftsverbindungen einmal nach Indien zu reisen. Es kommt oft vor, dass der erste Eindruck von einem Geschäftspartner nicht überzeugt, sich bei einem zweiten Besuch jedoch Möglichkeiten auftun. Will ein Unternehmen sich in Indien niederlassen, so sind die ausländischen Importe mit sehr hohen Zöllen belegt. Beim Import eines normalen Wagens betragen die Taxen hundert Prozent – bei einem Luxuswagen sind es dreihundert. Die europäische Kommission steht zurzeit in Verhandlungen mit Indien, um die Taxen auf verschiedene Importprodukte zu senken. In Indien gibt es Korruption, aber die gibt es auch anderswo. Und Indien hat eine riesige Bürokratie. Auch wenn ein so großes Land natürlich viel Verwaltungspersonal braucht, ist es nach meiner Meinung doch etwas zu viel. Aber das sollte nicht abschrecken und nicht davon abhalten, mit Investitionen nach Indien zu gehen.

Indien hat mit Stromausfällen und Mangel an sauberem Wasser zu kämpfen.

Der Monsun ist der primäre Wasserlieferant in Indien, der alles zum Wachsen bringt. Wenn er in diesem Jahr wieder so schwach sein sollte wie in den vergangenen, wird es zu Versorgungsengpässen kommen. Stromausfälle sind effektiv ein Problem. Es gibt Gegenden in Indien, in denen die Versorgung mit Elektrizität bis zu acht Stunden pro Tag ausfällt, in anderen – wie etwa in Delhi ? sind es vier. Die Bewohner behelfen sich während der Abschaltungen mit Generatoren. Aber dieses Problem ist lösbar. Im letzten Jahr hat Indien ein Nukleargeschäft abgeschlossen. Kanadier, Russen, Franzosen und Amerikaner arbeiten gerade Verträge zur Errichtung von Nuklearzentralen in Indien aus. Indien will die Atomenergie friedlich nutzen, sie soll auch helfen, die CO2-Werte zu reduzieren.

Warum setzt Indien nicht vermehrt auf alternative Energiequellen?

Das geschieht bereits. Der Minister für erneuerbare Energien hat uns erklärt, dass Indien die Nutzung solcher Energiearten forcieren will. Dennoch will man den Nuklearstrom nicht aus den Augen verlieren. Indien hat eine Bevölkerung von 1,2 Milliarden Einwohnern, das ist mehr als die von ganz Nord- und Schwarzafrika zusammen. Bisher kam der Nuklearstrom aus Anlagen, die noch aus der Sowjetzeit stammen. Vor einer Woche haben die indischen Verantwortlichen mit Japan einen Vertrag zur Errichtung einer Solarstadt im Wüstenstaat Rajasthan abgeschlossen. In puncto Technologie sind die Inder viel weiter als wir: Ihre Solarpanel bestehen aus dünnerem Glas und aus Fäden, die aus Silikon entwickelt wurden. Dies ist die allerneueste Technologie, hier können wir einiges lernen. Sie haben sogar ein Informatikprogramm entwickelt, das die Windräder entsprechend den umgebenden Temperaturen reguliert.

In Europa wird Ökologie zunehmend als Zukunftsfaktor propagiert. In Indien will man dagegen den Individualverkehr weiter ausbauen?

Ich gebe Ihnen das Beispiel von New Dehli. Für die Commonwealth-Spiele im Oktober hat die Regierung 5.000 neue Busse bestellt, die alle mit Gas betrieben werden. Seit Jahren darf keine dreirädrige Autorikscha und kein Bus mehr mit Diesel fahren.

Wird das aber auch adäquat kontrolliert?

Selbstverständlich wird das kontrolliert. So komisch es klingt ? es gibt hier Kontrollstationen für Autos und Busse. Auch die Lastwagen sollen demnächst auf „compressed natural gaz“ umgestellt werden. Ich habe Delhi im Jahre 1995 kennengelernt, seitdem hat sich hier sehr viel verändert. Wenn ich heute in der Stadt unterwegs bin, finde ich die Luftqualität exzellent. Besucher aus Europa wären vielleicht anderer Meinung. In puncto Ökologie habe ich schon die Solar- und Windenergie erwähnt. Natürlich gibt es indische Bundesstaaten, die noch größeren Nachholbedarf haben, weil sie ärmer sind oder unter dem Druck von Lobby-Gruppen stehen. In Indien wird immer mehr von der Klimaveränderung geredet. Sollten tatsächlich die Pole schmelzen und der Pegel des Ganges steigen, würden viele Regionen riesige Schäden erleiden, denn der indische Subkontinent ist letztlich eine große Ebene. Natürlich wollen die Inder in puncto Klimawandel nicht als die alleinigen Verantwortlichen behandelt werden, und sie wollen ihr Land auch weiterhin entwickeln. In Kopenhagen haben sie Zugeständnisse auf freiwilliger Basis gemacht.

Eine bessere Lebensqualität für alle – ist das in Indien überhaupt möglich angesichts der hohen Bevölkerungszahl?

Indien entwickelt sich rapide. Ich würde sagen, in 10-15 Jahren erkennen Sie dieses Land nicht wieder. Allerdings: Wenn es 300 Millionen Leute gibt, die einen Dollar am Tag verdienen, und die gleiche Anzahl, die es auf zwei Dollar bringt, dann ist man immer noch weit von einem Lebensstandard entfernt, bei dem man sich zum Beispiel einen Fernseher leisten kann. Das reicht dann gerade mal für etwas Reis. Die Wirtschaftsdelegation war nun eine Woche hier. Haben Sie die Metrolinien gesehen, die gerade gebaut werden? In Mumbai, Delhi und Kalkutta gibt es Metrostationen, in fünf weiteren Städten sind welche geplant. Die Inder sind sich bewusst, dass sie in den öffentlichen Transport investieren müssen.

In welchem Umfang sind die Arbeiter in Indien gewerkschaftlich organisiert? In bestimmten Bundesstaaten sollen kommunistische Parteien Unternehmen behindern?

Hier stellen Sie mir eine politische Frage. Als Botschafter in Indien kommt es nicht zu, das politische Geschehen zu kommentieren. Meine Aufgabe ist es, zu beobachten, was vorgeht, und darüber zu informieren. In Indien existieren im Moment zwei große kommunistische Parteien. Es gibt die Communist Party of India (Marxist), eine Partei, die in Westbengalen seit 32 Jahren an der Macht ist. Und es gibt die Communist Party of India. Diese beiden kommunistischen Parteien haben bei den letzten Wahlen erheblich Federn lassen müssen. In Bengalen kam es kürzlich zu Unruhen; wer sie verursacht hat, ist weitgehend unklar. Die Tata-Gruppe hat in Bengalen eine Fabrik errichten lassen; bei den Arbeiten kam es zu Ausschreitungen, und es wurden sogar Wächter umgebracht. Der indische Manager und Chief Executive Officer der Tata-Gruppe, Ratan Tata, entschied sich nach diesen Vorkommnissen, den Standort aufzugeben und einen neuen in Gujarat zu suchen. Das ist eine interne Parteienangelegenheit. Mehr will und kann ich dazu nicht sagen, es handelt sich um eine ausgesprochen kontroverse Sache. Tatsache ist aber, dass diese Geschichte Westbengalen bei ausländischen Unternehmern einigermaßen in schlechtes Ansehen gebracht hat. Aber 2011 sind Wahlen, dann sehen wir weiter. Der Chief-Minister aus Westbengalen hat uns zugesichert, dass weiterhin investiert werden kann und dass auch die Sonderwirtschaftszonen vorangebracht werden sollen – daran kann man erkennen, dass man es bei den indischen Kommunisten eher mit Sozialdemokraten als mit Stalinisten und alten Sowjetkommunisten zu tun hat.

Wieviele Inder sind insgesamt gewerkschaftlich organisiert?

Ich glaube, die Arbeiter sind gewerkschaftlich organisiert – durch alle Kastenschichten hindurch. Das ist kein Problem. Indien ist eine Demokratie, gemessen an der Bevölkerungsanzahl ist es sogar die größte Demokratie überhaupt. Es gibt manchmal noch einige Lücken. Indien ist eine junge Demokratie, die erst 1947 auf eigene Füße gestellt wurde.

In puncto Gesundheitsfürsorge gibt es in Indien keine staatliche Absicherung?

Es gibt motivierte Ärzte, die in verschiedenen Krankenhäusern Mittellose gratis behandeln. Die Ärzte staffeln den Preis entsprechend dem Einkommen eines Patienten. Ich habe das beim Roten Kreuz gesehen. Hier werden Blutkonserven gratis an Arme vergeben. Ich war in Kalkutta im Krankenhaus einer Arbeitergewerkschaft, in dem unter anderem Leute aufgenommen wurden, die in Polizeistationen misshandelt worden waren. Die Betroffenen wurden von Psychologen gratis betreut.

Wie zuverlässig funktioniert das Rechtssystem in Indien?

In Indien herrscht Gewaltentrennung. Dennoch können auch hier Gefangene misshandelt werden. Doch das passiert auch in anderen Ländern auf der Welt, und auch in Demokratien.

Was betrachten Sie als Botschafter in Indien als das größte Problem?

Als Botschafter muss man weltoffen sein, anderenfalls kann man Schwierigkeiten bekommen. Spannend ist, dass jeden Tag politisch etwas Neues geschieht. Wir hatten jetzt eine Wirtschaftsdelegation von 50 Leuten aus Luxemburg hier. Verglichen mit der Zeit zwischen 1993 und 1998, als ich für den Außenhandel in Luxemburg zuständig war, ist das schon ein beträchtlicher Fortschritt. Heute entwickelt sich alles – das heißt auch, daß wir im Bereich der Ökonomie viel zu tun haben. Daher ist auch die Arbeit als Botschafter sehr interessant. Schwierigkeiten hat man in Indien am Anfang, wenn man feststellt, dass nicht alles so läuft wie in Luxemburg. Etwa, wenn man einen Maler für den nächsten Tag bestellt, dieser jedoch erst eine Woche später erscheint und seine Arbeit obendrein eher schlecht als recht macht, so dass er noch einmal zurückkommen muss. Das kann einen in den ersten Wochen etwas enervieren. Aber dann hat man es begriffen, und irgendwann ist es nicht mehr so wichtig. Man muss weltoffen sein. Es gibt nicht viel Zerstreuung hier. Auch darf man keine Angst haben, krank zu werden – sonst wird man seines Lebens nicht wirklich froh. Man muss auf die Leute zugehen und den Realitäten ins Auge sehen. Und mit der Realität vergleichen, in der man vorher lebte, um zu einer fairen Einschätzung zu gelangen. Ich bin seit zweieinhalb Jahren in Indien und ich fühle mich, als ob ich eben erst angekommen wäre.


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