HAITI: Einige sind gleicher

Das Erdbeben von Haiti zeigt: Auch durch Naturkatastrophen lässt sich die Klassengesellschaft nicht erschüttern.

Haiti galt in der Kolonialzeit als eines der reichsten Länder der Karibik. Die frühe Unabhängigkeit bot demnach beste Voraussetzungen, der Bevölkerung ein gutes Leben zu ermöglichen. Sollte man meinen. Doch heutzutage gehört das Land zu den ärmsten der Welt. Auch ohne Erdbeben waren seine Bewohner Habenichtse. Und nun eine Katastrophe, die ihnen das Wenige raubt, was ihnen verblieben war. Ein beklagenswertes Schicksal. Mehr nicht?

Der Reichtum und die formale Unabhängigkeit waren auch ohne Erdbeben für viele Haitianer gleichbedeutend mit Armut und Ausbeutung. Zuvor waren es die Spanier, die die Urbevölkerung ausgerottet und das bekannte Modell der afrikanischen Sklavenarbeiter gewinnbringend über die ganze Insel verbreitet hatten. Als Haiti am 1. Januar 1804 die Unabhängigkeit von Frankreich errang, war das zwar das Ende der direkten Ausbeutung, doch wurde diese Unabhängigkeit durch hohe Zahlungen erkauft, die fast hundert Jahre andauerten.

Zwar gibt es keine Sklaven mehr wie in alten Kolonialzeiten, doch die billigen Arbeitskräfte werfen am Ende eine noch bessere Rendite ab – und werden sie nicht mehr benötigt, so braucht man sich auch nicht mehr um ihren Unterhalt zu kümmern. Sie schuften auf Plantagen und verdienen dabei weniger als die paar Dollar, die sie rein statistisch aus der absoluten in die relative Armut hieven würden. Dabei produzieren sie vorrangig für den Weltmarkt Kaffee und Früchte. Die Grundnahrungsmittel für ihre Familien müssen sie zu Weltmarktpreisen erstehen – ein Teufelskreis, den auch viele andere Entwicklungsländer kennen.

Doch auf Haiti scheint ein besonderer Fluch zu liegen, denn bislang sind alle Versuche, diesem Teufelskreis zu entkommen, kläglich gescheitert. Neue Eliten entpuppten sich als nicht weniger raffgierig als ihre Vorgänger, und das internationale wirtschaftliche System, in das das Land eingebunden war, ließ für neue Modelle keinen Spielraum.

Das Erdbeben trifft unter diesen Umständen die Armen in vielfacher Weise: Ihre meist provisorischen Behausungen stehen nicht nur in den am meisten gefährdeten Gebieten, sie entsprechen auch nicht den Mindeststandards, die in Erdbebengebieten eigentlich vorgeschrieben sind. Die wenigen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Infrastrukturen, die der notleidenden Bevölkerung helfen sollen, ihre Lage ein wenig zu erleichtern, gibt es nicht mehr. Die Aufbauarbeit der letzten Jahrzehnte wurde in kürzester Zeit zunichte gemacht. Der Nobel-Vorort Petionville dagegen, in dem die Elite von Port au Prince ihre Villen stehen hat, blieb von den Folgen des Bebens weitgehend verschont.

Jetzt wirkt sich auch aus, dass die internationale Staatengemeinschaft trotz der nach dem Tsunami vor fünf Jahren gemachten Versprechungen noch immer nicht über ein funktionierendes Einsatzsystem für ein schnelles und effizientes Eingreifen humanitärer Kräfte verfügt. Dieser Part wird den Militärs überlassen, deren Prioritäten aber nicht immer von den Maximen des schnellen Helfens diktiert werden. So wurde ein Flugzeug mit einem mobilen Zeltkrankenhaus von Médecins sans Frontières aus Sicherheitsgründen ins Nachbarland umgeleitet. Mit der Folge, dass diese wichtige Notinfrastruktur mit 24 Stunden Verspätung zum Einsatz kam.

Aber nicht nur schnelles Eingreifen ist wichtig: Die Situation in Haiti verlangt auch ein Nachdenken über eine langfristige Strategie, mit der das Land aus der Armutsfalle herausgeführt werden könnte. Dass die reichen Nationen sich (erst) jetzt über einem definitiven Schuldenerlass befinden wollen, klingt dabei fast wie Hohn: Seit Jahren verlangt die Zivilgesellschaft, Haiti seine Schulden zu erlassen und die Gelder für die Rückzahlung in Entwicklungsprojekte zu verwenden.

Den Haitianern steht mehr zu als die kurzfristige Nothilfe. Der Neuaufbau sollte von der internationalen Staatenwelt transparent und vor allem mit dem Blick auf eine eigenständige Entwicklung des Landes vorangetrieben werden. Der solidarische Elan, der jetzt zu verzeichnen ist, aber auch die Existenz einer engagierten Zivilgesellschaft vor Ort im Verbund mit den bereits anwesenden Blauhelmen der Vereinten Nationen, sind dafür eine günstige Voraussetzung.


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