HORMONERSATZTHERAPIE: Mehr Risiko als Nutzen?

Eine medizinische Studie über Risiken und Nutzen bei der Hormonersatztherapie erregt zurzeit internationales Aufsehen. Nur in Luxemburg nicht.

„Cher Docteur, vous avez certainement appris par les médias qu’aux Etats-Unis l’étude WHI (Women’s Health Initiative) a été arrêtée précocement par les NIH (National Institutes of Health). (…) le risque de continuer le traitement serait trop important par rapport au bénéfice.“ Mit diesen Sätzen beginnt ein Schreiben der Arzneimittelfirma Schering vom 12. Juli, mit dem die ÄrztInnen der Benelux-Staaten über die Ergebnisse einer US-amerikanischen Studie zur Hormonersatztherapie informiert wurden.

Die Untersuchung, in der insgesamt rund 16.000 Frauen im Alter von 50 bis 79 einbezogen waren, war urspünglich in Auftrag gegeben worden, um die vorbeugende Wirkung einer bestimmten Hormonkombination aus Östrogen und Gestagen auf Herz und Kreislauf zu belegen. Doch das Gegenteil trat ein. Zwar zeigte sich, dass durch den Hormoncocktail die Häufigkeit von Dickdarmkrebs um 37 Prozent verringert werden kann. Auch die Rate der Hüftfrakturen ging um ein Viertel zurück. Doch diese Wirkungen verblassen angesichts der Gefahren, denen Frauen bei langfristiger Hormonbehandlung ausgesetzt sind: Im Vergleich zu den Frauen, die ein Scheinpräparat bekamen, traten bei den Frauen, die Hormone erhielten, 41 Prozent mehr Schlaganfälle, 29 Prozent mehr Herzinfarkte und doppelt so viele Thrombosen und Embolien auf. Zudem erhöhte sich der Anteil der Frauen mit Brustkrebs um 26 Prozent.

Anlässe genug also für die ForscherInnen, die Studie nach fünf Jahren Laufzeit vorzeitig abzubrechen. Wenige Tage später wiesen Gesundheitsbehörden weltweit auf die Gefahren von langfristigen Hormonersatztherapien hin. So gaben die zuständigen Behörden in Großbritannien, Deutschland und Frankreich bereits ein beziehungsweise zwei Tage nach offiziellem Erscheinen der Studie deren Ergebnisse bekannt – und warnten Ärzte und Ärztinnen davor, Hormonpräparate ohne gründliche Diagnose und fortwährende Kontrollen auch an gesunde Frauen längerfristig zu verschreiben.

Nicht so in Luxemburg. Auch zwei Wochen nach Erscheinungsdatum war von der zuständigen Behörde noch immer nichts zu hören. Dabei waren VerteterInnen des hiesigen Gesundheitsministeriums, wie ihre europäischen KollegInnen, auf einem Treffen in London am 10. Juli von der EU-Kommission über die US-amerikanische Untersuchung in Kenntnis gesetzt worden – und Presseanfragen lagen ebenfalls ab 11. Juli vor.

Verspätet informiert

Das Präparat komme in Luxemburg selten zur Anwendung, auf das erhöhte Brustkrebsrisiko werde auf den Beipackzetteln der Produkte hingewiesen, die Herzrisiken seien nicht endgültig bewiesen, man habe die entsprechenden Pharmafirmen noch nicht erreicht, hieß es zunächst lapidar aus dem Gesundheitsministerium. Man wolle unnötige Panik vermeiden, präzisierte Jacqueline Genoux-Hames, zuständige Sachbearbeiterin im Ministerium, schließlich gegenüber der woxx als Begründung für die zurückgehaltenen Informationen. Im Übrigen seien die Ärzte ja durch die Arzneimittelunternehmen im Bilde.

Das stimmt so aber nicht. Tatsächlich konnten Anfang dieser Woche, also gut eine Woche nach Erscheinen, weder der Ärzteverband noch der Kreis der Gynäkologen etwas Näheres zur Studie sagen. Und das Schreiben von Schering, das vielen Praxen zugeschickt wurde, erweist sich als lückenhaft: Die erhöhte Gefahr für Herz und Kreislauf auch bei gesunden Frauen findet darin keine Erwähnung. Kein Wunder, das Medikament wurde von der Pharmaindustrie nicht nur als Vorsorgemittel gegen Osteoporose, sondern gerne auch als wirksamer Schutz gegen Herz-Kreislauferkrankungen angepriesen – und bringt den Unternehmen seit Jahrzehnten Millionengewinne.

In der Pressemitteilung für Deutschland des Arzneimittelherstellers Wyeth heißt es, dass sich kein „positiver Effekt auf das kardiovaskuläre System ermitteln ließ“. Ein Euphemismus, den sich auch der deutsche Berufsverband der Frauenärzte in seiner Mitteilung an seine fast 14.000 Mitglieder mit „keine Senkung der Herz-Kreislaufserkrankungen“ zu Eigen machte. Besonders zynisch wird die Zunahme von Brustkrebserkrankungen nach Hormongabe interpretiert: Solche Tumore könnten „durch das beschleunigte Wachstum früher erkannt und entfernt werden“.

Richtig ist zwar der Hinweis, dass rein zahlenmäßig auf zehntausend US-Frauen, die die Tabletten einnahmen, jedes Jahr sieben zusätzlich einen Infarkt und acht einen Schlaganfall erlitten sowie acht weitere Brustkrebs bekamen. Das individuelle Risiko einer Frau, an den Nebenwirkungen zu erkranken, bleibt demnach gering. Bei den vielen Millionen Frauen, die weltweit mit derartigen Hormonkombinationen behandelt werden, geht die Zahl der Betroffenen jedoch in die Zigtausende.

Nutzen und Risiken neu abwägen

Auch der Verweis darauf, dass die beanstandete Wirkstoffkombination der Firma Wyeth (bekannt als „prempro“, „premarin“ oder „premelle“) in Europa viel seltener zur Anwendung kommt als in den USA (das Präparat „premelle“ wurde in Luxemburg im Jahr 2001 laut Krankenkassen-Union rund 5.900 Mal verschrieben), ist mit Vorsicht zu betrachten. Der Nutzen anderer, millionenfach verschriebener Hormonpräparate ist damit jedenfalls noch nicht erwiesen. Es fehlt an repräsentativen Langzeitstudien. Dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zufolge aber liegt die Annahme, „dass die in der WHI-Studie mit Östrogen und dem Gestagen MPA erhobenen Befunde auch auf andere Östrogen-Gestagen-Behandlungsregime übertragbar sind“, nahe.

So scheint – ohne die Hormonersatztherapie als Ganzes verteufeln zu wollen, deren Anwendung bei gravierenden Wechseljahresbeschwerden und Osteoporose grundsätzlich anerkannt bleibt – eine Neubewertung von Nutzen und Risiken Hormonpräparaten dringend geboten.

Eine am 17. Juli veröffentlichte Unterstudie zur so genannten Östrogen-Monotherapie, von Wyeth und Schering weiterhin positiv bewertet, dürfte Pharmaindustrie und Ärzteschaft zudem aufhorchen lassen: Frauen, die Nur-Östrogenpräparate über einen Zeitraum von zehn Jahren nach der Menopause genommen hatten, wiesen ein doppelt so hohes Risiko auf, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken wie Frauen, die diese Präparate nicht einnahmen.

Die „direction de la santé“ hat inzwischen mit ihren Nachbarn gleichgezogen und am 25. Juli die Öffentlichkeit informiert. Ihre Empfehlung an die behandelnden Ärzten sollte eigentlich Selbstverständlichkeit sein: Eine Hormonersatztherapie darf nur bei genauer vorheriger Überprüfung möglicher Risikofaktoren und Gegenanzeigen verschrieben werden und ist fortlaufend zu evaluieren.

Ines Kurschat


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