ATOMSTROM: Fata Morgana

Die Risiken der Kernkraft sollten nicht verharmlost werden, ihre so genannten Chancen dagegen schwinden bei realistischer Betrachtung dahin. Das jedenfalls sind die Schlussfolgerungen zweier von den Grünen eingeladener Experten.

Ist der als CO2-frei gepriesene Atomstrom die Antwort auf den Klimawandel? Am vergangenen Donnerstag stellten auf Einladung des grünen Europaabgeordneten Claude Turmes zwei internationale Experten interessante Studien zur Atomkraft vor. Dabei wurde deutlich, dass mit dem gelben Strom viele Probleme einher gehen, dass er aber kaum viel zur Verhinderung des Klimawandels beitragen kann.

Eberhard Greiser wies auf die Ergebnisse einer Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken (KiKK) hin. Er war Mitglied eines externen Expertengremiums, das die von Mainzer WissenschaftlerInnen angefertigte Studie begleiten sollte. Doch obwohl die Daten einen Zusammenhang zwischen Wohnort und Erkrankungsrisiko belegten, gab der Abschlussbericht der Studie Entwarnung: „aufgrund des aktuellen strahlenbiologischen und -epidemiologischen Wissens [kann] die von deutschen Kernkraftwerken im Normalbetrieb emittierte ionisierende Strahlung grundsätzlich nicht als Ursache interpretiert werden.“

Eberhard Greiser hob die Unregelmäßigkeiten bei der Auswertung und Publikation der Ergebnisse durch das Mainzer Team hervor. Die von ihm gezeigten Zahlen und Grafiken deuten auf einen direkten Zusammenhang zwischen den Krebserkrankungen und der Lage von AKWs hin. Greiser erläuterte, warum seiner Meinung nach nur eine Interpretation dieser Statistiken schlüssig ist, nämlich die eines kausalen Zusammenhangs. Wichtigstes Argumente ist die Plausibilität dieser Erklärung – dass ionisierende Strahlungen Leukämie hervorrufen können ist bekannt. Dem steht die Unplausibilität der von den Mainzer WissenschaftlerInnen vorgebrachten alternativen Erklärungshypothesen gegenüber.

Mycle Schneider, ehemaliger Mitarbeiter von Wise-Paris, legte einen Bericht über „20 Jahre Sicherheit – 20 Jahre Zwischenfälle“ in Cattenom vor. Dabei wurde deutlich, dass in einer der größten Atomzentralen der Welt die Sicherheitskultur höchst mangelhaft ist. Die Vorwürfe reichten von nicht funktionierenden technischen Einrichtungen bis hin zu Alarmanzeigen, die über mehrere Wochen hinweg ignoriert wurden. Die niedrige Auslastung hat dagegen laut Schneider nichts mit den zahlreichen Zwischenfällen zu tun, sondern ist durch die Überkapazität des französischen AKW-Parks bedingt.

Doch über die Gesundheits- und Sicherheitsrisiken hinaus steckt die Nuklearwirtschaft in Schwierigkeiten. Im ebenfalls von Mycle Schneider verfassten „World nuclear industry status report 2007“ wird auf den Mangel an Studenten, Fachkräften und Produk-tionskapazität für bestimmte Bauteile aufmerksam gemacht. Zwar hat sich das Image der Atomkraft seit Tschernobyl wieder erholt, doch viele Analysten seien immer noch der Meinung „dass die Hauptprobleme der Vergangenheit bezüglich der Kernkraft nicht überwunden sind und auch weiterhin einen ernsten Nachteil im globalen Wettbewerb darstellen“.

So macht es das abwartende Verhalten der internationalen Finanzmärkte gegenüber der Kernenergie nicht einfach, das Kapital für den Bau neuer Kraftwerke zusammenzubekommen. Die Liberalisierung der Strommärkte und der Konkurrenzdruck durch andere fossile und durch erneuerbare Energien bedeutet eine zusätzliche Schwierigkeit. Schneider rechnete des weitern vor, dass für einen Ausgleich der alternden und vom Netz gehenden Reaktoren bereits eine kaum zu realisierende Anzahl von Neubauten in Angriff genommen werden müssten. Ein Ausbau der Atomenergie erscheint ihm deshalb in den kommenden zwei Jahrzehnten unwahrscheinlich. Schließlich erinnerte er daran, dass die Kernkraft nur einen Anteil von 16 Prozent an der weltweiten Stromproduktion hat – und nur sechs Prozent an der kommerziellen Primärenergie. Auch ein drastischer Ausbau dieser Energiequelle würde also bei weitem nicht ausreichen, um das Klimaproblem zu entschärfen.

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