REFORM DER SECONDAIRE-OBERSTUFE: Mit Methode büffeln

Luxemburgs SchülerInnen sollen selbständiger und mit mehr methodologischen Kenntnissen auf ein weiterführendes Studium vorbereitet werden.

Im März 2010 hatte das Unterrichtsministerium sein „document d’orientation“ (siehe woxx 1049) zur Reform der Oberstufe des Sekundarunterrichts vorgelegt. 14 Monate später wurden jetzt drei Punkte, die seither die Diskussionen dominieren, präzisiert. Diese sind erstens der spezielle, über einen längeren Zeitraum führende „travail d’envergure“, zweitens das Sprachenstudium und drittens der Stundenaufbau in den einzelnen Jahresstufen.

Ministerin Mady Delvaux-Stehres (LSAP) erläuterte am Donnerstag noch einmal die Gründe, die das Ministerium zu den einschneidenden Änderungen bewogen haben. Die langfristig angelegte Sonderarbeit, die nach der Reform jede Schülerin und jeder Schüler in der vorletzten Klasse ablegen muss, sei eine Antwort auf die Einsicht, dass Luxemburgs Schülerschaft zwar in puncto Wissen im internationalen Vergleich durchaus mithalten könne, es im methodologischen Bereich aber Defizite gebe. Die Sonderarbeit sei ein Mittel, die SchülerInnen an selbständiges Arbeiten über einen längeren Zeitraum hinweg heranzuführen.

Der Anpassung der „grilles horaires“ in den Klassen 10 bis 13 (respektive „4e“ bis „1re“ im klassischen Unterricht) liegt eine ähnliche Überlegung zugrunde: Die Universitäten verlangen neben einer speziellen fachlichen Vorbereitung auch eine hohe Allgemeinbildung. Weil z.B. SchülerInnen in der aktuellen Sprachensektion A kaum noch Mathematikkurse belegen, kam es vor, dass gewisse Universitäten sie nicht zum Studium zuließen, selbst wenn sie sich sprachlich weiterorientieren wollten.

Die Reform versucht jetzt eine Art Dreisprung: Sprachen und Mathematik bleiben in allen Sektionen durch die Bank Pflichtfächer; daneben gibt es eine Kursauswahl in den Spezialfächern, die die SchülerInnen bevorzugen, und einen Block von allgemeinbildenden Wahlfächern, die ebenfalls über alle Klassen hinweg belegt werden müssen. Als Konsequenz entfallen die zahlreichen Einzelsektionen. Im klassischen Unterricht soll nur noch nach den Dominanten Humanwissenschaften oder Naturwissenschaften unterschieden werden. In der technischen Sparte heißen die beiden Zweige dann „commerce et communication“ beziehungsweise „sciences et technologie“.

Die Vielsprachigkeit bleibt dem Luxemburger System erhalten. Im klassischen Zweig müssen alle SchülerInnen des humanwissenschaftlichen Zweiges Deutsch, Französisch und Englisch bis zur letzten Klasse belegen. Der wissenschaftliche Zweig läßt in der letzten Klasse eine der drei Sprachen weg. Die Sprachausbildung soll entsprechend dem europaweiten Referenzkader (CECR) in verschiedenen Stufen angeboten werden. SchülerInnen des klassischen Unterrichts müssen dabei Kurse des sehr hohen Niveaus „C1“ belegen, in einer der Sprachen können sie sich auch auf das Niveau „B2“ abstufen lassen. Im technischen Unterricht sind die Vorgaben ähnlich, nur die CECR-Leistungsvorgaben liegen jeweils um eine Stufe tiefer. Im wissenschaftlich ausgerichteten Zweig wird zudem Englisch bis in die letzte Klasse zum Pflichtfach.

Die Ministerin sieht in dem Verschwinden der einzelnen Spezialsektionen keine Abwertung der jeweiligen Fachbereiche. Je nach Fächerkombination könnten SchülerInnen selbständig ihre Spezialisierung sogar weiter treiben als bisher. Allerdings führt dieses weit ausgelegte Optionssystem zur Sprengung des gewohnten Klassenverbunds, da nicht mehr alle Kurse von allen zugleich belegt werden.

„Wir brauchen im 21. Jahrhundert andere Strukturen als im 20.“, meint die Ministerin, die gerne eingesteht, dass eine große Umwälzung auf alle Betroffenen zukommt. Dass bei der Vorstellung der Reform die meisten LehrerInnen zunächst einmal genau wissen wollten, welche Folgen dies für ihr jeweiliges Fach hätte, findet sie normal. Wichtiger sei aber, was den SchülerInnen am Ende geboten werde und was man ihnen abverlangen könne – und da seien 30 beziehungsweise 31 Wochenstunden das oberste Limit.

Selbst wenn die jetzt mit den Fachkreisen und Schuldirektionen eingeleiteten Konsultationen bis zum Herbst abgeschlossen werden können, dürfte das entsprechende Gesetz nicht vor 2012 zur Abstimmung gelangen. Erste Ansätze zur Einführung des neuen Systems sind demnach wohl erst frühestens für 2013 – ein Jahr vor dem regulären Wahltermin – zu erwarten.


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