CLINT EASTWOOD: Der verklemmte Tyrann

von | 02.02.2012

Anstatt sich auf die politischen Kontroversen der Karriere des FBI-Bosses zu widmen, versucht Clint Eastwood in „J Edgar“ einen Blick in dessen Schlafzimmer zu erhaschen – und setzt damit seinen Film in den Sand.

Und immer wieder die Übermutter, die an allem Schuld ist…

John Edgar Hoover widmete sein Leben dem Department of Justice: Über 48 Jahre leitete er verschiedene Behörden des Departments, vor allem ist er jedoch als Urvater des Federal Bureau of Investigation (FBI) bekannt, das er bis zu seinem Tod im Jahre 1972 mit eiserner Faust leitete. Clint Eastwood hat sich nun die schwierige Aufgabe aufgelegt, das persönliche Leben des FBI-Leiters zu auf Zelluloid zu bannen. Das Resultat ist ein langatmiger Film über einen sehr unsympathischen Menschen, der am Ende eigentlich nur wegen seiner ablenkenden Maske prägend ist.

„J Edgar“ erzählt den Lebenslauf des FBI-Bosses in Rückblicken, die der ältere Hoover durchlebt während er verschiedenen jungen Agenten seine Memoiren diktiert. Bereits in seiner Jugend widmet sich Hoover hingebungsvoll der Verbrechensbekämpfung. Die Bombenanschläge der Radikalanarchisten auf mehrere Politiker im Jahre 1919 und die daraus resultierende Angst vor einer bolschewistischen Invasion („red scare“) packten Hoover und schürten seinen Hass gegenüber Unruhestiftern jeder Art. Hoch motiviert steigt er die Karriereleiter des Justice Department hinauf und wird Direktor des damaligen Bureau of Investigation. Als das Kind des Piloten Charles Lindbergh im Jahre 1928 gekidnappt wird, sieht Hoover in diesem sehr prominenten Fall die große Chance, die Machtbefugnis des Bureaus auszuweiten. Er revolutioniert außerdem die Spurensuche indem er Wissenschaft und Forensik einbezieht und erstellt die weltweit größte Fingerabdruckdatei. Im Film wird er als pedantischer Kontrollfreak dargestellt, der bald den offiziellen Zuständigkeitsbereich des FBI interpretiert wie es ihm passt. Er belauscht, bespitzelt und schikaniert Kommunisten, Anarchisten, Bürgerrechtler und überhaupt jeden der ihm nur in die Quere kommt. So entsteht während der paranoiden Grundstimmung in Amerika, die Hoover stets anfacht, eine der damals gefürchtetsten Institutionen der USA.

Neben dem Bespitzeln und der Kommunistenhetze blieb Hoover wenig Zeit für ein erfülltes Liebesleben, und doch beschäftigt sich der Film größtenteils mit dem privaten Teil seines Lebens. Laut „J Edgar“ hat Hoover kein Interesse an den rosigeren Seiten des Lebens, denn er lebt lange mit seiner dominanten Mutter (Judi Dench) und verbringt den Rest seiner Freizeit mit seinem Associate Director Clyde Tolson (Armie Hammer), der offiziell sein bester Freund ist. Hoovers Homosexualität ist, genau wie sein FBI-Mandat, in den USA immer noch sehr umstritten. Tolson und Hoover werden als unzertrennlich dargestellt: Sie arbeiten und reisen zusammen und gehen zusammen aus. Der FBI-Boss verdrängt jedoch seine Gefühle gegenüber seinem Lebenspartner und man hat den Eindruck, Eastwood sähe in diesem internen Kampf den Grund für Hoovers Unbarmherzigkeit als FBI-Leiter. Interessanter wären jedoch Einblicke in die politischen Kontexte gewesen, als in das Schlafzimmer des verklemmten FBI-Leiters. Denn hier muss sich Eastwood gezwungenermaßen auf Gerüchte basieren – Hoover outete sich nie – und man fragt sich am Ende, was Eastwood genau ausdrücken wollte.

Außerdem ist die Erzählweise teilweise verwirrend und leider auch sehr langatmig. Negativ fällt zudem die Maske auf. DiCaprio und Hammer stellen nämlich Hoover und Tolson in jungen Jahren, als auch in fortgeschrittenem Alter dar. Obwohl beide in ihren Rollen überzeugen, lenken die dicken Masken, die sie tragen, derart vom Geschehen ab, dass man nicht mehr Hoover und Tolson, sondern nur noch Schauspieler mit oder ohne teigige Silikonschicht sieht. Mimik und Gesichtszüge bleiben so in vielen Szenen unter der dicken Plastikschicht verborgen. All dies macht „J Edgar“ zu einem mittelmäßigen Film der neben anderen Eastwood-Werken wie „Gran Torino“ oder „Mystic River“ eher nichtssagend daherplätschert.

Im Utopolis und CinéBelval.

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