WAHLEN 2004: Wahlvolk, was hast Du getan?

Schwarz-Grün schlägt Rot-Blau. Den Wahlausgang 2004 hat eine Studie der Uni-Luxemburg genauer unters Licht genommen.

Wahlanalysten haben es schwer in Luxemburg. Erst seit 1974, als die CSV von den WählerInnen zum ersten und bisher einzigen Mal in die Opposition komplimentiert wurde, werden im Auftrag der Abgeordnetenkammer Wahlanalysen erstellt. Diese beschränkten sich in der Anfangszeit auf die Auswertung von Stichproben der laut Gesetz eigentlich zur Verbrennung bestimmten Wahlzettel. Beauftragt wurde damit unter anderem ausländische Forschungsinstitute, allen voran das belgische Crisp-Institut.

Dieses Verfahren war insofern interessant, als das Luxemburger Wahlsystem die Besonderheit des Panaschierens, also der Wahl von KandidatInnen auf verschiedenen Listen ermöglicht. Eine Auswertung der Stimmzettel, etwa auf die Häufigkeit bestimmter Kandidatenpaare hin, erlaubte so Rückschlüsse auf die besondere politische Struktur im eher kleinen Luxemburg.

In den 90er Jahren kam dann das Instrument der repräsentativen Umfragen hinzu: Im Lauf der Wahlkampagnen wurden die WählerInnen über ihr voraussichtliches Wahlverhalten hin befragt, außerdem wurde anhand von Nachwahl-Umfragen das tatsächliche Wahlverhalten entsprechend sozio-ökonomischer Faktoren festgestellt.

Trotzdem tat sich die politische Klasse schwer damit, diese Wahlanalysen auf einen festeren institutionellen Sockel zu stellen. Die abwechselnden CSV-Chamber-PräsidentInnen zeigten sich wenig begeistert, sich in die politischen Karten schauen zu lassen. Der strukturelle Rückgang, den die christlich-soziale Partei in den 80er und 90er Jahren zu verzeichnen hatte, führte zu einer Art Abwehrreaktion: All zu viele Diskussionen hätten den ungewünschten Trend eher verstärken können.

1999 wurde dann die „Cellule statistique Stade“ des Centre de Recherche Public Gabriel Lippmann mit einer Wahlananlyse betraut, die zusätzliche wissenschaftliche Auswertungen vornahm. Inzwischen gehört die „cellule“ der humanwissenschaftlichen Fakultät der neuen Uni-Luxemburg an.

Anlässlich der letzen National- und Europawahlen im Jahre 2004 wurde Stade erneut mit einer Studie beauftragt. Unter Federführung von Fernand Fehlen standen dem Politikwissenschaftler Philippe Poirier zwei Doktoranden, Patrick Dumont und Raphaël Kies zur Seite. Die Resultate der Studie, die eigentlich eine Aneinanderreihung verschiedener Einzelstudien ist, mit zum Teil sehr unterschiedlichen methodologischen Ansätzen, sollen es der politischen Klasse aber auch dem allgemeinen Publikum erlauben, besser zu verstehen, was sich beim letzten Wahlgang tatsächlich abgespielt hat.

Über das reine Wahlresultat hinaus, das vor allem wegen der Zahl der im Parlament errungenen Sitze in der allgemeinen Erinnerung bleibt, erlauben es Wahlanalysen, das Verhalten bestimmter Bevölkerungsteile zu verstehen. Wie sieht die Altersstruktur beim Elektorat der verschiedenen Parteien aus? Gibt es bestimmte Berufsgruppen, die zu bestimmten Parteien hin tendieren? Und vor allem: Welche WählerInnen haben im Vergleich zur Wahl 1999 ihr Stimmverhalten geändert. Gerade auf diese Fragen gab es in Luxemburg in der Vergangenheit eher unzufriedenstellende Antworten.

Spätestens seitdem die 2004er-Mammutstudie mit über 500 Seiten fertig gestellt ist, sieht der Projektleiter, Fernand Fehlen, Luxemburg nicht mehr im Hintertreffen. Das was jetzt vorliegt, lässt sich durchaus mit dem, was im Ausland produziert wird, vergleichen. Dass zwei Jahre ins Land gehen, bis die Öffentlichkeit in den Genuss der Auswertungen kommt hat dennoch typisch luxemburgische Ursachen: Für Stade ist dies eine Auftragsarbeit unter vielen und vor allem besteht ein Problem der Kontinuität: „Es ist eher ein Zufall, dass Philippe Poirier, der schon 1999 an der Wahlstudie mitgearbeitet hat, auch diesmal zur Verfügung stand. Die beiden anderen Mitarbeiter mussten erst gefunden werden und müssen nach Ende der Arbeit nach anderen Aufträgen Ausschau halten.“

Jedesmal sozusagen bei Null anfangen zu müssen, gefällt Fernand Fehlen nicht. „Dabei wird unsere Arbeit im Ausland durchaus beachtet. Wir haben 20 wissenschaftliche Abhandlungen für internationale Publikationen verfasst“, meint der Soziologe, der sich eine permanente Struktur mit einem festen Kader an Mitarbeitern wünscht.

Ein Lösung könnte in dieser Hinsicht der neue Politologen-Lehrstuhl an der Luxemburger Uni sein, für den in diesen Tagen die KandidatInnen-Kür stattfindet. Allerdings fällt auf, dass eine spezifische Qualifikation für Luxemburg in der Ausschreibung fehlt. Luxemburg als politische Größe scheint auch in Uni-Kreisen nicht unbedingt ernst genommen zu werden.

Der Run hin zur Mitte

Die Vorveröffentlichung von Teilen der Studie hat auch dazu geführt, dass einige Kernaussagen bereits bekannt sind. So entsteht leicht der Eindruck das ganze Konvolut bringe eigentlich nichts Neues. Die Erklärungsansätze des spektakulären Rückgangs der DP etwa, die vor allem Stimmen von WählerInnen aus dem öffentlichen Dienst an die CSV abgeben musste, klingen nicht neu, werden aber auch über andere Analysen bestätigt und vervollständigt.

Die Wahlgewinner, CSV und Grüne, finden in der Studie ebenfalls eine Reihe von Informationen, die auf den besonderen Charakter der Wahl 2004 hinweisen. Der Juncker-Effekt ist besonders erkennbar bei den Europawahlen: Hier konnten sämtliche Wähler dem amtierenden Premier ihre Stimme geben. Er verifiziert sich in vieler Hinsicht und macht auch die Abhängigkeit der CSV von ihrer Führungsperson deutlich. Viele der von den CSV-WählerInnen geschätzten Kompetenzen wie etwa Budget-Stabilität, Rentensicherheit oder europäische Einheit werden vor allem durch Juncker repräsentiert.

Den Grünen wird von der Studie eine Orientierung zur Mitte hin attestiert. Selbst das Elektorat der LSAP gibt sich nicht mehr mehrheitlich als „links“ zu erkennen. Allein „Déi Lénk“ weisen in dieser Hinsicht ein klares Profil vor (siehe Grafik 3).

Das Elektorat von „Déi Lénk“ ist am jüngsten (siehe Grafik 4). Die Grünen folgen als „zweitjüngste“ Partei, allerdings fällt auf, dass die sogenannte Gründergeneration der 35 bis 49-jährigen stark überrepräsentiert ist.

Eines der wohl überraschendsten Erebnisse der Stade-Studie dürfte allerdings der hohe Anteil an WechselwählerInnen sein. Von den WählerInnen, die 1999 angaben eine Partei bevorzugt gewählt zu haben, bekannte sich ein gutes Viertel dazu, 2004 einer anderen Partei den Vorrang gegeben zu haben. Die 2004 arg gebeutelte DP konnte 2004 nur knapp 60 Prozent ihrer StammwählerInnen erneut überzeugen, aber auch bei der CSV blieben nur vier von fünf WählerInnen bei der Stange. Allerdings konnte die „Juncker-Partei“ bei der DP und LSAP sehr viel mehr WählerInnen abholen, als sie an diese abgeben musste. Den Grünen gelang eine positive Wählerwanderungsbilanz mit sämtlichen anderen Parteien.

Inwieweit sich die politischen Gruppierungen für eine eingehendere Analyse der Wahlen aus dem Jahre 2004 begeistern lassen, das wird die öffentliche Vorstellung des „Rapport Elect 2004“ am nächsten Dienstag zeigen. Ab 9 Uhr werden eine Reihe von Referenten im Plenarsaal der Chamber die Resultate auswerten und diskutieren.


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