DĂśRRE: Hoffentlich versichert

von | 04.08.2006

Auf eine staatliche Finanzspritze gegen Dürreschäden können die Bauern trotz hartem Sommer nicht hoffen. Wer seine Pflanzen nicht krankenversichert hat, hat Pech gehabt.

Miniaturmais mit LĂĽcken: Die Trockenheit sorgt vielerorts dafĂĽr, dass die Pflanzen nicht gedeihen wollen. (Foto: ASTA)

Auch wenn wir mittlerweile schon fast wieder ĂĽber KĂĽhle und Regen klagen dĂĽrfen: Dieser Sommer hat es in sich. Noch bevor er zu Ende ist, drängen sich Vergleiche mit dem legendären Sommer 2003 auf. Denn sowohl die hohen Temperaturen als auch die niedrigen Niederschlagsmengen sind bislang rekordverdächtig. „Bis jetzt hatten wir dieses Jahr eindeutig weniger Regen als in derselben Periode vor drei Jahren“, sagt Frank Schmit, Leiter des Service d’Ă©conomie rurale im Landwirtschaftsministerium. Damals fielen allerdings auch der August und September ebenfalls extrem trocken aus, dasselbe lässt sich fĂĽr den diesjährigen Sommer noch nicht prognostizieren.

Ganz dramatisch

„Es ist noch zu frĂĽh, die ökonomischen Konsequenzen fĂĽr die Landwirtschaft abzuschätzen“, so Schmit. Die Situation der hiesigen Höfe kann je nach Betriebsstruktur sehr unterschiedlich ausfallen. „Je nach Reserven vom Vorjahr“, so Schmit, und auch „je nachdem, wie der erste Schnitt auf dem GrĂĽnland ausfiel“, mache sich etwa die Futtermittelknappheit bemerkbar. Als „ganz dramatisch“ bezeichnet allerdings Jos Flammang von der Administration des Services Techniques de l’Agriculture (ASTA) die aktuelle Lage. „Mit einer normalen Ernte ist vielerorts nicht mehr zu rechnen“, erklärt Flammang, der sich vor Ort ĂĽber den Zustand auf dem Acker vergewissert. Besonders Getreide, Mais und Kartoffeln hat die Trockenheit zu schaffen gemacht. „Vor ein paar Tagen waren wir in Redange, dort gab es seit Monaten gerade einmal sechs Liter Regen“, sagt Flammang, „doch was ist das schon?“

Schon die Kälte im FrĂĽhjahr habe den Pflanzen zugesetzt, die darauffolgende Hitze ohne Regen fĂĽhre nun vor allem bei Sommergerste und Winterweizen zu Notreife und Schrumpfkorn. Auch das GrĂĽnland leidet sehr unter der anhaltenden Hitze. „Am ehesten halten sich dann die minderwertigen Gräser“, so Flammang. Nicht nur die Menge, sondern auch die Qualität des Futters wird somit zunehmend schlechter. Ob der Mais, der oft erst knapp anderthalb statt drei Meter hoch gewachsen ist, ĂĽberhaupt Kolben schieben wird, ist derzeit noch unklar. Ohne Körner im Silo wird die meist als Kraftfutter eingesetzte Silage den Bauern nicht reichen. Sie werden ĂĽber den Winter eingekauftes Heu oder Körner zufĂĽttern mĂĽssen.

Das kostet bares Geld, und davon haben nicht alle Bauern genug zur VerfĂĽgung. Fällt zudem die Ernte geringer als erwartet aus, könnten schon im Herbst Liquiditätsprobleme auftauchen, wenn das neue Saatgut gekauft werden muss. „In Luxemburg hängen allerdings die wenigsten Betriebe ausschlieĂźlich vom Getreide- oder Maisanbau ab“, sagt Frank Schmit, „deshalb ist auch mit weniger dramatischen ökonomischen Konsequenzen zu rechnen.“

2003 gab es Hitzegeld

Auch 2003 waren die Ernteausfälle laut Statistik nicht in groĂźem MaĂź existentiell fĂĽr die hiesigen Bauern. Zwar stellten im Laufe des Jahres 45 Höfe den Betrieb ein – doch diese Zahl liegt eigentlich sogar unter dem jährlichen Bauernschwund in Luxemburg. Waren 1960 ĂĽber 9.000 landwirtschaftliche Betriebe registriert, sind es derzeit noch knapp ĂĽber 2.000.

DafĂĽr, dass sich 2003 die ökonomischen Folgen fĂĽr Landwirte in Grenzen hielten, hatte der Staat gesorgt. Den von der Trockenheit betroffenen Betrieben wurde im FrĂĽhjahr 2004 eine von der Europäischen Union bewilligte Entschädigung ausbezahlt. Insgesamt flossen ĂĽber sechs Millionen Euro an 1.561 Betriebe. Rund zwei Drittel aller Luxemburger Höfe kamen demnach in den Genuss einer solchen Zahlung. Auf einen ähnlichen Geldsegen brauchen die Bauern dieses Jahr allerdings nicht zu hoffen: „Seit drei Jahren gibt es die Möglichkeit, die Ernte zu versichern“, erklärt Daniel Frieden vom Landwirtschaftsministerium. „Immer mehr Bauern machen von diesem Angebot Gebrauch.“ Eine Devise, die aus BrĂĽssel kommt: Keine direkten Ausgleichzahlungen mehr, statt dessen dĂĽrfen die Mitgliedsstaaten die Bauern bei den Kosten fĂĽr die Versicherung unterstĂĽtzen. Luxemburg tut dies, indem der Staat die Hälfte der Police bezahlt. „Die Bauern werden so mit in die Verantwortung genommen“, sagt Frank Schmit vom Service d’Ă©conomie rurale. „Sie mĂĽssen selbst entscheiden, ob sie das Risiko von WettereinbrĂĽchen oder die Kosten fĂĽr die Versicherung tragen wollen.“

Von Auswuchs und Auswinterung ĂĽber Sturm und Starkregen bis zu Trockenheit und Hagel können Ackerpflanzen nunmehr versichert werden. „Mehrgefahrenversicherung“ heiĂźt das Produkt, das die Versicherungsgesellschaft „Vereinigte Hagel“ seit November 2003 in Luxemburg anbietet und fĂĽr das es das Monopol besitzt. Toni Esch, der „mandataire gĂ©nĂ©ral“ im GroĂźherzogtum, bevorzugt den Begriff „Alleinwettbewerber“. Vor fĂĽnf Jahren ĂĽbernahm die deutsche „Vereinigte Hagel“ die Portefeuilles der beiden Luxemburger Gesellschaften „Le Foyer“ und „La Luxembourgeoise“. Damals handelte es sich ausschlieĂźlich um Hagelversicherungen. „FĂĽr solche Versicherungen braucht man einen groĂźen Risikoausgleich“, sagt Esch. Und der ist in einem kleinen Land wie Luxemburg nur schwer aufzubringen. Also gaben die Luxemburger Versicherer den Bereich an das deutsche Unternehmen ab.

Das neue Multipaket fĂĽr Landwirte sei ein „schwieriges Produkt“, so Toni Esch. Zwar kann die „Vereinigte Hagel“ inzwischen auf eine langjährige Erfahrung in Sachen Hagelversicherung zurĂĽckblicken, in den anderen Bereichen betrat das Unternehmen vor drei Jahren dagegen in Luxemburg Neuland. Da es im Mutterland Deutschland keine staatliche Kofinanzierung gibt, besteht dort keinerlei Nachfrage nach einer Mehrgefahrenversicherung.

Bislang wenig versichert

Denn ohne staatliche Hilfe ist eine solche Ernteabsicherung fĂĽr Landwirte nicht bezahlbar. In Luxemburg kostet das Paket den Bauern beispielsweise pro Hektar Mais zwischen 17 und 29 Euro, der Staat zahlt noch einmal denselben Betrag hinzu. Ausschlaggebend fĂĽr den Preis sind neben lokalem Wetter auch die Beschaffenheit der Böden und die Lage der Ă„cker. Bislang konnte Esch die Police fĂĽr 5.500 Hektar Ackerland erfolgreich anbieten. Die gegen Hagel versicherte Fläche ist jedoch immerhin fĂĽnf Mal so groĂź. „Hierzulande gibt es noch ein groĂźes Potenzial“, sagt Toni Esch. Viele Betriebe scheinen bislang trotz staatlicher UnterstĂĽtzung die Mehrausgabe zu scheuen.

Derzeit tourt Toni Esch durch Luxemburg und untersucht die Schäden. Solche „Trockenheitsexpertisen“ sind eine komplizierte Angelegenheit. Acht Luxemburger Experten stehen ihm dabei zur Seite. Grundlage fĂĽr eine Entschädigung ist die Bestandsaufnahme auf dem Acker vor der Ernte und der anschlieĂźend festgestellte Ausfall. Liegt dieser ĂĽber 30 Prozent, zahlt die Vereinigte Hagel 20 Prozent der vereinbarten Versicherungssumme. Vor allem die Maisbauern dĂĽrften dieses Jahr in manchen Regionen gute Chancen fĂĽr eine Zahlung haben. „Es sieht nicht gut aus“, sagt Toni Esch und erinnert sich dabei auch an den 25. Juni, den letzten groĂźen Niederschlagstag in Luxemburg: „An diesem Tag zählten wir 60 verschiedene Hagelschäden.“

Etwas weniger dramatisch scheint sich die Witterung bei den Biobauern auszuwirken. Zwar wĂĽrden Kartoffeln und GemĂĽse stark unter Trockenschäden leiden, so der Biobauern-Berater Bernd Ewald. „Was den Mais angeht, habe ich bislang kaum Klagen gehört“, sagt Ewald, der darauf hinweist, dass der Ertrag im Ă–kolandbau deutlich unter dem im konventionellen Anbau liegt. „Somit verbrauchen die Pflanzen viel weniger Wasser“, erklärt der Berater. Zudem speichere der Boden auf Bioäckern durch den höheren Humusgehalt meist mehr Wasser.

Stilllegung wieder rückgängig gemacht

„Viele Bauern waren es gewohnt, auf direkte Ausgleichzahlung zu setzen“, sagt Daniel Frieden zu den nur langsam steigenden VersicherungsabschlĂĽssen in Luxemburg, „doch nach den Erfahrungen in diesem Sommer wird sich das möglicherweise ändern. Von staatlicher Seite dĂĽrfte sich das neue Finanzierungsmodell indessen lohnen. Denn die Kosten der UnterstĂĽtzung fĂĽr die Versicherungen liegen eindeutig unter denen fĂĽr eine direkte Ausgleichszahlung: Im vergangenen Jahr wurden rund 120.000 Euro fĂĽr Mehrgefahrenversicherungen zugezahlt, dieses Jahr sind im Budget 125.000 Euro vorgesehen. GegenĂĽber den Beihilfen in sechsfacher Millionenhöhe von vor drei Jahren ist dieser Posten fast zu vernachlässigen.

Der deutsche Bauernverband fordert derweil, die laufenden EU-Subventionen frĂĽher auszubezahlen „Ob das in Frage kommt, wird sich in den kommenden Monaten klären“, sagt Frank Schmit. Momentan steht der 1. Dezember als Auszahlungsdatum fest. Vor dem 15. Oktober ist eine Auszahlung gar nicht möglich, weil das Budgetjahr erst an diesem Stichtag beginnt. Konkret wurde die ASTA jedoch schon aktiv und hat in BrĂĽssel eine Anfrage gestellt, die stillgelegten Flächen fĂĽr Futtermittel verwenden zu dĂĽrfen. „Diese Erlaubnis werden wir ziemlich sicher bekommen“, so Schmit.

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