ATOMINDUSTRIE: Stresstests im Test

Greenpeace unterzog die Atomzentralen-Stresstests der European Nuclear Safety Regulations Group (ENSERG) einer eingehenden Prüfung und kommt zu alarmierenden Ergebnissen.

Im Juni hat die EU-Kommission dem Ministerrat den Schlussbericht zur ersten Phase den in der Folge der Fukushima-Katastrophe durchgeführten Stresstests der 143 europäischen Atomreaktoren vorgelegt. Zwei Expertinnen, die österreichische Ingenieurin Antonia Wenisch und die deutsche Diplomphysikerin Oda
Becker gehen hart ins Gericht mit den Verfassern des Berichtes, denen sie einen Mangel an Glaubwürdigkeit, Transparenz und Unabhängigkeit vorwerfen. Für Oda Becker, die gestern in Luxemburg weilte, um ihre Studie der Generaldirektion Energie der Europäischen Kommission vorzustellen, steht fest: Die Gesamtstudie beruht auf unvollständigen Basisinformationen. Die Stresstests sind eigentlich nichts anderes als eine Art Selbstevaluierung der Atomindustrie. Die Tests beschränken sich auf wenige vorhersehbare Szenarien, die es eben nicht erlauben, die eigentliche Reaktorsicherheit auf vernünftige Weise zu evaluieren.

In Fukushima und in Tschernobyl war es eine Verkettung von statistisch als „unwahrscheinlich“ eingeschätzten Vorfällen, die zur Katastrophe geführt haben. Solche Betrachtungen, die von unabhängigen WissenschaftlerInnen im Vorfeld der Stresstests in die Diskussion eingebracht worden waren, hat die ENSERG ganz einfach ignoriert. Nach Sicht der von Greenpeace in Auftrag gegebenen Gegenstudie sind es vor allem Faktoren wie das hohe Alter einiger Zentralen, das Fehlen einer gefilterten Ventilation oder die nicht doppelt ausgeführten Hüllen bei manchen Zentralen, die nicht entsprechend in die Testszenarien eingeflossen sind. Außerdem sei dem Problem des mangelnden Überschwemmungsschutzes bei einigen Zentralen nicht Rechnung getragen worden. Eine Fehleinschätzung die ja in Fukushima fatale Folgen hatte.

Roger Spautz von Greenpeace Luxemburg sieht in den Stresstests lediglich „den Versuch, das Vertrauen in die Atomenergie nach der Katastrophe von Fukushima wieder herzustellen“. Es sei wichtig, die Stresstests auszuweiten. Nur so sei eine komplette Bestandsaufnahme möglich. Greenpeace fordert auch, dass für die in ihrer Studie genannten Mängel in verschiedenen Zentralen sofort die notwendigen Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Solche Zentralen, bei denen nach Einschätzung der Studie keine hundertprozentige Sicherheit gewährleistet werden kann, sollten sofort geschlossen werden. Das wäre für die französischen Atommeiler von Cattenom, Fessenheim und Gravelines, sowie Doel und Tihange in Belgien der Fall.

Die Unterredung mit der EU-Kommission fällt zwiespältig aus. „Man hat unsere Kritik gehört und teilweise auch akzeptiert“, so Oda Becker zur woxx. Doch Reaktorsicherheit ist Sache der einzelnen Mitgliedsstaaten. Da Atomkatastrophen nicht vor Staatsgrenzen halt machen sollen jetzt immerhin die grenzüberschreitenden Warn- und Evakuierungsszenarien überprüft und verbessert werden.

Dafür wurde es Zeit: Zusammen mit der Studie ließ Greenpeace auch neue Berechnungen aufstellen, wie sich im Falle eines Unfalls bei den als nicht so sicher eingeschätzten Atomzentralen radioaktive Wolken in Europa verbreiten könnten. Besonders stressig wird es für Luxemburg, wenn in Cattenom etwas passiert. Das Land müsste komplett evakuiert werden und wäre im Fall der Fälle für Jahrhunderte unbewohnbar.


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