SPIELKASINO: „Faites vos jeux“

Die Spielsucht ist nach wie vor ein Tabu in Luxemburg. Es fehlen Präventionsmaßnahmen, gerade angesichts eines zunehmend offeneren Glücksspielmarktes.

„Sobald im ‚Mondorfer Casino‘ die rote Absperr-Kordel geöffnet wurde, sind die Leute in die Spielsäle gerannt“, erinnert sich Romain Juncker, Präsident der Anonym Glécksspiller. „Jeder, der zu einem Automaten läuft, hat ein Problem – warum muss ich rennen, um mein Geld loszuwerden?“ Es sei typisch für Spielsüchtige, immer den gleichen Spielautomaten zu wollen. „Es ist wie eine Beziehung, die sich zum Automaten aufbaut“, so Juncker. Dabei trete der Kick des Gewinnens zunehmend in den Hintergrund und es gehe nur noch ums Weiterspielen. „Als Spieler haben sie den Eindruck, sie könnten etwas dominieren, aber letztlich dominiert die Technik den Spieler und entscheidet, wie viel Geld er am Ende des Tages noch hat.“

Juncker weiß sehr genau, wovon er spricht. Noch vor einigen Jahren stand auch er an, um seinen Automaten zu bekommen. Am Ende konnte er seine Spielsucht nicht mehr verbergen und hat bis zu zehn Stunden am Tag gespielt, wurde unzuverlässig auf der Arbeit, hat sich immer mehr zurückgezogen und Kontakte abgebrochen. „Mit Tricks habe ich versucht, an Geld zu kommen, das heißt, ich habe meine Familie und meine Freunde missbraucht und mit falschen Argumenten Kredite aufgenommen“, sagt Juncker. Körperlich und psychisch komplett runtergekommen, aß er kaum noch, rauchte und trank zu viel. „Ich hatte Kreislaufprobleme, Kopfweh und Magenschmerzen, und diese Symptome wurden noch schlimmer, wenn ich nicht spielen konnte. Es war wie der körperliche Entzug bei substanzgebundenen Drogen“, so Juncker. 1999 habe er in der psychosomatischen Fachklinik in Münchwies im Saarland, die auf die Betreuung von Spielsuchtpatienten spezialisiert ist, eine erste stationäre Therapie gemacht. Doch damit waren längst nicht alle Probleme beseitigt. Wieder in Luxemburg, musste er versuchen, neu anzufangen: Es erwarteten ihn der Trümmerhaufen seines alten Lebens und ein Berg von Schulden. „Der Druck war enorm, ich hatte mehr Schulden als Einkommen“, so Juncker. „Leider haben wir in Luxemburg nicht die Möglichkeit, ein Insolvenzverfahren wie in Deutschland oder eine ‚faillite personnelle‘ wie in Frankreich anzumelden.“ Das sei dann auch einer der Gründe für einen zweiten Rückfall gewesen.

Spielsucht ein Tabu

Seit 2002 ist Juncker nun spielfrei und hat sich für die Gründung der „Anonym Glécksspiller“ stark gemacht, eine der wenigen Anlaufstellen in Luxemburg in puncto Spielsucht: Selbsthilfegruppen gab es bis dato nur in Trier, den bestehenden ambulanten Hilfsstrukturen in Luxemburg, wie etwa dem „Centre de prévention“, sei das Problem der Spielsucht wenig bekannt gewesen. Auch wenn die Therapie mittlerweile von der Krankenkasse übernommen wird und der Betroffene insgesamt 28 Tagessätze zu jeweils 10 Euro zahlt, müssen die meisten ins deutsche Ausland gehen. Hier gibt es Psychiater, die auf das Phänomen spezialisiert sind, wogegen die Spielsucht in Luxemburg nach wie vor ein großes Tabuthema ist.

„Leider fürchten sich die Leute noch immer, zu uns zu kommen“ sagt Juncker. „Dies, weil Luxemburg ein kleines Land ist, man könnte ja auf Bekannte treffen.“ Auch werde die Problematik nach wie vor kleingeredet und sei zudem nicht so „populär“ wie andere Süchte.

Seit 2002 hat die kleine Asbl ein offenes Ohr für Spielsüchtige und bietet Treffen an, sei es alleine oder mit Partner, um zu erklären, worum es bei der Sucht geht. Die Asbl hilft den Betroffenen bei ganz konkreten Schritten, begleitet die Spielsüchtigen in ein Therapiezentrum, hilft Kontakte zur Schuldenberatung oder zu einem Psychiater zu knüpfen.

*+f*Kaum Hilfsstrukturen

International geht man davon aus, dass ein bis zwei Prozent der Bevölkerung spielsüchtig sind, was in Luxemburg dementsprechend auf 4.500 Menschen zutreffen würde. Demgegenüber scheinen die „Anonym Glécksspiller“ fast auf verlorenen Posten zu stehen: Denn die Asbl wird fast ausschließlich von drei Ehrenamtlichen betrieben. Außer einem einmaligen staatlichen Zuschuss verfügt sie über kein festes Budget. Auch an einem eigenen Raum mangelt es. „Es fehlt an Zeit, da wir als Privatpersonen gezwungen sind zu arbeiten, auch um unsere Schulden zurück zu bezahlen“, meint Romain Juncker. „Eine feste Struktur wäre wünschenswert, besetzt mit einem 20-Stunden-Posten.“ Dies würde auch mehr Öffentlichkeitsarbeit ermöglichen. So sorgt sich die Asbl zurzeit darum, dass sich das Spielsuchtproblem zunehmend auf Jüngere verlagert, ohne dass das Problem in der Gesellschaft ernst genommen werde. Gerade im Spielbereich gebe es mittlerweile eine riesige Palette an Angeboten, die vom Spielkasino über das Lottospiel bis hin zu Online-Spielen oder Pokerspielen in den Medien reiche. „Wir sehen, dass die Jugendlichen im Internet mit Geldeinsatz Poker spielen oder sich an Sportwetten beteiligen“ sagt Juncker.

Viele Eltern seien sich gar nicht bewusst, was passiert, wenn Jugendliche stundenlang vor dem Computer sitzen und sich isolieren – oft Jugendliche, die sozial gehemmt sind.

Es sei nicht kontrollierbar, ob eine Wirtsfrau einen 15-Jährigen am Zubito-Automaten spielen lässt oder ein 13-Jähriger sich Rubbellose beschafft. „Die Lose der Nationallotterie gab es früher nur bei der Post, heute gibt es sie überall. Internet und Handy sind nicht zu kontrollieren. Hier tut sich ein Markt auf, der riesengroß ist und der keine Ethik und kein Limit mehr hat“, stellt Juncker fest. Auch das Pokerspielen um Geld, das an sich verboten ist, werde in den Cafés mit bis zu 400 Euro Einsatz angeboten. Deshalb arbeiten die „Anonym Glécksspiller“ mit dem Erziehungsministerium an einer Studie, um konkrete Zahlen zum Glücksspiel im Schulbereich zu ermitteln. „Ein Jugendlicher, der sich mit Spielen im Internet zudröhnt, kann sich nicht mehr schützen, das Internet ist so einfach zugänglich“, meint Juncker. Mit dem „Casino“ stünden sie dagegen auf einem anderen Niveau, denn hier gebe es eine Entwicklung in Richtung Spielerschutz.

Auch wenn das Spiel im „Casino“ nur zehn Prozent des nationalen Umsatzes im Glücksspiel ausmacht – 25 Prozent entfallen auf Automaten und 50 Prozent auf die Nationallotterie – so gehen Schätzungen doch davon aus, dass generell ein sehr hoher Prozentsatz (über 50 Prozent) des Umsatzes im Spielkasino „problematischen“ Spielern zu verdanken ist. „Nach wie vor verschleiern Kasinos die Situation“, meint der Psychologe Jörg Petry vom Klinikum Münchwies. „Es gibt viele Kasinos, die hofieren ihre pathologischen Spieler und bieten Vorzüge, etwa indem sie Reisekosten übernehmen.“

Trotzdem stellt Juncker, der lange mit dem staatlichen „Casino 2000“ in Mondorf auf Kriegsfuß stand, fest, dass das Problem Spielsucht mittlerweile ernster genommen wird:

„Positiv ist, dass Leute im Casino kontrolliert werden, dass Spielsüchtige sich selbst sperren können und dass gesperrte Leute davon abgehalten werden, das ‚Casino‘ noch einmal zu betreten.“ Auch werde das so genannte „play-it-safe-Team“, bestehend aus ‚Casino‘-Mitarbeitern mit einer speziellen Weiterbildung, auffällige Spieler ansprechen und zu einem 30-minütigen Gespräch einladen, um den Gast im Bedarfsfall dazu bewegen, einer Begrenzung der Besuche oder einer Weitervermittlung an SOS-Détresse sowie die „Anonym Glécksspiller“ zuzustimmen.

Die Jahresbilanz 2006, die das „Casino 2000“ diese Woche vorstellte, verzeichnet denn auch rund 300 „Play-it-safe-Gespräche“ und 57 Selbstsperren. Dies erscheint sehr wenig, angesichts dessen, dass jährlich mehr als 370.000 Gäste die Spielsäle besuchen.

„An der Anzahl der Sperren kann man ablesen, wie effektiv ein Kontrollsystem funktioniert“, meint Petry. In Luxemburg funktioniere das Spielkasino nach dem angelsächsischen Vorbild des ‚responsible gambling‘. „Dagegen ist es zum Schutz der Spieler wichtig, dass es eine gesetzlich verankerte staatliche Kontrollbehörde gibt, die Einsicht in Beobachtungsbögen hat, die Mitarbeiter des Kasinos anlegen. Auch ein gesetzlich verankertes präventives Sperrsystem nach dem Vorbild der Schweiz ist sinnvoll.“ Ein solches Sperrsystem verpflichtet das Kasino, jemand auch gegen seinen Willen zu sperren, wenn offensichtlich wird, dass derjenige sich ruiniert. Diese Maßnahme erscheint sinnvoll, gerade weil viele Spielsüchtige sich ihre Sucht selbst nicht eingestehen und Hilfe erst annehmen, wenn gar nichts mehr geht.

*+f*Zwangssperren

Dagegen lehnt Guido Berghams, Direktor des Mondorfer „Casino“, die Zwangssperrung ab, mit dem Argument, dass die Spieler dann nach Belgien, Deutschland oder Frankreich gehen könnten: „Wenn der Spieler es selber nicht einsieht und wir ihn sperren, dann geht er in ein anderes Kasino im Ausland oder nutzt eine andere Spielmöglichkeit, aber es bedeutet nicht, dass er aufhört zu spielen.“ Das Kasino garantiere dagegen eine gewisse Kontrollfunktion: Hier verlaufe das Spiel im Gegensatz zum Internet oder verbotenem Glücksspiel sauber ab. Auch könne das Kasino, dadurch dass es in physischem Kontakt zum Spieler stehe, jederzeit Einfluss nehmen. Um die Beobachtung der Spieler zumindest technisch zu optimieren, plant das Mondorfer „Casino“, demnächst ein biometrisches System einzuführen. Dieses soll zukünftig gesperrte Spieler einfacher registrieren, auch um – so Berghams – „normale“ Gäste nicht durch Identitätskontrollen zu stören, die bisher im Automatenspielsaal nicht getätigt wurden.

„Wenn es nach mir ginge, würde es kein Glücksspiel mehr geben“, sagt Romain Juncker und bedauert, dass es keine europäische Gesetzgebung gibt, die es ermöglicht, Spieler grenzüberschreitend zu sperren. „Leider existiert das Glücksspiel überall, es kommt darauf an, die Misere, die dabei entsteht, so klein wie möglich zu halten.“

Eingreifen könnte der Luxemburger Staat, um im Sinne der Suchtprävention eine adäquatere Gesetzeslage zu schaffen, die innerhalb des „Casinos“ und außerhalb mehr Spielschutz bietet. Gerade ein Jahresumsatz von 15 Millionen Steuern auf Spieleinnahmen, die der Staat ausschließlich durch das Mondorfer „Casino“ bezieht, könnten, statt in den allgemeinen Staatshaushalt zu fließen, zum Aufbau eines effizienteren Präventionssystems genutzt werden.


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