SUIZIDPRÄVENTION: Arbeit kann tödlich sein!

Die Zahl der Suizide steigt weltweit. In Luxemburg ist Selbstmord die erste Todesursache bei Erwerbstätigen. Wer dem Druck im Unternehmen nicht standhält, bleibt auf der Strecke …

… before it kills you

Ein erfüllender Job ist ein Ideal, nach dem die meisten Menschen in unseren modernen Leistungsgesellschaften streben. Sich selbst zu realisieren, ist heute, wo die physische Strapaze der Arbeit dem psychischen Stress gewichen ist, mehr denn je zum Leitmotiv geworden. Zahlreiche Studien zeigen, dass, wer einer sinnstiftenden Arbeit nachgeht, mit der er/sie sich identifizieren kann, meist auch leistungsfähiger ist. Doch wer hat ihn schon, den Traumjob? Leistungsdruck, Mobbing und Konkurrenzkampf sind Begleiterscheinungen, die in den westlichen Wohlstandsnationen fast schon als normal hingenommen werden. Wer dem Druck nicht standhält, bleibt auf der Strecke. Arbeitsbedingte Selbstmorde sind damit nur die extreme Folge der Gegebenheiten eines Systems, das auf Leistung setzt und in dem der Einzelne allein an seinem wirtschaftlichen Nutzen gemessen wird. Empörung hierüber setzt erst dann ein, wenn die Zahl derjenigen, die dem Druck nicht standhalten und zusammenbrechen so hoch wird, die Zahl der Suizide so alarmierend zunimmt, dass man nicht länger die Augen vor der Entwicklung verschließen kann. Das zeigte seinerzeit das Beispiel von France Télécom. Zwischen 2008 und 2011 hatten sich in dem französischen Unternehmen mehr als 60 Beschäftigte das Leben genommen. Gewerkschaften führten die Selbstmordserie direkt auf die Arbeitsbedingungen und die Umwälzungen beim Konzernumbau zurück. Luxemburg befindet sich mit seiner Suizidrate von etwa 70 Menschen/pro Jahr noch im europäischen Mittelfeld.

Statistische Grauzone

Dennoch sind die Zahlen alarmierend: Bei den 18 bis 40-Jährigen ist Selbstmord die erste Todesursache. Fast 75% der Menschen, die Suizid begehen, gehören zur arbeitenden Bevölkerung. Rund drei Prozent der Beschäftigten geben an, schon einmal über einen Selbstmord nachgedacht zu haben. Männer begehen dreimal so oft Selbstmord wie Frauen. Dennoch bewegt man sich, spricht man über Suizid, immer in einer Grauzone. Wo eine Depression herrührt und ob allein der Arbeitsdruck einen Menschen zum Selbstmord trieb, kann im Nachhinein niemand sagen.

Enttabuisierung nötig

Das Centre d`Information et de Prévention, das vom 19. – 21. Februar zum 7. Mal eine Tagung mit Themen rund um die Suizidprävention veranstaltete, stellte den arbeitsbedingten Stress und die mit ihm verbundenen Suizidfälle in den Mittelpunkt; die Veranstalter sehen ihre Aufgabe maßgeblich darin, Bevölkerung sowie Medienschaffende für das Thema zu sensibilisieren. Das Thema müsse in die Gesellschaft getragen und enttabuisiert werden, mit dem langfristigen Ziel, die Tendenz zu senken. Einen „Nationalen Aktionsplan gegen Suizid“ will der Gesundheitsminister noch bis 2014 auf den Weg bringen. Welches die Eckpunkte bzw. Inhalte dieses Aktionsplans sein werden, konnte Di Bartolomeo allerdings noch nicht sagen. Er hob hervor, dass auch tatsächliche oder drohende Arbeitslosigkeit eine erhöhte Suizidgefahr mit sich bringe. Doch auch bei der Frage, wie er denn Arbeitslosigkeit konkret bekämpfen oder wie er Verbesserungen erreichen will, blieb er nebulös. Über ein kräftiges „Wir werden etwas tun“ ging der Minister nicht hinaus. Ein engagiertes Plädoyer hielt der Psychiater Patrick Légeron anlässlich der Eröffnung der Tagung. Es sei paradox, dass die Gesellschaft in fast allen Bereichen auf die Gesundheit setze und dafür werbe, während sie am Arbeitsplatz noch immer eine untergeordnete Rolle spiele. Suizide seien eine Realität, aber keine Fatalität, die man hinzunehmen habe. Recht allgemein forderte er, den Menschen wieder in den Vordergrund zu stellen. Doch mehr als solche Appelle dürfte die Unternehmen der Kostenfaktor überzeugen. Denn der wirtschaftliche Schaden, den der Verlust eines Mitarbeiters mit sich bringt, ist enorm.


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