PFLEGE: Bewusstseinswandel?

Eine Ethik-Charta will Standards im Pflegebereich setzen und als Leitfaden zur Verhinderung von Missbrauchsfällen dienen.

Der Pflege-Bereich steht seit Jahren in Verruf. Patienten werden bisweilen starke Medikamente verabreicht, um sie ruhigzustellen, ihre Wünsche finden oft kein Gehör. Und gerade Menschen mit Alzheimer oder einer neurodegenerativen Erkrankung werden in Pflegeeinrichtungen (zu) schnell sediert – in seltenen Fällen sogar fixiert, um sie zu beruhigen. Das Pflegepersonal ist oft restlos überlastet. Missstände bei der stationären oder ambulanten Pflege sind die logische Folge, die in der Regel auf Kosten des Patienten gehen. Dabei sollte die Achtung des Patientenwillens und der Würde des Patienten im Vordergrund stehen. „Es geht um Selbstbestimmung“, betonte auch Copas-Präsident Marc Fischbach anlässlich der Präsentation der Ethik-Charta. Bislang habe es für das Pflegepersonal in der alltäglichen Praxis keine klaren Richtlinien gegeben. Nun hat der Luxemburgische Dachverband für Pflegeeinrichtungen (Copas) solche Leitlinien vorgelegt. Es handle sich dabei aber weder um ein fertiges Rezept noch um einen Katalog mit starren Verhaltensregeln, so Fischbach, sondern vielmehr um normative Richtlinien. Die Charta sei eine Antwort auf Fragen, die sich aus dem Dilemma zwischen dem Patientenwillen und seiner Sicherheit ergebe. Ethik müsse (wieder) im Vordergrund stehen.

Ethik im Vordergrund

Die Charta sieht Richtlinien in vier Bereichen vor. Die Würde und der Wille des Patienten müssten über allem stehen, im Idealfall sollte jede Person über die eigene Pflege bestimmen können; ferner müssten Angehörige grundsätzlich in ethische Fragestellungen miteinbezogen werden. Physische Einschränkungen seien nur in Extremfällen zulässig. Das heißt im Klartext, dass Ärzte Medikamente mit Bedacht dosieren müssen und Patienten nicht einfach sedieren dürfen. Zwangsmaßnahmen wie Fixierungen dürften gemäß dem Prinzip der „minimalsten Restriktion“ nur im äußersten Fall vorgenommen werden. Ungerechtfertigte Übergriffe auf Patienten müssten aufgeklärt werden. Schließlich sieht die Charta auch vor, dass pflegebedürftigen Patienten oder solchen mit einer physischen oder geistigen Einschränkung die Möglichkeit eingeräumt werden müsse, ihre Sexualität im stationären oder ambulanten Rahmen auszuleben. Gegebenenfalls sei ihnen eine dritte Person als Sexualassistenz zur Seite zu stellen. Sexuelle Missbrauchsfälle durch das Personal berücksichtigt die Charta der Copas hingegen nicht. Dabei sorgte in Deutschland 2011 eine Studie der Universität Bielefeld für Aufsehen. Von knapp 1.600 befragten Frauen hatte jede dritte angegeben, dass sie in ihrer Kindheit und Jugend sexuellen Übergriffen ausgesetzt war – im Erwachsenalter jede Fünfte. Insbesondere Frauen in Pflege-Einrichtungen waren davon betroffen. Mehr als ein Drittel der Frauen hatte angegeben, dass sie beleidigt, gedemütigt, erpresst oder Psychoterror ausgesetzt worden sei.

Für Luxemburg gibt es keine repräsentativen Werte, doch ist davon auszugehen, dass es auch hier in Pflegeheimen zu sexuellen und physischen Übergriffen durch das Personal kommt. Hierbei kann der Copas-Katalog mit seinen ethischen Empfehlungen wohl nur wenig ausrichten. Dennoch wünscht sich Fischbach, „dass Verantwortliche das Pflegepersonal künftig anhand dieser Leitlinien messen und es notfalls auch zur Rechenschaft ziehen werden“. Ab nächstem Jahr wird der von der Copas geplante Ethik-Vorstand seine Arbeit aufnehmen; das plurisdisziplinäre Gremium setzt sich zusammen aus einem Vertreter der Pflege-Branche, einem Arzt, einem Juristen und einem Philosophen. Bevor der Copas-Präsident feierlich seine Unterschrift unter das Dokument setzte, äußerte er den Wunsch, die Charta möge zu einer ethisch geprägten Kultur beitragen. Diese sei die „conditio sine qua non“, ein Komplex von Bedingungen, an denen fortan keiner mehr vorbeikomme. Der Leitfaden stellt fraglos einen überfälligen Fortschritt in Sachen Selbstbestimmung und Achtung der Patientenbedürfnisse dar. Ob aber die rechtlich nicht verbindliche Charta wirklich ausreicht, die Standards in der Pflege und die prekären Verhältnisse im Pflegebereich nachhaltig zu verbessern?


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