FILMEMACHER: Fasziniert vom Pionier

Wer war Leslie Kent? Ein Pionier der luxemburgischen Rockmusik, sagt Andy Bausch, der soeben einen Dokumentarfilm über die fast vergessene Legende fertiggestellt hat.

Hat sogar eine Pionierkamera: Andy Bausch beim Dreh.
(Foto: Romain Girtgen)

woxx: Warum haben Sie Leslie Kent – den ersten „richtigen“ luxemburgischen Rocker – in einem Dokumentarfilm und nicht in einer Fiktion verewigt?

Andy Bausch: Man darf nicht vergessen, dass meine Dokumentar- und meine Kinofilme zwei grundverschiedene Sachen sind. Bei Leslie Kent – mit bürgerlichem Namen Guy Theisen – war es so, dass die Idee mir schon länger im Kopf herumschwirrte. Als ich anfing an dem Film zu arbeiten, lebte Guy noch. Ich wusste nicht einmal, dass er krank war. Einer meiner ersten Schritte war, ihn anzurufen und zu fragen, ob er mitmachen wolle. Nicht ob er einverstanden sei – da hatte er keine Wahl. Wäre er nicht begeistert gewesen, wären meine Recherchen allerdings viel schwieriger gewesen. Zumal der Film viel auf Gespräche mit ihm aufgebaut ist. Dadurch kommt der Film auch viel näher an Leslie Kent ran und wird ihm besser gerecht als wenn ich eine Fiktion über ihn gedreht hätte. In dem Fall hätte ich sein Porträt übertreiben, ihn karikieren müssen sozusagen. Es wäre wahrscheinlich ein satirischer Film geworden, der mit Klischees spielt und diese überspitzt. Wenn man all die Anekdoten die im Film erzählt werden hört, ahnt man, dass dort ein Teil Wahrheit ist und der Rest zusammengesponnene Märchen sind.

Wollen Sie dem Zuschau den „wahren“ Leslie Kent denn nicht näherbringen?

Es sind hoffentlich genug Gesichtsausdrücke und Tonlagen im Film enthalten die Zweifel und Widersprüche aufkommen lassen. Ich habe nach Guys Tod nichts am Film geändert. Er starb während der Schneidearbeiten. Sonst hätte es gut sein können, dass ich seinetwegen gewisse Passagen herausgenommen hätte, die jetzt drin sind. Wahrscheinlich hätte ich ihm den Film gezeigt. Wäre er unzufrieden gewesen, hätte ich auch Kompromisse gemacht. Nicht weil ich das gemusst hätte, sondern einfach weil ich ihm nicht weh tun wollte. Es muss natürlich sehr schwer sein, sich einen Film über das eigene Leben anzusehen.

Guy Theisen ist heute fast ganz aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Was war denn eigentlich das Besondere an ihm?

Es ist lange her, dass er wirklich bekannt war, seine Karriere endete bereits in den 80ern. Aber in den 60er Jahren war Guy Theisen der erste, der den Schritt ins professionelle Lager wagte und in ausländischen Bands spielte. Jeder einheimische Musiker hat zu ihm aufgeschaut und versucht ihn zu kopieren. Das Besondere an Leslie Kent, ist für mich die Faszination die ich immer noch für Pioniere empfinde. Das ist nicht originell, aber Leute, die in Luxemburg gewisse Sachen als Erste gemacht haben, ziehen mich irgendwie an. Andererseits gefällt mir auch der Gedanke, dass mit „Leslie Kent“, meine beiden vorherigen Dokumentarfilme, über Fred Junck und Camillo Felgen, zu einer Trilogie ergänzt werden. Alle drei passen irgendwie zusammen, weil jeder ein Stück Luxemburg erzählt. Und weil sie sich überschneiden, es geht ja fast immer um die 60er und 70er Jahre. Ich glaube, man lernt in den drei Filmen eine weniger bekannte Seite von unserm Land kennen.

Camillo Felgen und Fred Junck kennt die Öffentlichkeit wohl besser als Leslie Kent.

Es ist auch wichtig für mich, dass die Leute durch den Film aufmerksam auf Guys Arbeit werden. Dass seine Musik wieder an die Leute kommt. Deshalb werden wir auch gegen Jahresende eine DVD mit einer CD von ihm herausbringen. Diese ist zwar keine Best Of Compilation da dies aus rechtlichen Gründen unbezahlbar wäre. Es handelt sich um jede Menge bisher unveröffentlichtes Material, an dem wir die Rechte erhalten. Vielleicht entstauben ja auch ein paar Radiosender ihre Platten und nehmen seine Musik wieder ins Programm. Und vor allem sollte die immer größer werdende Community von luxemburgischen Bands wissen, dass es mal einen ganz rauen Bruder namens Leslie Kent gab, der schon vor 30 – 40 Jahren da war und der ihren Respekt verdient. Denn es war damals viel schwerer die relativ bornierten Grenzen unserer Gesellschaft zu überwinden und zu sagen: Ich will hauptberuflicher Rockmusiker werden. Wenn der Film dieses Publikum erreichen könnte und nicht nur die Generation, die die Zeit von Leslie Kent miterlebt hat, das wäre für mich das Schönste.

Kann ein Dokumentarfilm das fehlende Gedächtnis ersetzen, oder stellt er die Realität nicht doch in ein anderes Licht?

Es ist ein Rettungsversuch. Denn vieles ist bereits verschwunden: Menschen sind gestorben und Bandaufnahmen wurden weggeworfen oder vergammeln auf Dachböden. Das habe ich bei allen Dokumentarfilmprojekten gemerkt: Wenn es jetzt nicht gemacht wird, dann ist in ein bis zwei Jahren die Hälfte verschwunden und noch fünf Jahre später ist alles restlos weg. Ein Wettlauf mit der Zeit. Zum Glück habe ich schon vor zwei Jahren die Arbeit an dem Film aufgenommen. Hätte ich erst vor einem Jahr angefangen, gäbe es im Film keine Interviews mehr mit Guy. Denn da war er gesundheitlich schon so angeschlagen, dass er nicht mehr hätte mitmachen können.

Wie sehen Sie denn die aktuelle Verfassung der luxemburgischen Filmbranche?

Es ist leider so, dass es uns an Nachwuchs fehlt. Ein Problem ist dass wir zu wenig Techniker haben – es gibt deren ungefähr hundert. Das macht es schon schwierig wenn zwei Filme hier gleichzeitig produziert werden. Dann müssen Leute aus dem Ausland herbeigekarrt werden, was das Budget wieder in die Höhe treibt. Dabei sind unsere Leute gut. Es fehlen aber auch junge Schauspieler. Da muss ich einen Teil der Schuld auf mich nehmen, denn schließlich arbeite ich meistens mit denselben und kann so auch keinen Jungschauspielern die große Chance einer Rolle bieten. Aber gleichzeitig frage ich mich auch wo die neue Generation denn steckt. Ich meine diejenigen, die unbedingt herausstechen wollen und den Mut zur großen Karriere haben. Regisseure sind ebenfalls problematisch. Es gibt deren zwar eine Menge, ich hoffe dass da mal eine richtige Konkurrenz heranwächst.

Arbeiten Sie deshalb auch manchmal im Ausland? Ist es dort angenehmer?

Einen großen Unterschied gibt es da nicht. Persönlich arbeite ich lieber in Luxemburg, weil ich da eher meine Geschichten erzählen kann. Im Ausland habe ich nur fremde Drehbücher verfilmt, anders gesagt: Ich habe meinen Job gemacht. Was die Szene hier angeht, ist das Problem vielleicht, dass die jungen Filmschaffenden mit einer besonderen Situation aufwachsen sie haben für ihren ersten Kurzfilm sofort ein beachtliches Budget zur Verfügung., das ich nicht einmal für meine ersten langen Filme hatte. Das ist nicht ihre Schuld, sie haben sicher andere Kämpfe auszutragen als ich damals. Trotzdem ist es bedauerlich, dass es anscheinend niemanden gibt, der verbissen genug ist, der mit dem Kopf durch die Wand gehen will, nur um seine Geschichte zu erzählen.

Wird im allgemeinen zu viel und nicht gezielt genug gefördert?

Es gibt einen Kuchen der aufgeteilt werden muss. Natürlich soll jeder ein Stück davon abbekommen. Ich frage mich bloss warum, so viel Geld in Projekte gesteckt wird die inhaltlich nichts mit Luxemburg zu tun haben. Es gibt Beispiele anderer kleinen Länder wie Dänemark oder Island, bei denen ich das Gefühl habe, dass nicht nur das Publikum sondern auch die politischen Verantwortlichen und die Presse geschlossen hinter dem nationalen Kino stehen.

Liegt es nicht einfach daran, dass Luxemburg einfach zu klein ist um eine richtige Filmlandschaft gedeihen zu lassen die über die Grenzen bekannt ist?

Der luxemburgische Film kann nur im Ausland bekannt werden, wenn er auch im eigenen Land richtig akzeptiert wird. Ich habe oft gelesen, dass das luxemburgische Kino seine Identität erst noch finden muss. Das ist meiner Meinung nach totaler Quatsch. Es besitzt eine Identität. Vielleicht nicht die, die verschiedene Journalisten gerne sehen wollen. Unser Kino – das von Paul Cruchten und mir zum Beispiel – ist teilweise populär und beinhaltet auch vulgären Sprachgebrauch. Es ist das Kino des kleinen Mannes. Und diese 15 oder mehr luxemburgischen Filme reichen schon aus um einem Kino eine Identität zu geben. Unsere Kultur ist nun mal nicht sehr exotisch und zudem einfach zu identisch mit der unserer Nachbarländer.

Leslie Kent kommt ab Mitte Juli in die Kinos.


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