Eselsohren und Salatköpfe

von | 10.06.2021

Eigentlich ist er derjenige, der Neuerscheinungen rezensiert: der luxemburgische Literaturkritiker Jérôme Jaminet. Im März hat er sein Buch Ein Wort in Esels Ohr. Aufzeichnungen“ veröffentlicht. Das Cover resümiert den Inhalt.

COPYRIGHT: Capybarabooks

Don’t judge a book by its cover“, lautet eine oft zitierte Redewendung. Das gilt allerdings nicht für Ein Wort in Esels Ohr. Aufzeichnungenvon Jérôme Jaminet, denn das Cover vermittelt einen guten Eindruck dessen, was einen zwischen den Buchdeckeln erwartet: Eine Gestalt mit Salatkopf, rotem Pullunder und Möhre in der Hand reitet einen braunen Esel auf Sprungfedern. Klingt verspielt? Auch ein wenig zusammenhanglos und kurios? Ähnlich lassen sich die Aufzeichnungen des Literaturkritikers und Deutschlehrers Jaminet bezeichnen.

Er schreibt auf, was ihn beschäftigt oder ihm begegnet. Die Texte reichen von düsteren Gedanken über das Lebensende – dazu finden sich in dem kurzen Buch recht viele Texte – über Reiseberichte bis hin zu etymologischen Kurzstudien. Zwischen den Zeilen tauchen der Sprachliebhaber und der Lehrer in Jaminet auf, etwa wenn er Begriffe wie „Stelldichein“ erklärt, Wissenswertes über Tauben und Klatschstudien teilt oder den Literaturwissenschaftler Roland Barthes – ein ganzes Kapitel ist nach ihm benannt – oder den Philosophen Peter Sloterdijk zitiert.

Anderswo versucht sich Jaminet an Lyrik. In verstaubter Sprache sinniert er über Sex mit Meerjungfrauen oder reimt sich ein Einschlafgedicht zusammen. Das Dichten gelingt ihm sprachlich sowie inhaltlich weniger gut als die Beobachtung alltäglicher Kuriositäten. Ein amüsanter Beitrag ist zum Beispiel dieser: „Gleich neben dem Friedhof in Mertert klebte 2013 eines der schönsten LSAP-Wahlplakate. Der hedonistische Slogan „Loscht op muer“ wirkte in dieser Nachbarschaft besonders einladend.“

Jaminet springt von einem Thema zum nächsten, wechselt vom Deutschen ins Luxemburgische, ins Englische und wieder zurück. Ein Wort in Esels Ohr. Aufzeichnungenist am Ende seiner 96 Seiten vor allem was für Menschen, die sich gern mit Kleinigkeiten aufhalten, mit Sprache herumspielen – dabei nicht vor schlechten Wortwitzen zurückschrecken – und beobachten. Die Aufzeichnungen sind ideales Lesefutter für Zwischendurch.

Es ist übrigens das zweite Mal, dass der Literaturkritiker selbst ein Buch veröffentlicht: 2003 publizierte er beim deutschen Verlag Traugott Bautz mit „Gedankenstille“ zum ersten Mal eine Sammlung seiner Texte. Still ist es im Esels Ohr eindeutig nicht. Müsste man die Aufzeichnungen mit einem Bild beschreiben, würde das vermutlich so aussehen: Eine Gestalt mit Salatkopf, rotem Pullunder und Möhre in der Hand reitet einen braunen Esel auf Sprungfedern.

Jérôme Jaminet: Eins Wort in Esels Ohr. Aufzeichnungen. Capybarabooks: Mersch, 2021.

Dat kéint Iech och interesséieren

KULTURTIPP

Buchtipp: Portia Elan – Homebound

In ihrem Sci-Fi-Roman „Homebound“ erzählt Portia Elan nicht nur eine, sondern gleich drei Geschichten, die alle zu unterschiedlichen Zeitpunkten spielen: 1983, 2078 und 2586. Am Ende des 20. Jahrhunderts muss die gerade erwachsen gewordene Becks den Tod ihres Onkels verarbeiten und findet Trost in einem Computerspiel, das dieser für sie...

PODCAST

Am Bistro mat der woxx #397 – Wéi d’Fleegestatioun fir wëll Déiere mat enger Hëtztwell ëmgeet  

All Woch bitt d’woxx Iech an hirem Podcast en Abléck an hir journalistesch Aarbecht. Wien ee Wëlldéier fënnt, dat verletzt ass, kann dat op verschiddenen Plazen am Land ofginn. Mä um Enn landen déi Déieren all zu Diddeleng. Do gëtt et déi eenzeg Fleegestatioun fir wëll Déieren zu Lëtzebuerg. Dës huet wärend der Hëtztwell vum Juni besonnesch ze...

KULTURTIPP

Livre : J’ai boxé Barbe Bleue

La rupture avec l’homme qu’elle a aimé pendant un an : l’histoire de Marine Buratti, journaliste reconvertie dans la coopération au développement et désormais installée dans une fermette vosgienne, peut sembler banale. Elle n’a pas été tuée comme les femmes de Barbe Bleue, ni battue, ni violée. Pourtant, cette rupture brutale et unilatérale,...