Ăkologische Reformen im von Kapitalismus und Imperialismus gesetzten Rahmen fĂŒhren in die Klimakatastrophe, warnt Alain Sertic.

Zum Ăkosozialismus gehört auch die soziale Transformation. Graffiti in Santiago de Chile, Dezember 2019. (Foto: RK)
In den letzten drei Jahren haben ökologische Krisen die wissenschaftlichen Prognosen zur ErderwĂ€rmung eindeutig bestĂ€tigt. Gewaltige WaldbrĂ€nde, vermehrte Ăberschwemmungen, extreme StĂŒrme sowie DĂŒrrekatastrophen sind die Anzeichen dafĂŒr, dass wir uns schon mitten im ersten Akt der Klimakrise befinden. Der letzte IPCC-Bericht vom August bestĂ€tigt alle BefĂŒrchtungen und ĂŒberrascht nur durch das angekĂŒndigte AusmaĂ und die Schnelligkeit der VerĂ€nderungen â wohl erst ein Vorgeschmack von dem, was noch bevorsteht.
Ungeachtet der vielen Gipfeltreffen und COP-Konferenzen der letzten 30 Jahre liegt der Ausstoà von Treibhausgasen heute um 60 Prozent höher als 1990, und dies mit steigender Tendenz. Das Jahrzehnt 2010-19 war das wÀrmste seit zweitausend Jahren. Immer mehr Menschen beginnen nun zu verstehen, was sich da anbahnt, und die Regierungen bekommen langsam Angst vor den sozialen Konsequenzen des Klimawandels.
Begrenzter Planet, unbegrenztes Wachstum?
Der Kurswechsel hin zum âEuropĂ€ischen GrĂŒnen Dealâ der EU und Bidens âNew Dealâ sind die Antworten eines Systems, das im Kern krank ist und dem nur die Flucht nach vorne bleibt. NatĂŒrlich sind diese Deals in erster Linie Konjunkturprogramme fĂŒr die Modernisierung und die Steigerung der WettbewerbsfĂ€higkeit der Wirtschaft. Der Umbau der Industrie hin zu Strom als HauptenergietrĂ€ger steht fĂŒr den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen (derzeit 80 Prozent der Energiegewinnung), doch wie dieser immense Bedarf an ElektrizitĂ€t und klimaneutralen Energien gedeckt werden soll, ohne erneut einen fatalen RĂŒckfall in die alte Kernenergie zu riskieren, steht völlig in den Sternen. Windkraft, Solarenergie und Wasserstoff sind brauchbare Technologien, sie haben aber auch ihre Grenzen und alleine reichen sie bei Weitem nicht aus, um den bestehenden und zukĂŒnftigen Bedarf an Ăkostrom zu decken. Vor allem nicht, wenn die Wirtschaft wie gewohnt noch weiter unbegrenzt expandieren möchte, der Konkurrenzkampf noch gesteigert und neue RĂŒstungswettlĂ€ufe angefacht werden.
Das Problem ist, dass es auf einem begrenzten Planeten auf Dauer kein grenzenloses Wachstum geben kann und ein Wirtschaftssystem, das ein unbegrenztes Wachstum zum Ăberleben benötigt, unweigerlich in eine Krise geraten wird. Die Ursachen dieser Entwicklung liegen im Wesen des kapitalistischen Systems verankert, das auf vier Elementen aufbaut: Profit, Steigerung der ProduktivitĂ€t, permanentes Wachstum und Kapitalakkumulation. Sind diese vier Bedingungen nicht garantiert, gerĂ€t der Kapitalismus sehr schnell in eine existenzielle Krise. Die Marktwirtschaft bedingt, dass die Unternehmen in stĂ€ndiger Konkurrenz zueinander stehen. Deswegen ĂŒberleben nur die Betriebe, die ihre ProduktivitĂ€t durch stĂ€ndige Investitionen steigern, um effektiver zu werden. Auch âgrĂŒneâ Investitionen werden privat nur getĂ€tigt, wenn sie Profit abwerfen, der âgrĂŒneâ wie der âschwarzeâ Kapitalismus bleiben auf Wachstum, d.h. auf steigenden Verbrauch von Ressourcen angewiesen.
Es nĂŒtzt also nichts, ökologische Lösungen innerhalb eines Systems zu suchen, dessen Spielregeln ja gerade diese ökologische Krise verursacht haben. Ein Kapitalismus ohne Profit, Konkurrenzkampf und Wachstum ist, als wĂŒrde man von einem Feudalismus trĂ€umen, der ohne Fronarbeit, Leibeigenschaft und Feudalabgaben auskommen könnte.
Die âGreen New Dealâ-Projekte, auch die von Teilen der radikaleren Linken, sind der Versuch von ökologischen Reformen im Rahmen der kapitalistischen Wertgesetze und der imperialen Nord-SĂŒd-Weltordnung. Die EU-Kommission verspricht sogar âdas Wachstum von der Ressourcennutzung abzukoppeln ⊠unter Wahrung des Wettbewerbsâ. Das wird und kann nicht klappen! Der Ăkokapitalismus ist ein Trugbild, das im Chaos einer Klimakatastrophe enden wird.
System change, not climat change!
Ein grundsĂ€tzlicher Paradigmenwechsel ist unumgĂ€nglich. Dazu benötigt die politische Linke eine ökosozialistische Strategie, bei der die soziale Problematik und die Klassenfrage mit den ökologischen Forderungen und KĂ€mpfen eng verbunden wird. Vor dem Hintergrund von weltweiten sozialen und klimatischen Krisen wird die Systemfrage erneut auf der Tagesordnung erscheinen. Milliarden von Menschen beginnen, die Auswirkungen der Profitwirtschaft zu spĂŒren, und fangen an, sich Fragen zu stellen. Diese Chance muss genutzt werden.
Die Schuld des aktuellen Systems ist offensichtlich. Staatliche Reglementierungen und eine sich immer weiter entwickelnde demokratische Wirtschaftsplanung mĂŒssen dem chaotischen Profitstreben der multinationalen Konzerne ein Ende setzen. Die Planung muss alle Bereiche der Wirtschaft, vom Energieverbrauch, der Industrie- und Agrarproduktion, der Wasserwirtschaft bis zur Hochseefischerei und Rohstoffgewinnung und so weiter umfassen und sie der Logik von Profit und Marktgesetzen entziehen. Erste Schritte eines âĂkosozialistischen Ăbergangsprogrammsâ sind Forderungen nach radikalen ArbeitszeitverkĂŒrzungen, dem Ausbau von demokratischen Mitbestimmungsrechten in den Betrieben, dem Wechsel vom Individual- zum Kollektivtransport (von GĂŒtern wie Personen), dem Umbau der chemischen Industrie und so weiter. Das alles setzt eine Strategie der Mobilisierung und der Massenproteste voraus, ohne die es keinen Bruch mit dem bestehenden System geben kann.
Alain Sertic ist ehemaliger PrĂ€sident des Sektors Ăffentlicher Dienst (SĂD) des Landesverbandes und Mitglied von DĂ©i LĂ©nk.
Thema Umwelt bei Déi Lénk
(lm) â Im Vorfeld des Kongresses von DĂ©i LĂ©nk am 26. September veröffentlichen wir zwei MeinungsbeitrĂ€ge zum Thema Ăkosozialismus. Innerhalb der Partei gibt es viele Gemeinsamkeiten bei der Bewertung der ökologischen Krisen, aber Divergenzen in der Strategiediskussion. Dabei geht es um die Zusammenarbeit mit anderen politischen KrĂ€ften, die SpielrĂ€ume im bestehenden System und darum, wie man die Menschen fĂŒr radikale VerĂ€nderungen begeistern kann.

