Fußball und Kolonialismus: Das Skandalsystem

von | 12.07.2024

Die EM-Party ist bald vorbei, doch nicht nur der Spaß hat Tradition: In seinem neuen Buch „Spielfeld der Herrenmenschen“ untersucht der Sportjournalist Ronny Blaschke den systematischen Rassismus im Fußball und dessen Wurzeln im Kolonialismus.

Die Fußball-Europameisterschaft der Männer in Deutschland ist bisher ein voller Erfolg, zumindest was den Zuschauerandrang betrifft. Die Stadien sind voll. Viele Fans feiern gemeinsam – auch wenn ihnen auf den Fanmeilen gelegentlich das Wetter einen Strich durch die Rechnung macht. Bei dem Turnier hat es jedoch auch unschöne Zwischenfälle gegeben – so etwa, als in der Gruppenphase die Teams aus England und Serbien aufeinandertrafen. Dabei soll es seitens der Serben zu rassistischen Gesängen gegen englische Spieler gekommen sein, bestätigte der europäische Fußballverband UEFA in einer Pressemitteilung.

Nach wie vor kommt es bei Fußballspielen immer wieder zu rassistischen Anfeindungen. Dies reicht von Hassgesängen und Affenlauten bis hin zum Werfen von Bananen auf dunkelhäutige Spieler. Brasiliens Nationalspieler Vinícius Júnior zum Beispiel ist schon unzählige Male rassistisch beleidigt worden. Während andere betroffene Spieler dazu schwiegen, geht der Star von Real Madrid offen damit um. Er setzt sich zur Wehr.

In den sozialen Medien hat Vinícius Júnior Spanien als „Land der Rassisten“ bezeichnet und härtere Strafen für die Täter sowie eine bessere Prävention gefordert. Dafür hat er viel Solidarität und Unterstützung erfahren. Die Medien haben das Thema aufgegriffen, auch hat der Fußballweltverband FIFA härtere Maßnahmen angekündigt. Doch schnell kehrt wieder Ruhe ein und es wird zur Tagesordnung übergegangen – das Thema verschwindet dann einmal mehr aus der Öffentlichkeit.

In den Medien wird von solchen „Eklats“ oder „Skandalen“ berichtet, als sei es eine Anhäufung von Einzelfällen. „Doch das System ist der Skandal, und nicht der einzelne Vorfall“, so Ronny Blaschke. Der Sportjournalist aus Berlin ist unter anderem für den Deutschlandfunk, die Süddeutsche Zeitung und die Neue Züricher Zeitung tätig. Bekannt wurde er aber auch als Buchautor. Für seine neueste Veröffentlichung ist er den rassistischen Strukturen in der Fußballindustrie nachgegangen. In „Spielfeld der Herrenmenschen“, so der Titel des Buches, beleuchtet er auch die kolonialistische Seite des Fußballs.

Gleich zu Beginn schildert er darin eine Szene, in der Vinícius Júnior bei einem Auswärtsspiel in Valencia rassistisch beleidigt wird. „Der Spieler von Real Madrid steht mit aufgerissenen Augen an der Seitenlinie und deutet auf die Tribüne, wo die mutmaßlichen Täter sitzen“, schreibt Blaschke. Während die Fans der Gastgebermannschaft den Brasilianer weiter verhöhnen, eilen einige desselben Teams herbei und weisen ihn darauf hin, dass er aus einer Kleinigkeit kein Drama machen soll. „Der Schiedsrichter wirkt überfordert und lässt weiterspielen“, stellt Blaschke fest. Zwar hat es seither aufgrund von Vorfällen wie diesen schon Spielunterbrechungen und auch Strafen gegeben. Aber unzählige People of Color im Fußball haben Ähnliches wie Vinícius Júnior erlebt.

Die Verbreitung des Fußballs wäre ohne den Kolonialismus nicht denkbar gewesen, so der Sportjournalist und Buchautor Ronny Blaschke.

So berichten etwa afrodeutsche Spieler wie Gerald Asamoah, Anthony Baffoe, Cacau, Jimmy Hartwig und andere in dem Dokumentarfilm „Schwarze Adler“ (2021) von Torsten Körner von ihren Erfahrungen mit rassistischen Anfeindungen und Vorurteilen im Profifußball. So auch Erwin Kostedde, der erste Schwarze Nationalspieler, der ebenfalls in Blaschkes Buch vorkommt. Zuletzt hat der deutsche Filmemacher Philipp Awounou mit der Doku „Einigkeit und Recht und Vielfalt“ den Rassismus im Fußball thematisiert.

In Frankreich hat Lilian Thuram, Weltmeister von 1998 und Vater des aktuellen französischen Nationalspielers Marcus Thuram, über seine rassistischen Erfahrungen in der Pariser Banlieue, in welcher er aufgewachsen ist, berichtet. Nach seinem letzten Spiel als aktiver Fußballer gründete er vor einigen Jahren die „Fondation Lilian Thuram – Éducation contre le racisme“. Thuram betont, zum Kampf gegen Rassismus gehöre mehr als Banner mit entsprechenden Parolen in den Stadien und die dazugehörigen T-Shirts. In seinem Buch „Pensée blanche“, auf Deutsch unter dem Titel „Das weiße Denken“ erschienen, beschreibt er, wie das Denken in den Kategorien von Schwarz und Weiß entstanden ist und legt dar, wie diese Denkweisen abgelegt werden müssen.

Nach Thurams Worten verurteilt in der Welt des Fußballs die große Mehrheit den Rassismus nicht. „Die meisten Menschen tun so, als könnten sie nichts dagegen tun“, stellt der Ex-Profi fest. Seine Reaktion darauf: „Hört auf zu denken, ihr könnt bei dem Thema neutral sein. Beim Thema Rassismus gibt es keine Neutralität. Wenn man sagt, dass man neutral ist, unterstützt man, dass die Dinge so bleiben wie sie sind.“

Ronny Blaschke hat sich bereits 2007 in dem Buch „Im Schatten des Spiels“ mit Rassismus im Fußball beschäftigt und auch über Neonazis im Fußball geschrieben („Angriff von Rechtsaußen“). Vor vier Jahren legte er mit dem brillant recherchierten Buch „Machtspieler“ ein Standardwerk über das Verhältnis von Politik und Fußball vor (siehe unsere Rezension „Die Mär vom Unpolitischen“ in woxx 1637). Auch mit „Spielfeld der Herrenmenschen“ ist ihm wieder ein sehr informatives Buch gelungen, das zudem spannend zu lesen ist – ein Muss für jeden Fußballfan.

So oder so muss sich, wer sich mit der Entstehung rassistischer Strukturen auseinandersetzt, mit dem Kolonialismus beschäftigen. In den vergangenen Jahren ist darüber viel geschrieben worden. Über die globale Verbreitung des wohl beliebtesten Ballsports und dessen Zusammenhang mit der Kolonialherrschaft war bisher wenig zu lesen. Blaschke schafft Abhilfe. Weit verbreitet ist der fast schon romantische Gedanke, dass Jules Rimet, der frühere FIFA-Präsident und Schöpfer der Weltmeisterschaft, für die Völkerverständigung sorgen wollte. Die Realität sah anders aus: Wie der Autor schreibt, litten die Menschen in den ehemaligen Kolonien unter dem Siegeszug des Fußballs.

Der Autor nennt hierfür einige Beispiele: „In Algerien ließen die französischen Soldaten lange nur wenige Muslime mitspielen, um Neid zwischen den Einheimischen zu provozieren.“ Von wegen völkerverbindend – Fußball diente in diesem Fall der Trennung. Eine algerische Mannschaft ging für den Freiheitskampf auf Tournee. Derweil rekrutierten die Portugiesen in ihren Kolonien wie Mosambik Schwarze Männer für ihre Fußballklubs und für ihre Armee.

Der Aufstieg des großen Eusebio ist also ein Nebenprodukt der portugiesischen Personalpolitik der Kolonialzeit. Bis heute ist noch der Mythos von Portugals „mildem Imperialismus“ verbreitet. Blaschke befasst sich aber auch mit der deutschen Kolonialgeschichte in Namibia, wo schwarze Fußballer von den Ligen ferngehalten wurden.

Einerseits wäre die Verbreitung des Fußballs ohne den Kolonialismus nicht denkbar gewesen, so der Sportjournalist. Zugleich jedoch nutzten unter anderem Briten, Franzosen und Deutsche das Spiel „für die Unterdrückung ihrer Untertanen“. In Lateinamerika und andernorts eigneten sich Vereine Elemente indigener Geschichte an, bedienten sich an Namen und mit Symbolen. Die betroffenen Indigenen selbst erkennen darin eine Verharmlosung der Ausbeutung und fühlen sich bestohlen.

Ein weiteres Kapitel ist dem Jugendfußball in den USA gewidmet, den sich zum Beispiel nicht jeder Latino leisten kann. Auch im größten lateinamerikanischen Land Brasilien herrschte im „Futebol“ lange Zeit eine Rassentrennung: „Für einige Jahre blieb Fußball in Brasilien ein exklusiver Zeitvertreib für die weiße Oberschicht“, schreibt Blaschke. Afrobrasilianische Spieler wie Carlos Alberto, nicht zu verwechseln mit dem Teamkollegen von Pelé in den 1960er- und 1970er-Jahren, rieben sich mit Reispuder ein, damit ihre Haut heller wirkte.

Das bekannteste Beispiel solcher Bemühungen dürfte jenes von Arthur Friedenreich gewesen sein: „Der Sohn eines deutschstämmigen Kaufmanns und einer afrobrasilianischen Wäscherin entwickelte sich zu einem der treffsichersten Stürmer der Geschichte“, heißt es in dem Buch. „Um sich dem Erscheinungsbild der Weißen anzunähern, glättete Friedenreich seine Haare oder spielte mit Haarnetz. (…) Nur wegen der gehobenen Stellung seines Vaters durfte Friedenreich 1914 das erste Spiel überhaupt mit der brasilianischen Nationalmannschaft bestreiten.“ Erst 1938 bei der WM in Frankreich trat Brasilien mit einer multiethnischen Mannschaft an.

Blaschke widmet sich aber auch dem Fußball der jüngeren Zeit. So trifft er etwa die frühere Bundesliga- spielerin und spätere TV-Moderatorin, Journalistin und Schauspielerin Shary Reeves, Tochter eines kenianischen Philosophie-Professors und einer tansanischen Krankenschwester. Er begegnet ihr bei einem Auftritt in einem Pforzheimer Kulturzentrum sowie in ihrer Heimatstadt Köln. Die frühere Moderatorin der Fernsehsendung „Wissen macht Ah“ spricht mit ihm über ihre Erfahrungen mit Rassismus. Insgesamt hat Blaschke in drei Jahren rund 120 Interviews geführt. Er geht den Klischees und Stereotypen nach, die Schwarzen Fußballern heute noch anhaften, von ihren angeblichen körperlichen Vorzügen in Kraft und Körperlichkeit. Diese Ressentiments sind ein Grund dafür, weshalb Schwarze Fußballer als Spielgestalter mit Führungsqualitäten und als Trainer, aber auch in Verbandsführungen häufig unterrepräsentiert sind. Bis heute durchzieht rassistisches Denken die Verbandsebenen und die Sportindustrie.

Unter anderem kommt der Buchautor auf den englischen National- und Premier-League-Spieler Raheem Sterling zu sprechen, einen Nachfahren der sogenannten Windrush-Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Karibik nach Großbritannien kam, um beim Wiederaufbau des Landes zu helfen. Einige der Kinder und Enkel dieser Generation wurden später als Fußballer bewundert. „Doch sobald sie scheiterten oder sich politisch äußerten, schlug die Zuneigung der Fans in Ablehnung um“, schreibt Blaschke.

Die Fanszene war erbarmungslos, die englischen Hooligans weltweit ebenso berüchtigt wie gefürchtet – und rassistisch. Das gilt aber auch für ihre Pendants in anderen Ländern. Der Autor dieser Zeilen kann sich noch gut an die 1980er-Jahre erinnern, als Fußballfans noch meilenweit von dem entfernt waren, was die sogenannten Ultras ab den 1990er-Jahren deutlich verbesserten. Daher ist es nur schwer verständlich, wenn auf jene früheren Zeit nostalgisch verklärend geblickt wird.

Noch heute spiegeln die Fanclubs nicht überall die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft wider, aber sie haben – bis auf einige Ausnahmen – große Fortschritte gemacht. In vielen anderen Bereichen gibt es jedoch noch einiges zu tun. Ronny Blaschkes Buch könnte dazu einen Teil beitragen.

Ronny Blaschke: Spielfeld der Herrenmenschen. Kolonialismus und Rassismus im Fußball. Verlag Die Werkstatt, 256 Seiten.

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