Neue Indie-Musik: Wie man die Fesseln abwirft

von | 17.04.2026

Auf ihrem Debütalbum „Somebody Help Me, I‘m Being Spontaneous!“ holt die britische Singer-Songwriterin Melanie Baker zum Befreiungsschlag aus – mit großspurigem Indierock und Humor. Ein eindrucksvoller Aufruf zur Selbstermächtigung.

Die Künstlerin Melanie Baker sitzt lässig auf dem Boden.

Auf ihrer Debütplatte erzählt die britische Newcomerin Melanie Baker davon, wie sie Zweifel und Unsicherheiten überwunden hat. (Foto: Ellen Dixon)

In der US-Komödie „The Truman Show“ gibt Jim Carrey den ahnungslosen Versicherungsangestellten Truman Burbank, dessen gesamtes Leben als Fernsehserie ausgestrahlt wird. Seinen Alltag führt er vor den Augen zahlloser Zuschauer*innen, ohne Chance auf Selbstbestimmung. Auf ebenjenen Kino-Klassiker verweist auch Melanie Baker mit dem Titel ihres ersten Albums: „Somebody Help Me, I‘m Being Spontaneous!“. Es ist ein Filmzitat, das im Falle ihres musikalischen Debüts den Nagel auf den Kopf trifft. Denn in ihren Liedtexten beleuchtet die Britin ein Dilemma, das über lange Zeit ihren Alltag dominiert hat, nämlich die Diskrepanz zwischen dem eigenen Willen und dem Erwartungshorizont ihrer Mitmenschen: Wer bin ich, wenn ich mich den prüfenden Blicken der anderen entziehe? Aus diesem Zwiespalt hat sich Baker mittlerweile befreit, wie sie im Vorfeld ihrer Albumveröffentlichung erklärt hat: „Ich habe aufgehört, immer groß, mutig und stark sein zu wollen. Ich habe aufgehört, meine eigenen Emotionen und Ängste zu verbergen, und habe mir erlaubt, alles zu fühlen.“

Auf ihrer Platte räumt sie schmerzhaften Erfahrungen den nötigen Platz ein, tut dies aber oft schlagfertig und mit einer ordentlichen Portion Galgenhumor. Innerhalb von nur 33 Minuten und 12 Songs schwimmt sie sich frei, verabschiedet sich von überholten Rollenbildern und toxischer Selbstbespiegelung. Eine Aufgabe, die sie mit Grunge und 90er-Jahre-Alternative-Rock mühelos bewältigt.

Auf dem Albumcover sitzt Melanie Baker auf einer Bühne, hinter ihr ist eine Flammenreihe zu sehen. (Copyright: Ellen Dixon)

Das Debüt der Singer-Songwriterin Melanie Baker versprüht 90s-Vibes.

„Call me in the morning, when you get this“, heißt es im Opener „AAAAAAAAHHHHHHHH!!!!“. Was folgt, ist ein spitzer Schrei, der sprichwörtlich unter die Haut geht. 50 Sekunden braucht es, bis sich Bakers angestaute Wut komplett entladen hat. Schmerz und Trauer brechen sich Bahn, synchron und unverfälscht. Mit ihrem emanzipatorischen Impetus, der seinen Höhepunkt im rasenden „Cabin Fever“ findet, stellt sich Baker in die Tradition von Bands wie The Last Dinner Party („My Lady Of Mercy“), Veruca Salt („Volcano Girls“) und Wet Leg („Too Late Now“). Mit Letztgenannten teilt die Britin übrigens auch den Hang zu poppigen Indie-Gitarrenriffs („Real Life“) und selbstkritischen Texten („Why Would I Want To Be Just Like You?“). Während sie in „Bored“ Situationships und queere Identitätssuche thematisiert, handelt die Ballade „Bye Bye Loser Blues“ von den Tücken des Arbeitsmarkts und wird von einer zirpenden Akustikgitarre sowie dem metallischen Klang ihrer Mundharmonika abgerundet.

Statt in Resignation zu verfallen, begegnet die Künstlerin den Unzulänglichkeiten des Lebens mit einer Mischung aus Empowerment und Witz. Etwa wenn sie in „Sad Clown“ zu dröhnendem Schlagzeugspiel erklärt: „I‘ve been sad for most the year / Quit two jobs, quit drinking beer / Grew tomatoes in the yard / Forgot to pick them, they went bad.“ Die Singer-Songwriterin lässt hier alle Masken fallen und verkehrt ihre Unsicherheiten ins Ironische. In dieses Bild fügt sich das opulente „You‘ll Get Better“ nahtlos ein: Der Pop-Punk-Song setzt den Schlussakkord des Albums und wischt auch die letzten Selbstzweifel weg, die Baker in der Vergangenheit umgetrieben haben.

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