Digitale Kunst: Auf dem Schirm

von | 28.05.2026

Die Ausstellung „Screentime/s“ im Casino läuft noch bis zum 7. Juni. Lohnt sich ein Besuch zur letzten Gelegenheit?

Das Bild zeigt einen groĂźen Bildschirm auf dem ein Ausschnitt des Kunstfilms DOKU, The Creator von Lu Yang.

Lu Yangs Kunstfilm „DOKU, The Creator“ wirkt so, als hätte man einen KI-Videogenerator mit Dali, Anime und Alpträumen gefüttert. (Foto: Melanie Czarnik/woxx; Copyright Werk: Lu Yang)

Auf einem schwarzen Kubus, der als Hocker dient, liegen ein Kopfhörer und ein X-Box-Controller. Dahinter ein riesiger Bildschirm mit Wolkenlandschaft, Schwert und dem Schriftzug „Indulto“. Darunter, in klein, „Press A to Play“. Wer die Einladung zum Spielen annimmt, lässt sich auf kein gewöhnliches Game ein. Dies hier ist ein spielbares Kunstwerk und eines der Highlights der Ausstellung „Screentime/s“, die noch bis zum 7. Juni im Casino in Luxemburg-Stadt läuft. Indulto: mit dem Namen referiert die Künstlerin und Game-Designerin Mélanie Courtinat eine seltene Praxis im spanischen Stierkampf, nach der ein Stier begnadigt werden kann, wenn er im Ring außerordentlichen Mut beweist. Doch es hält nicht, was es verspricht – mit voller Absicht! Mit Ausnahme der Steuerung und Umgebung unterwandert das „Spiel“ alle Erwartungen, die Game-Erfahrene haben.

Flüssig steuert sich die androgyne „Torero“-Figur zunächst durch eine Naturwelt. Auf den Weg in die Arena geht es los mit immer komplizierteren Tastenkombinationen, die die*der Spielende ausführen und behalten soll, um im bevorstehenden Kampf zu bestehen. Unmöglich mehr als zwei zu behalten. Die Nervosität wächst. Dann, im Ring, eine Stierfigur, die eine solch bewegende Rede über Opfergabe hält, dass sie einem*r gänzlich die Lust daran nimmt, Teil dieses Spektakels zu sein. Der Kampf als solcher wird einem*r erspart, die Tastenkombinationen nun sinnlos, selbst wenn sie in Erinnerung geblieben wären. So stehen Spieler*innen am Ende vor der Entscheidung: den Stier töten, oder in Indulto-Manier verschonen? Doch auch dies bleibt ein Schein. Denn: Das Ende war von Anfang an klar, unser Zutun, gänzlich optional. Eine frustrierende aber lohnende (Kunst-)Erfahrung.

„Wir werden allein geboren, und wir sterben allein“

Ein Mann schaut in die Kamera, hockt auf dem Boden, tattos auf der hand, lange schwarze haare, in grellem pinken und blauen licht

Fast alle Kunstwerke sind in der Ausstellung auf einen groĂźen Flachbildschirm angewiesen. (Foto: Melanie Czarnik)

In der Ausstellung sind (fast) alle Kunstwerke auf einen großen Flachbildschirm angewiesen. Neben Courtinats zwei gezeigten „Spielen“ gibt es aber keine interaktiven Werke. Die Mehrheit der gezeigten Kunstwerke unter dem Kurator Kevin Muhlen, Kunsthistoriker und künstlerischer Leiter des Casinos, beschränkt sich auf digitale Bilder und künstlich erzeugte Videos, für die die Betrachtenden sich mit dem zur Verfügung gestellten Kopfhörer abwechseln müssen. Viele teilen eine ausgeprägte „Anime“ oder „Gaming“-Ästhetik, oft in einem dystopischen Setting. Die zweite Werkreihe, die besonders hervorsticht ist „DOKU“, und zwar nicht nur durch seine Inszenierung in einem abgetrennten Raum mit unmittelbar hörbarer Musik und untermaltem Text. Die Reihe zeigt abwechselnd die Episoden „The Self“ (2022), „The Flow“ (2024) und „The Creator“ (2025). In dem aufwändig inszenierten Videouniversum rund um DOKU – das für das buddhistische Konzept „Dokusho Dokushi“ („Wir werden allein geboren, und wir sterben allein“) steht – erschafft die*der 1984 geborene Medienkünstler*in Lu Yang eine Welt, die besonders in der „Creator“-Episode so wirkt, als hätte man einen KI-Videogenerator mit Dali-Bildern, Anime und besonders schaurigen Alpträumen gefüttert. Kein Werk für sensible Gemüter, dennoch sehenswert.

„Screentime/s“ will laut Vorstellungstext zeigen, „wie zeitgenössische digitale Umgebungen – Videospiele, computergenerierte Bilder, immersive Welten und virtuelle Realitäten – zu Orten der Reaktivierung, Transformation und Erfindung symbolischer Erzählungen werden“. Alte mythische Strukturen wie Figuren der Metamorphose, Ursprungsgeschichten, Grenzzustände und Beziehungen zwischen Menschen und Nicht-Menschen sollen neu durchspielt werden. Das klappt durch die Einschränkung auf reine Bildschirme jedoch nur sehr bedingt. Innerhalb dieses Rahmens wäre beispielsweise ein Virtual-Reality-Kunstwerk oder eines, das auf einem anderen Schirm, als bloß den Flachbildschirmfernseher präsentiert worden wäre, eine erfrischende Abwechslung gewesen. Auch die Tatsache, dass bei manchen Werken, die mit Bild und Ton funktionieren, die Kunstbetrachtenden auf einen einzigen Kopfhörer angewiesen sind, schränkt die Erfahrung ein wenig ein. Dennoch ist es eine Ausstellung, die sich lohnt – aber Achtung: am besten etwas mehr Zeit einplanen, um sich möglichst in Ruhe auf die Metamorphosen und Grenzzustände einlassen zu können.

„Screentime/s“, Casino Luxembourg (41, rue Notre-Dame, L-2240, Luxembourg), Mo und Mi-So, 11 – 19 Uhr, Do 11 – 21 Uhr. Bis zum 7. Juni.

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