Eine hervorragende Kunstausstellung: Wenn der Schlaf nicht kommt

von | 24.09.2026

Schlaflosigkeit, Gedankenschleifen und die Nacht als dämmriger Zwischenraum, in dem sich unterschiedliche Bewusstseinszustände überlagern: Durch Véronique Kolbers Fotoschau „Deceptively Quiet“ kann man einen faszinierenden Blick auf mentale und materielle Schwellenorte erhaschen.

Ausstellungsraum im Kunstzentrum Dominique Lang mit mehreren Zwischenwänden, an denen Bilder hängen.

Die Geräumigkeit des Ausstellungssaals verleiht der Ausstellung „Deceptively Quiet“ noch mehr Luftigkeit. (© Chris Lauer)

Mit ihren Bildern fängt die prämierte Fotografin Véronique Kolber das ein, was eigentlich kaum eine Form besitzt: das räumliche, zeitliche und gedankliche Dazwischen. In „Deceptively Quiet“ bleibt sie diesem künstlerischen Grundthema treu; die Schau ist eine luzide, hoch ästhetische und erstaunlich persönliche Auseinandersetzung mit der Nacht als einem dunklen, von beklommenen Gedanken verschatteten Übergangsraum zwischen Traum- und Wachwelt, Auflösung und Konsolidierung. Wer je in einer durchwachten Nacht neben einem Schlafenden gelegen und dessen ruhigem Atem gelauscht hat, weiß: Nicht freigegeben zu werden vom eigenen Bewusstsein provoziert eine ganz eigene Art von Einsamkeit.

Der diffusen Bangigkeit, die einen in diesen Stunden in ihrem Klammergriff hält, gibt die Künstlerin interessanterweise Gestalt, indem sie Konturen zerfließen lässt: So grobkörnig sind die Selbstporträts, die als Serien oder Einzelbilder die Wände des Kunstzentrums Dominique Lang zieren, dass sie fast texturiert und dabei im Zerfall begriffen erscheinen, denn aus nächster Nähe sind die Gesichtszüge der Fotografin manchmal kaum zu erkennen. Dass sie mit ihrer Handykamera arbeitete, war eine bewusste Entscheidung, erzählt Kolber im Gespräch mit der woxx: „Die Grenzen der Handykamera waren auch meine Grenzen.“ Das Medium gibt den Fotografien etwas Intimes und Unmittelbares, sie werden zu visuellen Notizen, zumindest scheinbar aufgenommen zu Dokumentationszwecken, auch wenn die Künstlerin im Infotext zur Ausstellung ausdrücklich schreibt, dass sie die Bilder nicht von sich aufgenommen hätte, um etwas festzuhalten, sondern um „bei sich zu bleiben“.

Die Foto-Serien zeigen fortlaufende Bewegungsreihen oder den Körper der Künstlerin in sich verändernden Lichtverhältnissen. Da Kolbers Gesicht wieder und wieder in der Ausstellung auftaucht, spiegeln die Werke jedoch weniger einen linearen Prozess, als dass sie in fast obsessiver Manier stets zum Ausgangspunkt zurückführen: dem Ich, das, dem dissoziativen Zustand der Übermüdung ausgesetzt, durch die kreative Selbstbetrachtung aus dem Gefängnis des eigenen Geistes auszubrechen versucht. Das Kreisende, Umrundende findet sich dabei explizit auf den Bildern wieder, in Form des Mondes oder konzentrischer Kreise auf einer Wasseroberfläche.

Die wohl größte Stärke dieser vielschichtigen und mit viel Scharfsinn entworfenen Ausstellung ist, dass sie dort Weite schafft, wo eigentlich Enge zu erwarten wäre: Allein das Thema – im Stich gelassen werden vom eigenen Körper, wachliegen im Schlafzimmer – hat etwas Klaustrophobisches. Die Fotografien jedoch öffnen Räume, zeigen bewaldete Gegenden, Ausschnitte von in den Himmel ragenden Bäumen, Türen, Fenster, Gänge und den Kopf der Fotografin, auf Kissenlandschaften gebettet. Manche Fotografien ragen in andere hinein, andere treten, weil sie sich, leicht versetzt zueinander, auf gegenüberliegenden Wänden befinden, in Dialog miteinander.

Großformatiges Selbstporträt der Künstlerin Véronique Kolber.

Bei ihren nächtlichen Selbstporträts spielt die Künstlerin Véronique Kolber mit Nähe und Distanz: Je näher man an das Bild herantritt, desto undeutlicher wird es. (© Chris Lauer)

Feuer, Wasser, Luft und Erde

Die schlichten Holzrahmen, die viele Fotografien halten, erinnern entfernt an Bettgestelle; zumindest im Erdgeschoss, dem ersten Raum der Ausstellung, scheint die mentale Entgrenzung durch den Schlafmangel, den die Künstlerin selbst über Monate hinweg erlebt hat, noch nicht stattgefunden zu haben. Dies ändert sich in den zwei oberen Räumen, hier hängen eine Reihe von zerfasernden Stoffbahnen, die mit Fotos bedruckt wurden. Wie Fenstergardinen bringt die Luft sie in Bewegung. Ein weiterer Anklang an das Motiv des Schlafzimmers, aber auch ein subtiler Hinweis darauf, dass das Adjektiv „elementar“ gleich im dreifachen Sinne von zentraler Bedeutung für die Ausstellung ist: Nicht nur spielen die vier Elemente – Feuer, Wasser, Luft und Erde – eine thematische Rolle in den Bildern, sie verweisen auch auf das Natürliche wie auch Grundlegende des Schlafs und der Nacht als Ruhezeit, in der die Körperfunktionen heruntergefahren werden und allein die regelmäßigen Atemzüge den Schlafenden vom Toten äußerlich unterscheiden.

„I tell myself breathe slow I breathe fast I count then lose count I start again […] I listen to his breath steady deep“, steht in einem der drei schmalen Bücher, die Teil von Kolbers Werk sind und mitten in einem der oberen Räume ausgestellt werden. In diesen Bänden hat die Künstlerin mithilfe des Bewusstseinsstroms als Erzähltechnik Erinnerungen an die Zeit vor und nach dem Unfall ihrer Tochter festgehalten. Dieser traumatische Vorfall, der erfreulicherweise ohne langfristige gesundheitliche Konsequenzen für die damals Vierjährige blieb, stellt den in der Realität verankerten Ausgangspunkt von „Deceptively Quiet“ dar. Mit dem an eine Wand angebrachten Zitat von Haruki Murakami, „I was both a body on the verge of sleep and a mind determined to stay awake“, verdeutlichen die Büchlein, wie wichtig die Literatur als Inspirationsquelle für die Luxemburgerin ist.

Ein schwebender Nachttisch, ein Kissen, auf das das bleiche, geisterhafte Gesicht der Künstlerin projiziert wird, und eine Digitaluhr, die die Zeit nicht realitätsgetreu wiedergibt (manchmal verharrt sie drei Minuten lang bei derselben Zeitangabe) verleihen der Ausstellung einen surrealen, unheimlichen Touch. Das kleine Foto der Tochter sowie ein wie ein Baldachin aufgespanntes Foto von blutdurchtränkten Tüchern berühren wiederum.

Es gehört Mut dazu, derart offen mit einer biografischen Wunde umzugehen sowie sich selbst als Fotoobjekt in einer intimen Situation wieder und wieder zu präsentieren und damit den Blicken des Publikums auszuliefern. Dabei strahlt die Ausstellung in ihrer Komposition eine überraschend große Ruhe aus; sie versammelt zu einem Großteil meditative Bilder, hinter denen der erlebte Schrecken zurücktritt und die dessen unterschwellige Präsenz doch immer mit vermitteln. Dass dieser Schmerz im übertragenen Sinne als Schatten mitwandert und zu jedem Moment spürbar bleibt, ist letzten Endes auch der Tatsache zu verdanken, dass die Finsternis zu keinem Augenblick absolut wird; dass das Licht, so schwach es auch sein mag, auch in die entlegenen Winkel der fotografierten Räume dringt und sich beides – Hoffnung und Verzweiflung – in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander befindet. Eine hervorragende Ausstellung, die man diesen Herbst unbedingt besuchen sollte.

„Deceptively Quiet“, Centre d’Art Dominique Lang (4, Av. Grande-Duchesse Charlotte, 3440 Dudelange), Bis zum 8. November, Mi. – So., 15h – 19h Uhr. Eintritt frei.
Die luxemburgische Fotografin Véronique Kolber wurde 1978 in Luxemburg geboren. Sie studierte Fotografie an der École supérieure des arts de l’image in Brüssel und schloss 2005 ein Masterstudium der Bildenden Kunst an der Université Marc Bloch in Straßburg ab. In ihrer künstlerischen Arbeit verbindet sie Beobachtung, Erinnerung und persönliche Erfahrung; ihre Werke kreisen oft um alltägliche oder auch psychologisch aufgeladene Situationen. 2026 erhielt sie den Publikumspreis des Prix de la photographie 2026, der von der Gemeinde Clerf, dem Centre national de l’audiovisuel (CNA) und dem Cercle artistique de Luxembourg (CAL) vergeben wird. Kolber lebt und arbeitet in Luxemburg.

 

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