SOZIALES: Vertreibung ist keine Lösung

von | 09.11.2001

Maßnahmen gegen lästige Obdachlose in Bonneweg, fordern Abgeordnete von CSV und DP. Mehr Angebote für die Wohnungslosen, verlangen hingegen soziale und karitative Einrichtungen.

„Der auch …“ CSV-Saubermann Laurent Mosar will offenbar nach den Prostituierten auch die Wohnungslosen vom Bahnhof vertreiben.
(Foto: Hilde Leubner)

„Die ganze Sache geht entschieden zu weit“, ärgert sich Alexandra Oxacelay. Die Mitarbeiterin von der sozialen Einrichtung „StĂ«mm vun der Strooss“ spricht vom gegenwärtigen Konflikt um die Wohnungslosen in Bonneweg. Seit vergangener Woche ist der Streit neu entfacht. Grund hierfĂĽr sind zwei parlamentarische Anfragen der Abgeordneten Laurent Mosar (CSV) und Theo Stendebach (DP). Darin beschweren sich diese ĂĽber „schmutziges“ und „unanständiges“ Verhalten (kriminelle GewaltausbrĂĽche, achtloses Wegwerfen von Spritzen sowie Urinieren in Vorgärten) und ĂĽber eine steigende Kriminalität bei Wohnungslosen und Drogenabhängigen. Sie fordern MaĂźnahmen durch das zuständige Ministerium. Im Fokus ihrer Kritik stehen das in Bonneweg gelegene „Centre d’Accueil et SolidaritĂ© a.s.b.l.“ und dessen „Foyer de Nuit Ulysse“, welches Wohnungslosen Schlafplätze und eine einfache Mahlzeit bietet.

„Das Problem der Obdachlosen und der Drogenabhängigen lässt sich nicht einfach ausradieren“, ist Oxacelay ĂĽberzeugt. Beide Phänomene gebe es in allen GroĂźstädten. „Da bildet Luxemburg keine Ausnahme“, sagt sie gegenĂĽber der woxx. Auch wenn sie die Beschwerden von Bonneweger AnwohnerInnen grundsätzlich verstehen kann, das Foyer „Ulysse“ nimmt die Mitarbeiterin von der „StĂ«mm vun der Strooss“ in Schutz. In einer am vergangenen Mittwoch verschickten Pressemitteilung schreibt sie: „Das Centre ist landesweit die einzige Struktur, an die sich Obdachlose wenden können.“ Alle ĂĽbrigen Einrichtungen, wie Drop-in, Jugend an DrogenhĂ«llef, Abrigado, Vollekskichen und die StĂ«mm vun der Strooss seien nur Tagesangebote ohne Ăśbernachtungsmöglichkeiten.

Falsche Stimmungsmache

Auch RenĂ© Kneip, Direktor des in die Kritik geratenen Zentrums, zeigt Verständnis fĂĽr die Anwohnerklagen. Doch er wehrt sich ebenfalls gegen eine pauschale Stimmungsmache. Die Unruhestifter seien längst zurechtgewiesen worden – von den zuständigen Mitarbeitern ebenso wie von ihren eigenen Gefährten. Fallen sie in Zukunft wieder auf, drohe ihnen Hausverbot. Einen Brief plus Unterschriftensammlung, den eine entnervte Anwohnerin angekĂĽndigt hat, will der Direktor seinen BesucherInnen persönlich vorlesen. Er hofft auf demokratisch gewonnene Einsicht. „Im Haus ist längst eine Diskussion entbrannt. Die Bewohner merken, dass das schlechte Verhalten Einzelner auf sie als Gruppe zurĂĽckfällt.“

Die Polizei, die als Reaktion auf einen tätlichen Angriff eines betrunkenen Wohnungslosen Anfang Oktober verstärkt in Bonneweg Streife fährt, dementiert die von ThĂ©o Stendebach behauptete gestiegene Kriminalität: „Größere Probleme gibt es keine. Wenn wir kommen, dann in erster Linie wegen vereinzelter Verstöße gegen die öffentliche Ordnung.“

Direktor Kneip weist auf andere Missstände hin. „Wir sind chronisch ĂĽberbelegt.“ Alle 64 Betten seien vergeben, auf der Warteliste stehen schon jetzt zehn Personen. FĂĽr die nächsten Wochen erwartet Kneip ein weiteren „dramatischen Anstieg“. Abgewiesene Leute bedeuten jedoch auch mehr Ăśbernachtungen in Bushäusern oder auf öffentlichen Plätzen – in Bonneweg oder am Bahnhof. Im Bonneweger „Ulysse“ und in der „TĂ©istuff“ gibt es Getränke und bezahlbare Mahlzeiten. Ă–ffentliche Toiletten drauĂźen hingegen fehlen. Ihre Aufstellung obliegt dem „Service social“ der Stadt, dessen Leiter DP-Mann ThĂ©o Stendebach ist.

Von einer “ vielleicht zu starken Konzentration der Hilfsangebote auf Bonneweg“, spricht Robert Conrad vom städtischen „Service du logement“. Allerdings: Sowohl Caritas als auch die sich an Wohnungslose und Drogenabhängige richtende StĂ«mm vun der Strooss hatten sich zuvor nach anderen Räumlichkeiten, möglichst in Bahnhofsnähe umgeschaut – ohne Erfolg.

Im „Ulysse“ gibt es noch ein weiteres Problem: MitarbeiterInnen haben erst kĂĽrzlich gekĂĽndigt, eine Folge der gestiegenen Arbeitsbelastung. Denn obwohl der Verein nach seinem Umzug in den Bonneweger „Läschte Steiwer“ die Aufnahmekapazität von 42 auf 64 Betten aufgestockt hat, ist der PersonalschlĂĽssel derselbe geblieben. Aus Personalmangel bleibt deshalb auch das Foyer samstags und sonntags zwischen 9 und 16 Uhr geschlossen, ausgerechnet also an jenen Tagen, an denen die meisten AnwohnerInnen „ihre Ruhe wollen“. Immerhin ist hier Verbesserung in Sicht: Die zuständige Familienministerin Marie JoseĂ© Jacobs der Caritas-Einrichtung soll versprochen haben, sich in der Personalfrage zu bemĂĽhen.

Die ebenfalls von der Ministerin in ihrer Antwort auf die „question parlamentaire“ des Abgeordneten Mosar vorgeschlagene, deutlichere Trennung zwischen Drogenabhängigen und Wohnungslosen, trägt allerdings kaum zur Lösung der momentanen Misere bei: Die Mehrheit der chronisch Wohnungslosen sind entweder alkohol-, heroin-, oder tablettenabhängig. „Die Menschen, die zu uns kommen, haben meist multiple Problemlagen“, erklärt Kneip. Der mit dem Ministerium im Zuge der Anwohnerbeschwerden ausgehandelte Kompromiss, mittels eines „dispatching“, einer durch professionelle BeraterInnen ausgefĂĽhrten individuellen Falldiagnose, stärker zwischen Drogenabhängigen und Wohnungslosen zu unterscheiden, wirft weitere Fragen auf: FĂĽr Drogenabhängige gibt es keine Ăśbernachtungsmöglichkeiten. Doch viele von ihnen leben auf der StraĂźe. Und die wenigen Krankenhäuser im Land mit Drogenauffangstationen und -therapieplätzen sind angesichts beschränkter Kapazitäten dazu ĂĽbergegangen, rĂĽckfällige PatientInnen oder hoffnungslose Fälle wesentlich schneller zu entlassen. „Dann aber kommen sie wieder zu uns“, beschreibt Kneip den Teufelskreis.

Politik ist gefragt

Wenigstens für das Problem der weggeworfene Spritzbestecke weiß Oxacelay von der Stëmm vun der Strooss eine Lösung: Offene Fixerstuben, wie sie schon in andere Ländern üblich sind, und die straffreie Abgabe von bisher illegalen harten Drogen. Von einen solchen Drogenkonzept ist Luxemburg allerdings noch weit entfernt. Das beweist neben fehlenden Therapieplätzen die jüngste politische Debatte über eine mögliche Straffreiheit beim Konsum leichter Drogen.

Auch die fĂĽr die Ursachenbekämpfung wichtige Wohnungsfrage wartet weiterhin auf eine politische Lösung: 520 Sozialwohnungen zählt das Angebot der Stadt Luxemburg an sozial Schwache zurzeit. Nach Auskunft von Conrad vom städtischen Wohnungsamt sind das nicht einmal fĂĽnf Prozent aller am Markt befindlichen Wohnungen. Viel zu wenig also, um das drängende Problem der Wohnungsnot und des Verlusts der Unterkunft zu lösen. Letzterer steht aber oft am Anfang einer „Obdachlosenkarriere“.

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