OBDACHLOSE: Open Air und hoffnungslos

von | 15.08.2003

Die Mehrheit der Obdachlosen hierzulande bilden Nicht-LuxemburgerInnen. Unter den Betroffenen sollen sich immer mehr Jugendliche befinden. Zahlen fehlen bislang.

„Immer mehr Leute fallen durch das soziale Netz und landen auf der StraĂźe.“ Diese nicht besonders neue Feststellung machte der Luxemburger Stadtschöffe Laurent Mosar am Freitag vergangener Woche, als die „Caritas Accueil et SolidaritĂ©“ eine Bilanz ihrer Winteraktion 2002-2003 und des im vergangenen Jahr angelaufenen „Streetwork“-Programms zog. Die Zahl der Obdachlosen in Luxemburg sei durch die wirtschaftliche Flaute und die schwierige Situation auf dem Wohnungsmarkt gestiegen, resĂĽmiert die Caritas. Genauere Angaben ĂĽber die Zahl der Obdachlosen im Land seien zwar nicht zu ermitteln, dafĂĽr jedoch ĂĽber die Arbeit der Caritas-Dienste. Von der hätten von Oktober 2002 bis Juni 2003 insgesamt 859 Personen profitiert. Die Caritas war in diesem Zeitraum laut eigenen Angaben mehr als 2.500 Mal im Einsatz.

In Luxemburg leben zwischen 200 und 250 Menschen auf der StraĂźe, schätzt der Caritas-Direktionsbeauftragte RenĂ© Kneip. Ihnen zu helfen ist die Aufgabe von „Streetwork“. Das Programm wird von „Caritas Accueil et SolidaritĂ©“ verwaltet und ist in deren Dienststelle in Bonneweg untergebracht. Allein im Mai und Juni diesen Jahres betreuten die Streetworker – eine Sozialhelferin in Voll- und ein Sozialhelfer in Teilzeit – 244 BedĂĽrftige in Bonneweg und im Bahnhofsviertel, den beiden sozialen Brennpunkten der Hauptstadt. Mit täglichen Bereitschaftsdiensten geben die Caritas-MitarbeiterInnen Orientierungshilfe bei der Kontaktaufnahme zu anderen sozialen Diensten und bei der Suche nach einem Dach ĂĽber dem Kopf. Zudem erhält ihre Klientel eine Postadresse, ĂĽber die diese ihre Sozialleistungen abwickeln lassen können. So meldeten sich bisher 123 Personen unter der Adresse 3, Dernier Sol an.

Einmal mehr bestätigt sich, wovor die einschlägigen Hilfsdienste schon seit längerem gewarnt haben: Die Obdachlosigkeit trifft immer mehr jüngere Menschen. Sogar eine 13-Jährige habe man bereits in der Szene aufgegriffen, berichtete die zuständige Ministerin Marie-Josée Jacobs.

Hauptproblem Drogen

„Das liegt zum Teil an den auseinander brechenden Familienstrukturen“, erklärt Renato Cescutti, Leiter des Bonneweger Nachtfoyers „Ulysse“, gegenĂĽber der woxx, zum anderen aber auch an der im GroĂźherzogtum herrschenden Wohnungsnot.

Doch auch was den Anteil der Jugendlichen unter den Obdachlosen angeht, liegen keine genauen Zahlen vor. Die gibt es hingegen zu den Herkunftsländern der Betroffenen: Die meisten Personen, die sich von Januar bis Juni diesen Jahres im „Centre Accueil et SolidaritĂ©“ in Bonneweg meldeten, stammen aus Luxemburg. Mit 74 Personen sind sie zwar die größte Gruppe, insgesamt stellen sie jedoch nur 40 Prozent dar. Dagegen kamen 46 Prozent aus dem EU-Ausland und 13,5 Prozent aus Nicht-EU-Ländern. Bei denjenigen, die im ersten Halbjahr das „Streetwork“-Programm nutzten, standen 119 LuxemburgerInnen 158 AusländerInnen gegenĂĽber, wovon die größte Gruppe die PortugiesInnen mit 62 Personen bildeten. Obdachlosigkeit stellt somit vor allem ein Problem dar, unter dem ImmigrantInnen zu leiden haben. „Die wenigsten sind bereits mit ihren Problemen nach Luxemburg gekommen“, so Cescutti. Auf die schiefe Bahn gerieten sie erst später.

In einer anderen Statistik der Caritas sind auch die hauptsächlichen Probleme der Personen aufgefĂĽhrt, um die sich die „Streetworker“ kĂĽmmern mussten. Die größte Problemgruppe bildeten dabei die Drogenabhängigen (134 Personen) – fĂĽr „InsiderInnen“ von Drogenberatungsstellen wie Abrigado oder der Jugend- an DrogenhĂ«llef kein Wunder: Luxemburg verzeichnet neben Italien, Portugal und dem Vereinigten Königreich prozentual die meisten Drogenabhängigen. „Das Problem ist immer noch tabu in Luxemburg“, konstatierte kĂĽrzlich Tom Schlechter von Abrigado Szene-Kontakt. Die vom Gesundheitsministerium finanzierten Organisation empfängt in ihrem Container am Bahnhof der Stadt Luxemburg täglich mehr als 60 KlientInnen. Was fehlt, darĂĽber waren sich die Abrigado-MitarbeiterInnen bei der Vorstellung ihres Jahresberichts 2002 Ende Juli einig, ist eine Notaufnahme fĂĽr Drogenabhängige inklusive Ăśbernachtungsmöglichkeiten, also eine Fixerstube plus Nachtfoyer. Denn Drogenabhängige werden vom Foyer „Ulysse“ nicht aufgenommen. „Ich erinnere an die Fixerstube“, sagte Ministerin Marie-JosĂ©e Jacobs in diesem Zusammenhang bei der Caritas-Pressekonferenz. Ihre Anspielung galt dem geplanten Foyer in der Hollericher StraĂźe, das jedoch von der Stadt Luxemburg blockiert wurde. Wenn man keine Infrastrukturen fĂĽr die Drogenabhängigen biete, so Jacobs weiter, mĂĽsse man damit rechnen, dass diese Menschen auf der StraĂźe landen. Dabei plädierte sie fĂĽr dezentrale Strukturen: Damit werde verhindert, dass die Problematik sich auf einige wenige Viertel in der Hauptstadt konzentriere. Um das zu verwirklichen, mĂĽssten die Gemeinden mehr Verantwortung ĂĽbernehmen.

Unterdessen warb Jacobs CSV-Parteikollege Mosar um Verständnis fĂĽr die AnwohnerInnen. Von deren Seite hatte es immer wieder Beschwerden ĂĽber das Caritas-Foyer in Bonneweg gegeben. „Wer nicht will, dass Toiletten aufgebaut werden, darf sich nicht wundern, dass Obdachlose ihre menschlichen BedĂĽrfnisse in Gärten erledigen“, meinte die Ministerin dazu. Und RenĂ© Kneip ergänzte: „Die Hemmschwellen bei den Anwohnern mĂĽssen abgebaut werden.“ Durch die Schaffung weiterer Anlaufstellen allein könne man dem Problem nicht beikommen. FĂĽr die spezifischen Probleme der Obdachlosen bedĂĽrfe es spezifischer Lösungen, so der Caritas-Direktionsbeauftragte.

Ob diese dann auch gefunden werden, hängt nicht zuletzt vom Willen der PolitikerInnen ab. Bei denen besitzen die Obdachlosen schlechte Karten. „Solange die Politiker nicht unter dem Druck ihrer Wähler stehen, handeln sie nicht“, so Abrigado-Chef Schlechter. Zwar herrscht Einvernehmen darĂĽber, dass diese im kommenden Winter nicht wie im vergangenen Jahr von einem Provisorium zum anderen geschickt werden. Die Familienministerin weiĂź jedoch: „Mit diesem Thema gewinnt man keine Wahlen.“

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