BILDUNG: Hausaufgabe: Argumentieren

von | 06.05.2005

Das Unterrichtsministerium will die Hausaufgaben reduzieren und erntet dafĂĽr heftige Proteste. Die Debatte um den Sinn des BĂĽffelns kommt bei aller Polemik aber zu kurz.

Zwei BĂĽcher lesen und zusammenfassen, eins in Deutsch und eins in Französisch. So lautete die Hausaufgabe, die ein elfjähriger SchĂĽler im März dieses Jahres mit in die Osterferien nahm. Seine MitschĂĽlerInnen mussten ihre Nasen ebenfalls in BĂĽcher stecken statt sich vom Schulstress zu erholen. Damit soll kĂĽnftig Schluss sein. „Aucun travail ne peut ĂŞtre imposĂ© aux Ă©lèves pour les pĂ©riodes de vacances“, schreibt Unterrichtsministerin Mady Delvaux-Stehres unmissverständlich im diesjährigen FrĂĽhjahrsbrief, dem ersten seit Amtsantritt. Auch das Wochenende habe hausaufgabenfrei zu bleiben. Erst- und Zweitklässler dĂĽrfen sich sogar ĂĽber ein prinzipielles Verbot schriftlicher Hausarbeiten freuen.

Die ministerielle Anweisung an das Lehrpersonal der Luxemburger Grundschulen kommt einer kleinen Revolution gleich. Noch im vergangenen Jahr waren Hausaufgaben fĂĽr SchĂĽlerInnen aller Altersklassen obligatorisch. „L’apprentissage ne peut se faire correctement sans la rĂ©pĂ©tition par les exercices Ă  la maison“, hatte die vorige Unterrichtsministerin Anne Brasseur (DP) insistiert – Ansichten, die im LSAP-gefĂĽhrten Ministerium nunmehr offenbar als ĂĽberholt gelten. Die Entscheidung der Ministerin in Sachen Hausarbeiten entspreche „dem aktuellen Stand der Wissenschaft“, antwortet Robert Brachmond, im Ministerium zuständig fĂĽr die Primärschulen, auf die Nachfrage der woxx, was denn die pädagogische BegrĂĽndung fĂĽr den Kurswechsel sei.

Seit Jahren machen sich weltweit ErziehungswissenschaftlerInnen Gedanken ĂĽber Sinn, Zweck und Wirkungsweise von Hausaufgaben. Doch der Befund deutscher Bildungsexperten ĂĽber die Beziehung zwischen Hausarbeiten und schulischem Erfolg, auf den sich der zuständige Ministerialbeamte beruft, fällt keineswegs eindeutig aus. Die Wissenschaftler Olaf Köller und Ulrich Trautwein, die zahlreiche Studien zum Thema Hausaufgaben analysiert und auf ihre Plausibilität hin untersucht haben, kommen zu dem Schluss, dass die „Beziehung zwischen Hausaufgaben und persönlichem, schulischen Erfolg“ noch immer nicht ganz verstanden sei.* Die aktuelle empirische Basis reiche nicht einmal aus, um so grundsätzliche Fragen wie „Fördern Hausaufgaben den schulischen Erfolg?“ ein fĂĽr alle Mal zu beantworten.

Wirksamkeit umstritten

Wer sich daraus einen Grund fĂĽr die Abschaffung von Hausarbeiten zimmert, liegt demnach ebenso richtig oder falsch, wie der- oder diejenige, die behauptet, Lernfortschritte seien ohne Pauken am heimischen Schreibtisch undenkbar.

Die sozialistische Ministerin Delvaux-Stehres hat ihre MaĂźnahme insbesondere mit der sozialen Ungerechtigkeit begrĂĽndet, die mit der Verlagerung von Schulaufgaben in die eigenen vier Wände einhergehe. Dass SchĂĽlerInnen, deren Eltern aus ZeitgrĂĽnden oder wegen eigener WissenslĂĽcken nicht bei den Schulaufgaben helfen können, in der Schule nicht so gut mitkommen wie jene, die von ihren Eltern unterstĂĽtzt werden, dafĂĽr spricht in der Tat einiges. „Hausaufgaben verstärken akademische Unterschiede zwischen Familien der Mittelschicht und der Arbeiterklasse, weil mittelständische Eltern eher bei den Hausarbeiten helfen“, schreibt Richard Rothstein ĂĽber den Zusammenhang von sozio-kulturellen HintergrĂĽnden und schulischen Erfolg.** Neben materiellen GrĂĽnden – viele Eltern haben kein Geld, um sich Nachhilfe zu leisten oder zu kleine Wohnungen, um ihren Kindern eine ruhige Ecke zum Lernen zu geben – verweist der Professor des Columbia University’s Teachers College auch auf Differenzen im Umgang mit dem Lernen. MĂĽtter und Väter aus niedrigen Einkommensschichten ermutigen ihre Kinder insgesamt weniger, fĂĽr die Schule zu pauken – eine Beobachtung, die auch viele Eltern und LehrerInnen in Luxemburg machen, die bislang aber nie systematisch analysiert und ausgewertet wurde.

Allgemeine Verunsicherung

Kein Wunder, dass Eltern und Lehrpersonal verunsichert sind und sich fragen, ob die ministerielle Anweisung eher ideologisch motiviert ist oder aber ob gute GrĂĽnde fĂĽr die geplante Reduzierung sprechen. Eine ausfĂĽhrliche Debatte ĂĽber den pädagogischen Sinn und Zweck von Schulaufgaben, ĂĽber die Rolle der Schulen in einer sich wandelnden Gesellschaft, in der immer öfter beide Eltern berufstätig sind und das Phänomen der Ein-Eltern-Familien zunimmt, hat es hier zu Lande bisher nicht gegeben. Hinzu kommt, dass sich auch BildungsexpertInnen nicht ganz einig darĂĽber sind, wie Leistungsschwächen bei SchĂĽlerInnen, deren MĂĽtter und Väter die hiesigen Sprachen kaum sprechen, wirksam gemildert werden können. Immerhin eins scheint zunehmend klar: Um soziale Unterschiede auszugleichen, braucht es umfassende, qualitativ hochwertige Erziehungsangebote fĂĽr alle von frĂĽhester Kindheit an. Die aber sind teuer und waren – zumindest bisher – politisch nicht erwĂĽnscht.

„Wir mĂĽssen die SchĂĽler da abholen, wo sie sind“, betont Michèle Retter. Die Präsidentin vom Elterndachverband Fapel ist nicht per se gegen Hausaufgaben, begrĂĽĂźt es aber, dass diese stärker in die Schulen hinein verlagert werden sollen.

Doch selbst wenn sich der erste Unmut ĂĽber den abrupten Richtungswechsel bald legen sollte – die Umsetzung der neuen Richtlinie dĂĽrfte noch aus anderen, pragmatischen GrĂĽnden schwierig werden. Lehrergewerkschaften klagen seit Jahren ĂĽber zu volle Stundenpläne. Nicht selten kommt es vor, dass ĂĽberforderte LehrerInnen Kindern Aufgaben mit nach Hause geben, die sie eigentlich im Unterricht abhandeln sollten. Eltern wĂĽrden so als Hilfslehrer missbraucht, kritisiert die Fapel. FĂĽr das Ăśben und das Vertiefen von bereits Gelerntem, nach Ansicht vieler PädagogInnen der eigentliche Zweck von Hausaufgaben, bleibt da kaum Zeit mehr ĂĽbrig.

„Die Programme mĂĽssen entlastet werden“, fordert die DP-Politikerin Anne Brasseur, und zumindest in diesem Punkt hat die Hausaufgaben-Verfechterin Recht. Die angekĂĽndigte Entschlackung der Curricula lässt jedoch auf sich warten – und die neue Hausaufgabenregelung gilt ab sofort. Dass Hausaufgaben nach den jeweiligen Fähigkeiten eines SchĂĽlers zu bemessen sind, wie es im FrĂĽhjahrsbrief heiĂźt, ist eigentlich eine pädagogische Selbstverständlichkeit. Doch in den meisten Schulen Luxemburgs ist Differenzierung nach wie vor ein Fremdwort: Viele Lehrkräfte wissen nicht, wie sie das machen sollen.

Aus fĂĽr kommunale Hilfsangebote?

Wie weit die Verunsicherung reicht, zeigen auch die Reaktionen auf kommunaler Ebene. „Wir wissen nicht, was die Vorgaben im Einzelnen fĂĽr uns bedeuten“, sagt Nicole Gorza von der „structure d’accueil“ in Beckerich. Lernschwache Kinder können dort, wie in 23 anderen Gemeinden auch, nachmittags mit Hilfe von ErzieherInnen ihre Schularbeiten erledigen. Die Einschätzung des Escher Schulkommissars Jean Klein, die Regelung bedeute „das Aus fĂĽr die Hausaufgabehilfe in den beiden ersten Schuljahren“, teilt die Beckericher Einrichtung aber nicht. „Wir werden wahrscheinlich unsere Angebote im Sport- und kreativen Bereich ausbauen“, ist Gorza optimistisch. Die neue Situation sei „eine Chance, verstärkt in die Tiefe zu gehen“, schlieĂźlich gebe es auch in Zukunft Kinder mit Schulschwierigkeiten. Das dĂĽrfte im Sinne der Ministerin sein. Sie hat in ihrer „circulaire“ die Kommunen ausdrĂĽcklich dazu ermutigt, die auĂźerschulischen Angebote auszubauen. Aber wie verträgt sich das mit der Idee, die Schulen stärker in die Verantwortung zu nehmen? MĂĽsste es im Sinne von mehr Chancengerechtigkeit nicht heiĂźen: Ganztagsschulen und Tageskindergärten fĂĽr alle, statt die kostenpflichtige Betreuung auĂźerhalb der Schule zu erweitern?

Diese grundsätzlichen Fragen hat Delvaux-Stehres bisher nicht beantwortet. Insofern wird sie sich die Kritik an einer ungenĂĽgenden Kommunikation, wie sie derzeit von fast allen Parteien geäuĂźert wird, gefallen lassen mĂĽssen. Ohne nachvollziehbare ausfĂĽhrliche Erklärungen, warum und wie Lehrkräfte, ErzieherInnen und Eltern das neue Konzept umsetzen sollen, dĂĽrfte mit der Hausaufgaben-Tradition kaum zu brechen sein. Wie hat die Ministerin auf einer Veranstaltung selbst einmal treffend gesagt: „Um etwas zu lernen, muss ich es auch verstehen.“

* Olaf Köller und Ulrich Trautwein, „The Relationship Between Homework and Achievement – Still Much of a Miystery“, Educational Psychology Review Nr. 15, Juni 2003.

** Richard Rothstein, „Even the Best Schools Can’t close the Race Achievement Gap“, Poverty & Race, September 2004.

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