REFERENDUM: Wie weiter?

von | 15.07.2005

Nach dem Referendum befindet sich die Linke im Aufwind. Doch die unterschiedlichen Motive beim Nein sorgen auch fĂĽr mulmige GefĂĽhle.

Einmal im Mittelpunkt des World Wide Web stehen: Luxemburgs Referendum vom 10. Juli.
(Foto: Renée Wagener)

„Unser Einsatz hat sich gelohnt.“ AndrĂ© Kremer vom „ComitĂ© pour le Non“ ist zufrieden. SchlieĂźlich habe niemand im Komitee zuvor eine Referendumskampagne organisiert. 56,52 Prozent Stimmen fĂĽr den EU-Verfassungsvertrag und 43,48 Stimmen fĂĽr das „Nein“ am 10. Juli – so ein Ergebnis kann sich in der Tat sehen lassen. Binnen weniger Monate geschah, womit noch Anfang des Jahres niemand gerechnet hatte: Die LuxemburgerInnen erlebten eine der größten und kontroversesten politischen Debatten der vergangenen Jahrzehnte. Leidenschaftlich stritten Politiker, Gewerkschafter und Vertreter der Zivilgesellschaft in Funk und Fernsehen fĂĽr und wider den Verfassungsentwurf. Dass es ĂĽberhaupt zu dieser Streitkultur kam, ist auch ein Verdienst des ComitĂ© pour le Non. Beobachter sind sich zudem einig: Hätte Publikumsliebling Jean-Claude Juncker wenige Tage vor dem Referendum nicht noch in die Debatte eingegriffen, wäre das Ergebnis womöglich deutlich fĂĽr das Nein-Lager ausgefallen.

„Die Menschen wollen ein soziales und solidarisches Europa“, freut sich auch Adrien Thomas vom ComitĂ©. Das ist so eindeutig aber nicht. Den Wahlanalysen der Ilres zufolge haben zwar ĂĽber zwei Drittel der Nein-WählerInnen in erster Linie ĂĽber den Verfassungstext abgestimmt. Doch die am häufigsten genannten Motive, mit denen die Neinsager ihre Wahl begrĂĽnden, haben nur wenig mit dem BrĂĽsseler Vertragswerk zu tun. Ein Bekenntnis zu einem solidarischen Europa sind sie erst recht nicht: Zwei Drittel der VerfassungsgegnerInnen nannten die Erweiterung als Hauptgrund, gegen den Entwurf zu stimmen. Nur 40 Prozent war der Text zu liberal.

Dass das „Nee“ nicht zwangsläufig ein linkes Nein bedeutet, zeigen auch die Ergebnisse aus Esch-sur-SĂ»re. In der kleinen Gemeinde im Norden leben relativ gesehen die meisten Neinsager – und viele FlĂĽchtlinge. Die WählerInnen hätten die Gelegenheit ergriffen, ihre Ablehnung gegen den Zustrom auszudrĂĽcken, versuchte BĂĽrgermeister Claude Thilges das Resultat Anfang der Woche zu erklären. Dies als Rassismus zu bezeichnen, sei aber „etwas ĂĽbertrieben“. Der DP-Politiker nannte zudem die Privatisierung der Stauseeverwaltung als Grund fĂĽr das Nein.

Ă„ngste vor Liberalisierung und Globalisierung sind es auch, die laut Politikwissenschaftler Philippe Poirier (siehe woxx-Interview) den hohen Anteil der Nein-Stimmen im SĂĽden erklären. In der einst boomenden Industrieregion leben heute ĂĽberdurchschnittlich viele Arbeitslose. Und auch die, die eine Arbeit in einem der wenigen verbliebenen Stahlbetriebe haben, mĂĽssen damit rechnen, sie irgendwann zu verlieren. Die Arbed baut seit Jahren Stellen in Luxemburg ab – um im Osten Europas neue Werke aufzuziehen. Angst vor Arbeitsplatzverlust als Motiv fĂĽr das Nein. Wie erklärt sich aber, dass im vornehmlich von LuxemburgerInnen bewohnten Escher Arbeiterviertel Brill die Hälfte der WählerInnen der Verfassung zustimmten, während in Stadtteilen wie das „kleine Italien“ oder die „Schmelz“ mit hohen Ausländeranteilen 60 Prozent der Luxemburger gegen den Verfassungstext stimmten?

Jugend gegen Europa

Auch das vom Vize-Präsidenten der Luxemburger Studentenorganisation Unel Michel Erpelding als „sozial und fortschrittlich“ bezeichnete mehrheitliche Nein der Jugend lässt Fragen offen. 60 Prozent der 18- bis 30-Jährigen stimmten gegen den Verfassungsvertrag. Nicht nur, dass in Fernseh-Umfragen viele Jugendliche deutliche Vorbehalte gegenĂĽber Europa und Ausländern äuĂźerten. Beim Jugend-Eurobarometer 2001 lag der Anteil luxemburgischer Jugendlicher, die in Europa eine Möglichkeit fĂĽr eine bessere Zukunft sehen, unter dem europäischen Durchschnitt. Der nationale Jugendbericht von 2001 zitiert mehrere Studien, die auf ausländerfeindliche Tendenzen bei luxemburgischen Jugendlichen hindeuten. Anzeichen fĂĽr ein skeptisches Verhältnis der Jugend zu Europa und zu den hier lebenden ImmigrantInnen gibt es also schon seit Jahren. Die will nur niemand wahrnehmen – und auch nicht erforschen. Eine fundierte und repräsentative Untersuchung ĂĽber das Zusammenleben von In- und Ausländern fehlt bislang im multikulturellen Luxemburg.

Der latente Fremdenhass gehöre zu den „größten Tabus“, stellte der Historiker Gilbert Trausch kurz nach der Wahl fest. FĂĽr Charles Margue von der Ilres hat sich Luxemburg mit dem Wahlergebnis „demaskiert“. Das Votum gegen Europa sei ein „Ausdruck ungelöster Probleme wie Xenophobie und die soziale Kohäsion“. Auch der Soziologe Fernand Fehlen warnt: „Luxemburg ist eine geschlossene Gesellschaft, da gibt es viel ZĂĽndstoff.“ Was geschieht aber, wenn eines Tages eine Gruppierung oder Partei antritt, die derlei Ressentiments geschickter zu kanalisieren weiĂź als das eher plump agitierende rechts-populistische ADR? „Das könnte der zĂĽndende Funke sein“, so Margue gegenĂĽber woxx.

Angesichts solcher Prognosen wundert es schon, dass zumindest vereinzelte Mitglieder des ComitĂ© pour le Non in der Zusammensetzung des „Nee“ kaum eine Gefahr erkennen wollen. „Das ADR hat auf das Soziale gesetzt. Und die TĂĽrkeifrage spielte in den Diskussionen kaum eine Rolle“, argumentiert Adrien Thomas gegen eine schärfere Abgrenzung zwischen linkem und rechtem Nein – und läuft damit schnurstracks in die Falle der Rechtspopulisten. Deren Engagement fĂĽr ein anderes Europa hat unĂĽberhörbar nationalistische Töne. Eine Karikatur im Parteiorgan „De Pefferkär“, die einen europäischen Arbeiter als zusammengebauten Frankenstein ohne Gehirn zeigt, macht deutlich, wie anti-europäisch der ADR ist. Dass die Rechten ihre rassistische Gesinnung in der TĂĽrkeifrage (siehe woxx Nr. 805) nicht energischer vorgebracht haben, ist KalkĂĽl: Wer sich offen ausländerfeindlich äuĂźert, lief in Luxemburg bislang eher Gefahr, Wählerstimmen zu verlieren. Mit dem Nein-Votum könnte sich das geändert haben. Hastig mahnen Politiker mehr Integration der ausländischen MitbĂĽrger an – obwohl sie es waren, die den EU-Ausländern eine Beteiligung am Referendum verweigerten, und obwohl sie dafĂĽr verantwortlich sind, dass nicht-luxemburgische Jugendliche zum Beispiel durch das Bildungssystem benachteiligt werden.

Lechts und rinks

Ă„hnlich doppelschneidig ist die Empfehlung von AndrĂ© Kremer, die soziale Lage der WählerInnen im SĂĽden zu verbessern, um so Ressentiments abzubauen – als Lehre aus dem Referendum. Dass Fremdenfeindlichkeit nicht per se mit sozialen Schieflagen zu tun hat, betonen RechtsextremismusforscherInnen seit vielen Jahren. Die „Wir zuerst“-Mentalität und die Xenophobie mancher Luxemburger wird durch SozialmaĂźnahmen nicht in Frage gestellt. Das Gegenteil ist der Fall.

Gegen national-chauvinistisches Gedankengut hilft laut Kremer nur eins: „Wir mĂĽssen die internationalen Solidaritätsreflexe trainieren.“ Kompromisse gegenĂĽber dem ADR und anderen rechten Kräften kämen nicht in Frage, so der Nein-Aktivist, der die Verfassungsdebatte als groĂźe Chance sieht, „linke Inhalte zu thematisieren und zu verbreiten“. Die Rechnung geht offenbar auf: Beim Bilanztreffen des sich am kommenden Dienstag auflösenden Nein-Komitees herrschte groĂźer Andrang.

Aufwind verspĂĽrt auch dĂ©i LĂ©nk. Sie konnte ihre im FrĂĽhjahr geäuĂźerte Absicht umsetzen, die Nein-Kampagne gezielt auch zur Imagewerbung zu nutzen: mit Highlights wie dem Face-Ă -Face zwischen Premierminister Juncker und dem Escher Schöffen AndrĂ© Hoffmann. „DĂ©i LĂ©nk hatte in den letzten zwei Wochen eine Präsenz in der Ă–ffentlichkeit wie nie zuvor seit ihrer GrĂĽndung“, frohlockte Tun Jost auf einem auĂźerordentlichen Kongress seiner Partei am vergangenen Mittwoch. Dessen viel sagendes Motto lautete: „Vom Referendum zu den Gemeindewahlen – die Wichtigkeit einer Linksalternative“. DĂ©i LĂ©nk will den entstandenen „Graben“ zwischen politischer FĂĽhrung und Basis fĂĽr sich nutzen – und es ist klar, wen die Partei damit meint. Bei LSAP und DĂ©i GrĂ©ng war der Anteil der Neinsager besonders groĂź. Die Hoffnung, vor allem den SozialistInnen bei den Gemeindewahlen im Oktober Stimmen abluchsen zu können, ist nicht unrealistisch: Bei den Nationalwahlen im Oktober konnte die LSAP kaum WählerInnen hinzu gewinnen. Auch nicht in ihrer Hochburg im SĂĽden, wo ebenfalls dĂ©i LĂ©nk und KommunistInnen traditionell ihre größte Wählerschaft haben. Damit der Stimmenzuwachs klappen kann, mahnen dĂ©i LĂ©nk-Politiker, die Ausländer bloĂź nicht zu vergessen. EU-BĂĽrgerInnen dĂĽrfen bei den Kommunalwahlen mitstimmen. Das Problem der reaktionären und fremdenfeindlichen NeinsagerInnen löst das aber nicht.

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