ENERGIEPOLTIK: Europäischer Zickzack-Kurs

von | 31.05.2013

Energie muss billiger werden, fordern Unternehmen und machen Druck auf die EU-Spitze. Dort reagiert man auf die Kritik aus verschiedenen Lagern mit fortgesetzter Orientierungslosigkeit.

Ratlosigkeit im EU-Rat: Außenminister Jean Asselborn am letzten Dienstag mit seinem niederländischen Amtskollegen Frans Timmermans.

Von der Sitzung des Europäischen Rats kurz nach Pfingsten hatten sich manche einen Kurswechsel in der Energie- und Klimapolitik erwartet. „Gipfel läutet das Ende der Klimahysterie ein“, freute sich etwa der Europa-Abgeordnete Holger Krahmer kurz vor dem Treffen der europäischen Staats- und Regierungschefs in einer Pressemitteilung. Der Entwurf fĂĽr die Schlussfolgerungen des Treffens sei „von neuem Realismus geprägt“, lobte der deutsche Liberale von der FDP. Erstmals wĂĽrden steigende Energiekosten und die schwindende Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft höher gewichtet als „offensichtlich nicht durchsetzbare globale Klimaschutzambitionen“.

Das sehen andere genauso. „Es wird höchste Zeit, dass wir damit aufhören, die Welt alleine retten zu wollen“, sagte vor dem Gipfel der Luxemburger LSAP-Europa-Abgeordnete Robert Goebbels. „Wenn wir zuschauen wollen, wie Europa völlig desindustrialisiert wird und die Jobs nach Asien und in die USA abwandern, sollten wir so weitermachen“, stellte Goebbels klar. Er erwartete sich von diesem Gipfel BeschlĂĽsse, die Weichen stellen fĂĽr eine Wende in der europäischen Energiepolitik.

Teure Energie als Jobkiller

Es waren verschiedene Formulierungen im Entwurf fĂĽr die Schlussfolgerungen des Gipfeltreffens, die solche Hoffnungen speisten. Europäische Energiepolitik mĂĽsse dafĂĽr sorgen, dass Haushalte und Unternehmen „zu erschwinglichen und wettbewerbsfähigen Preisen“ versorgt werden, hieĂź es etwa im ersten Absatz der Erklärung.

Nicht alle freuten sich darĂĽber. Eine Orientierung der Energiepolitik alleine am Preis sei ein „dramatischer RĂĽckschritt“, warnte etwa Claude Turmes von den GrĂĽnen. FĂĽr ihn steht fest: Eine Senkung der Energiepreise fĂĽr Unternehmen wird letztendlich auf die Verbraucher abgewälzt. „Die Kosten fĂĽr den Ausbau und Unterhalt der Netze mĂĽssen die Kunden dann alleine ĂĽbernehmen.“

„Der Entwurf fĂĽr die Schlusserklärung ist ein Beweis dafĂĽr, dass die Lobbyarbeit der Industrie erfolgreich war“, sagte Turmes zunächst unter Verweis auf einen Brief, den Markus J. Breyer, der Chef des Verbandes der europäischen Industrie, an den irischen Premierminister Enda Kenny in seiner Funktion als derzeitiger Ratsvorsitzender geschickt hatte. Darin forderte die Industrie billigere Energie als Bedingung dafĂĽr, gegenĂĽber den USA wieder wettbewerbsfähig zu werden. Eine Botschaft, die ankam. „Erdgas kostet in den USA viermal weniger als in Europa“, betonte am Vortag des Gipfels Kommissionspräsident JosĂ© Manuel Barroso in einer Rede im Europäischen Parlament.

Was tags drauf im Detail hinter verschlossenen TĂĽren auf dem Gipfel besprochen wurde, ist nur schwer nachzuvollziehen. Fest steht, dass im Text, der am Ende des Gipfels verabschiedet wurde, zu den Preisen nun die „Kosten“ hinzugefĂĽgt worden sind. Dies wertet Turmes zumindest als Teilerfolg. „Damit hat sich die Industrielobby nicht durchgesetzt“, so Turmes. „Immerhin gibt es nun keinen Freibrief fĂĽr Umweltverschmutzer.“ Fest steht allerdings auch, dass die Formulierung, Haushalten und Unternehmen Energie „zu erschwinglichen und wettbewerbsfähigen Preisen und Kosten“ zur VerfĂĽgung zu stellen, nur bedingt Sinn macht. Eine so genannte Nullrunde mit Interpretationsspielraum in alle Richtungen.

Atomkraft und Schiefergas: Alles bleibt möglich

Die Debatte über erneuerbare Energien, die einige Tage zuvor im Europaparlament stattgefunden hatte, wies zudem darauf hin, dass der Durchsetzung von Windkraft und Co. derzeit in Europa eine steife Brise entgegenweht. Das zeigte auch die Abstimmung: Das ursprünglich anvisierte Ziel, bis zum Jahr 2030 den Anteil an erneuerbaren Energien auf ein Minimum von 40 Prozent zu fixieren, bekam am Ende keine Mehrheit. Nun beschränkt sich das Parlament lediglich auf die Empfehlung, ein Ziel oberhalb der von der Kommission angestrebten 30 Prozent anzustreben.

Energiekommissar GĂĽnther Oettinger verhehlte in der Debatte nicht, dass er in der Entwicklung der Solarenergie in Europa deutliche Grenzen sieht. Er glaube nicht, dass die Endfertigung von Fotovoltaikplatten „im Kern eine Aufgabe“ sei, „die in Europa erfĂĽllt werden kann“, sagte Oettinger im Hinblick auf die billigere Konkurrenz aus China. „Module ja. Rohstoffe ja, Hightech ja, Software ja, aber nicht die Fertigung der Platten“, so die Einschätzung des Kommissars. Oettinger wies zugleich den zuvor von Claude Turmes geäuĂźerten Verdacht zurĂĽck, BrĂĽssel wolle Atomkraft subventionieren. Entsprechende Anträge werden kommen, gab der Schwabe zu. Es sei zu erwarten, dass Frankreich, GroĂźbritannien und Tschechien beantragen, dass neue Kernkraftwerke einen garantierten Ablieferpreis fĂĽr Strom bekommen. „Ich stehe dem sehr distanziert gegenĂĽber“, versicherte Oettinger jedoch.

Allerdings lässt auch hier der Gipfelbeschluss viel Spielraum fĂĽr Interpretationen zu. Um gezielte Interventionen im Energiebereich zu ermöglichen, sollten die Vorschriften fĂĽr staatliche Beihilfen durch die Kommission ĂĽberarbeitet werden, heiĂźt es dort. Der Zusatz „wobei gleiche Bedingungen gewährleistet“ werden, könnte der Atomkraft im Hinblick auf ihre Wettbewerbsfähigkeit zugutekommen. „Die Entscheidung ĂĽber die Subventionen ist damit nicht gefallen“, so Turmes` Kommentar zu diesem Punkt, „sie ist jedoch auch nicht vom Tisch“.

Ă„hnlich verhält es sich beim heftig umstrittenen Schiefergas. „Europa läuft Gefahr, hier den Zug zu verpassen“, hatte Barroso im Parlament gewarnt. Die Staats- und Regierungschefs sind sich in dieser Frage nicht einig. In den Schlussfolgerungen des Gipfels deutet sich eine gewisse Ă–ffnung gegenĂĽber Schiefergas an. Heimische Energieressourcen sollten weiter entwickelt werden und die Kommission wolle prĂĽfen, „inwieweit systematischer auf heimische Onshore- und Offshore-Energiequellen zurĂĽckgegriffen werden kann“. Auch hier ist also weiterhin alles möglich.

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