ARCHITEKTUR: Alle mitdenken

von | 04.12.2014

Was bedeutet „gendergerechtes Bauen“, und welche Vorteile bringt es mit sich, alle Gruppen in die Planung von Gebäuden miteinzubeziehen? Die ZĂĽrcher Architektin Maya Karácsony ĂĽber die VorzĂĽge einer Einbeziehung der weiblichen Expertise.

Maya Karácsony (Dipl. Architektin IAUG SIA) ist Partnerin im Züricher Architekturbüro KORY. Sie ist Gender-Expertin für Planung und Bau, war von 2009-13 Mitglied im Ausschuss des Lares-Projekts und gehört jetzt dem Vorstand des Vereins Lares an (www.lares.ch). Sie war Mitbegründerin und erste Präsidentin der Kommission „Frau und SIA“, in der sie gegenwärtig noch als Mitglied aktiv ist (SIA ist der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein). Karácsony hat diverse Aufsätze zu den Themen Architektur und Gender veröffentlicht. 

Nachhaltiges Bauen und Ressourcen- und Energiesparen sind seit längerem Thema, doch soziale und gesellschaftliche Aspekte bleiben beim Planen und Bauen oft noch im Hintergrund. In jĂĽngster Zeit ändert sich das. Zunehmend wird auch in Westeuropa ĂĽber diese Aspekte diskutiert, Initiativen fĂĽr neue Wohnformen entstehen und werden aktiv. Die Gender-Dimension, das heiĂźt unter anderem die Frage, ob Frauen und Männer aufgrund ihrer sozialen Rollen unterschiedliche NutzungswĂĽnsche an Bauprojekte richten – und falls ja, welche das sind -, ist jedoch noch kaum zur Sprache gekommen. Dabei sind es gerade Gender-ExpertInnen, die dazu beitragen, dass auch die soziale Nachhaltigkeit in die Planung eingeht und damit in die Nutzung integriert wird. Die ZĂĽrcher Architektin Maya Karácsony engagiert sich bereits seit 2009 bei dem Projekt Lares – Gender- und alltagsgerechtes Planen und Bauen. Lares setzt dies seit 2006 in der Schweiz um. Die Lares-Fachfrauen beurteilten zahlreiche Bauprojekte aus der Gender-Perspektive.

„Der Alltag von Frauen ist komplex, denn in der Regel sind es immer noch Frauen, die – meist zusätzlich zur Berufstätigkeit – die gesellschaftlich wichtige Betreuungs- und Versorgungsarbeit leisten.“

Was aber bedeutet der Begriff der Gender-Perspektive und des „Gender-Mainstreaming“, bezogen auf Raum- und Gebäudeplanung? In ihrem Vortrag, zu dem die Stadt Luxemburg und Cid | Fraen an Gender einladen, wird Karácsony der Frage nachgehen, welche Instrumente und Rahmenbedingungen nötig sind, um Freiräume und Gebäude alltagsgerechter, den sozialen BedĂĽrfnissen angemessen und nachhaltig zu gestalten. Welche AkteurInnen sollten bei der Planung ĂĽberzeugt werden, welche Formen von Kooperation und Partizipation sind möglich und mit welchen Fallstricken ist zu rechnen? An den Vortrag wird sich eine kurze, moderierte Debatte mit der Referentin und Luxemburger AkteurInnen anschlieĂźen.

Welche VorzĂĽge bietet also „gendergerechtes Bauens“ konkret, welche Komponenten umfasst es? „Gender Mainstreaming ist ein prozessorientierter Ansatz zur Qualitätssicherung planerischer Aufgaben“, so Karácsony. Es umfasst die Integration von Gender- und Alltagsaspekten und mĂĽsste eigentlich selbstverständlicher Teil von Planungs- und Bauprojekten sein, stellt es doch die BedĂĽrfnisse der NutzerInnen in den Mittelpunkt. Gender Mainstreaming sieht Karácsony damit als Querschnittsaufgabe, die auf strategischer Ebene mitgedacht werden mĂĽsse. NutzerInnen seien daher in ihrer ganzen Vielfalt zu berĂĽcksichtigen: Frauen und Männer, Pensionierte und Jugendliche, Berufstätige und Menschen, die sich um ihre Familie kĂĽmmern, Autofahrerinnen, Radfahrer, Kinder und Erwachsene. Wieso aber ist ein genderspezifischer Blick nötig? „Alltagsmuster und AnsprĂĽche von Frauen sind oft von jenen der Männer sehr verschieden und natĂĽrlich in gleicher Weise zu berĂĽcksichtigen“ betont Karácsony. „Der Alltag von Frauen ist komplex, denn in der Regel sind es immer noch Frauen, die – meist zusätzlich zur Berufstätigkeit – die gesellschaftlich wichtige Betreuungs- und Versorgungsarbeit leisten.“ Hier könne mit entsprechend kluger, nutzerorientierter Planung sehr viel zur UnterstĂĽtzung aller Beteiligten und zur Erleichterung ihres Alltags beigetragen werden. Arbeitsorte, verfĂĽgbare Zeit und Mobilitätsvoraussetzungen seien wichtige Komponenten und zugleich Unterscheidungsmerkmale der Lebensbedingungen der verschiedenen Gruppen. So wĂĽnschten sich zum Beispiel Frauen in Parkhäusern eher Parkplätze, die in der Nähe der VertikalerschlieĂźung liegen und möglichst gut beleuchtet sind. Auch seien Frauen häufiger mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs als Männer. Beim Zugang zu Gebäuden mĂĽsse diesem Umstand in Bezug auf Orientierung, Attraktivität und Hindernisfreiheit daher unbedingt Rechnung getragen werden. Dies gelte auch in besonderem MaĂźe fĂĽr Alleinerziehende (Frauen wie Männer), fĂĽr Ă„ltere und auch fĂĽr Menschen mit einer Behinderung.

Nachhaltigkeit und Gendergerechtigkeit hängen letztlich unmittelbar miteinander zusammen. So sei Design fĂĽr alle ein enorm wichtiges Kriterium, denn „Design“ bedeute in erster Linie, wie gut etwas funktioniert und nicht bloĂź, wie etwas aussieht. „Nachhaltigkeit steht bekanntermaĂźen auf drei gleichberechtigten Beinen: Ă–kologie, Ă–konomie und Gesellschaft. In den Bereich Gesellschaft ist der soziale Aspekt eingebettet. Genau hier ist Gendergerechtigkeit, alltagssensibles Planen und Bauen verortet. Leider wurde bisher nur den ersten beiden Bereichen Aufmerksamkeit geschenkt und die gesellschaftlichen Dimensionen der Nachhaltigkeit vernachlässigt“, fĂĽhrt Karácsony aus. Mit dem Gender- und alltagsgerechten Planen und Bauen werde nun auch der Gender-Thematik das ihr zukommende Gewicht beigemessen. Mittel- und langfristig wĂĽrden damit enorme – meist versteckte oder verlagerte – Folgekosten vermieden, so die Architektin.

Gute Beispiele seien somit diejenigen Fälle, bei denen alle Nutzenden paritätisch miteinbezogen werden und mitbestimmen. Und vor allem, bei denen auch Frauen in den Baukommissionen mitentscheiden. Eben gerade dort, wo die Sicht der Nutzer, namentlich der Nutzerinnen, berücksichtigt wird und der alltägliche Gebrauchswert von Gebäuden und Freiräumen erhöht ist, entstehe und bestehe ein Mehrwert, der zwar nicht auf Kommastellen genau in Zentimetern oder Euro gemessen werden könne, der sich aber auf alle Lebensbereiche positiv und nachhaltig auswirke.

Die Konferenz mit Maya Karácsony unter dem Titel „Die Faszination des NĂĽtzlichen“ findet am Dienstag, den 9. Dezember um 18:30 Uhr in der Bibliothek  vom  Cid / Fraen an Gender statt.

Dat kéint Iech och interesséieren

CITIZENEKONOMIE

Économie et développement durable
 : Une responsabilité au-delà de ses frontières


Trois collectifs représentant une centaine d’associations et d’ONG demandent au futur gouvernement de joindre le geste à la parole en mettant en œuvre une politique économique qui ne soit pas en contradiction avec ses engagements sur le développement durable, les droits humains, l’aide au développement et la lutte contre le changement...

CITIZENËMWELTNEWS

Petition: Eine Chance fĂĽr den Wolf

Der Widerstand gegen den Wolf wächst in vielen Gegenden Europas, hält die NGO Feral Luxembourg in ihrer Begründung für eine Unterschriftensammlung auf der Plattform openpetition.eu fest. Unter dem Titel „Eine Chance für den Wolf und die natürlichen Ökosysteme!“ wird Luxemburgs Regierung aufgefordert, für das Thema zu sensibilisieren und...

CITIZENËMWELTNEWS

Repression in Frankreich: Plattmachen?

Die französische Regierung versucht, mit juristischen Prozeduren und polizeilicher Brutalität der Zivilgesellschaft zu Leibe zu rücken. Was das für die fortschrittlichen Kräfte im Nachbarland bedeutet – und in Luxemburg. Brutale Niederschlagung von Demos, Einschüchterung von Journa- list*innen, Auflösung von NGOs, Massenverhaftungen – nein,...

CITIZENEDITOKLIMA

Crise climatique : Rage ou désespoir ?

Des actions qui choquent, une approche polarisante – la radicalisation du mouvement climatique est controversée. Elle tire aussi les conséquences des échecs antérieurs. Parlons climat. Il y a la sécheresse de ce printemps en Europe de l’Ouest, très probablement liée à la montée de la température moyenne. Un défi pour l’agriculture au...