Biodiversitätskrise: Ungehörter Weckruf

Dramatische Rückgänge bei vielen Tier- und Pflanzenarten, Verschlechterung von Habitaten: In seinem aktuellen Bericht schlägt das Observatoire de l’environnement naturel Alarm.

Das Rebhuhn ist in Luxemburg vom Aussterben bedroht. Ändert sich nicht bald etwas in der Agrar- und Urbanisierungspolitik, ist sein Schicksal wohl besiegelt. (Foto: CC-BY-2.0 Ekaterina Chernetsova)

„Ein Weckruf zur Lage der Natur in Luxemburg“ nennt das Observatorium seinen Aktivitätsbericht für die letzten vier Jahre, der am vergangenen Dienstag vorgestellt wurde. Der besteht vor allem aus Studien zum Zustand der Tier- und Pflanzenwelt Luxemburgs, präsentiert aber auch viele Lösungsvorschläge des unabhängigen Gremiums. Diese beziehen sich zu einem Großteil auf die Landwirtschaft und zeigen auf, dass Umwelt- und Agrarpolitik hierzulande eher gegen- als miteinander arbeiten.

Die Zahlen, die im Bericht präsentiert werden, sind durchaus erschreckend, stellen aber nur die Spitze des Eisbergs dar. Das Observatoire stellt fest, dass es in Luxemburg zwar Fortschritte „in Richtung eines gezielten wissenschaftlichen Monitorings“ gegeben hat, jedoch noch großer Verbesserungsbedarf besteht. Im Klartext: Jene Lebensräume und Arten, die gemäß EU-Direktiven überwacht werden müssen, werden erfasst. Weitere Studien gibt es nur wenige, viel Arbeit wird von Freiwilligen gemacht, die in ihrer Freizeit Insekten oder Vögel bestimmen. Erst seit 2010 führt das Luxembourg Institute of Science and Technolgy (List) ein Schmetterlings-Monitoringprogramm durch. Wildbienen werden überhaupt erst seit 2020 stärker beobachtet.

Die Hälfte der geschützten Habitate sind in einem schlechten Zustand. 29 Prozent haben sich im Vergleich zu 2013 verschlechtert – es ist also nicht gelungen, den Verlust von Biodiversität aufzuhalten. Als „gut“ wurde nur ein knappes Drittel der untersuchten Lebensräume bewertet. Auffallend ist, dass bei allen offenen Landschaften ein schlechter Zustand festgestellt wurde. Das zeigt den Einfluss der Landwirtschaft, der im Bericht des Observatoire immer wieder hervorgehoben wird. Lebensräume wie Trockenrasen und Magerwiesen reagieren besonders empfindlich auf Einträge aus der Landwirtschaft, wie etwa Düngemittel.

Dem Biber geht’s gut

Ebenfalls schlecht bestellt ist es um Wasserlebensräume: Lediglich eine bestimmte Art von Teichen ist in einem „mäßigen“ Zustand, bei allen anderen ist die Bewertung schlecht. Wie die woxx im Dezember 2021 berichtete, kommen die Arbeiten zur Verbesserung dieser Situation nur langsam voran: Nur rund ein Fünftel der Maßnahmen, die sich das Wasserwirtschaftsamt 2015 vorgenommen hatte, waren fünf Jahre später umgesetzt oder befanden sich in der Umsetzungsphase. Gute Nachrichten gibt es aus den sogenannten „felsigen Habitaten“: Obwohl Luxemburg keine Berglandschaften besitzt, fallen bestimmte Lebensräume unter dieses Label. Bis auf Felshöhlen sind nun all diese Habitate in einem guten Zustand, manche haben sich stark verbessert.

Auch manche Tierarten weisen eine positive Entwicklung auf: So haben sich die Luxemburger Biber-Populationen erholt. Allerdings ist der allgemeine Trend eher umgedreht: 80 Prozent der Arten sind in einem „prekären Erhaltungszustand“. Nur bei 16 Prozent der Arten wird der Zustand als „gut“ bewertet. Verlierer sind etwa die Hälfte der Schmetterlingsarten, fast alle Fledermäuse und Arten, die auf sauberes Wasser angewiesen sind. Luxemburg ist eins jener EU-Länder, in dem die meisten Schmetterlingsarten rückläufig sind. Vier Arten sind im Großherzogtum am Verschwinden, obwohl der EU-Trend eigentlich ein anderer ist.

CC BY-SA 3.0 birdy geimfyglið & Sternenlaus spirit /wikimedia

Für manche Tierarten kommt der Bericht ohnehin zu spät: Das Braunkehlchen etwa, das diese Woche das Cover der woxx ziert, ist in Luxemburg ausgestorben. So könnte es auch dem Steinkauz ergehen, der ebenfalls stark gefährdet ist. Etwa ein Drittel der Vogelarten, die in Luxemburg vorkommen – ob ganzjährig oder nur im Sommer – sind in Gefahr. Hier zeigt sich wieder einmal, wie gefährdet Tier- und Pflanzenarten in offenen Landschaften sind, hier ist der größte Rückgang von Vogelarten zu beobachten.

Landwirtschaft, Urbanisierung, Zerschneidung

Wer ist schuld an dem miserablen Zustand der Natur in Luxemburg? Glaubt man dem Bericht des Observatoire, so kommt der meiste Druck auf die Habitate aus der Landwirtschaft. Diese Kritik schmeckt nicht allen. Auf Nachfrage der woxx ruft Landwirtschaftsminister Claude Haagen (LSAP) zur Nuancierung auf: „Es ist sehr wichtig klarzustellen, dass unsere Landwirtschaft ein Stück Luxemburg ist, systemrelevant und an erster Stelle selbst daran interessiert, die Umwelt zu schützen und im Einklang mit der Natur zu arbeiten.“ Haagen verweist darauf, dass das Observatoire in seinem Bericht die Zerstücklung und Bebauung des Landes kritisiert, unter der auch die Landwirtschaft selbst leide: „Es ist also nicht fair zu sagen, die Landwirtschaft trage die Hauptschuld am schlechten Zustand der Umwelt. Unsere Interessen sind nicht gegenläufig, sondern wir denken und arbeiten in die gleiche Richtung: eine nachhaltige Landwirtschaft!“

Im Bericht folgen Urbanisierung und Veränderungen an natürlichen Systemen erst mit großem Abstand zur Landwirtschaft. Dadurch, dass in Luxemburg immer mehr Landschaften zerschnitten werden – etwa durch Straßen- oder Siedlungsbau – vereinzeln Populationen mancher Tierarten, diese können sich nicht mehr fortpflanzen und sterben schlussendlich aus. 93 Prozent der Landesfläche Luxemburgs gilt laut einem Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aus dem Jahr 2020 als stark fragmentiert.

Zustand der Arten, die von der 
EU-Habitat-Richtlinie erfasst werden im Beobachtungszeitraum 2013-2018. 
Daten: Observatoire de l’environnement naturel, Grafik: woxx.

Instrumente werden 
nicht genutzt

„Die gute Nachricht ist, dass alle Instrumente mittlerweile bereitstehen, um einen Wandel einzuleiten. Die schlechte Nachricht ist jedoch, dass sich das Fenster zur Stabilisierung der Biodiversität in Luxemburg mehr und mehr schließt“, schreibt das Observatoire in seiner Pressemitteilung zum Aktivitätsbericht. Im Bericht heißt es dramatischer: „Ohne grundlegende Veränderungen, insbesondere der Ausrichtung der Agrarpolitik, der Investitionen und bestimmter Subventionen, wurde und wird das Staatsgebiet wahrscheinlich noch stärkeren Veränderungen unterworfen, die auf Kosten der Erhaltung von Arten, Lebensräumen und Ökosystemen und letztlich auf Kosten der Lebensqualität gehen.“

Eine direkte Anpassung der Agrarpolitik, die mit dem Bericht des Observatoire zu tun hat, wird es nicht geben. Allerdings verspricht Haagen „große Änderungen“: „Unsere Agrarpolitik in Luxemburg, die im Einklang mit der neuen Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik für 2023 umgesetzt wird, geht klar in Richtung mehr Naturschutz und Umweltauflagen. Der Prozentsatz der Umweltausgaben wird steigen, es wird neue Auflagen geben.“ So sollen nur noch Investitionen in die bestmögliche Technik finanziert werden und verstärkt auf den Verzicht von Pestiziden gesetzt werden. Mittelfristig will Haagen sich für eine Diversifizierung der Luxemburger Landwirtschaft einsetzen und beispielsweise Obst- und Gemüsebau ausbauen.

Das Observatoire sieht die Sache anders: „Angesichts der Herausforderungen, die sich Landwirtschaft sowie Natur- und Umweltschutz auch angesichts des Klimawandels stellen, ist in den Augen des Observatoriums die aktuelle Version des nationalen GAP-Strategieplanes unzureichend und muss dringend nachgebessert werden im Sinne einer Sicherung der Arten- und Habitatvielfalt“, heißt es in der Pressemitteilung zum aktuellen Bericht.


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