Die mitgemeinte Wählerin

Alle befürworten Chancengleichheit. Dass es aber immer noch am nötigen Bewusstsein fehlt, zeigt sich aktuell am Sprachgebrauch der Anweisungen, die Wähler*innen angesichts der anstehenden Kammerwahlen erhalten haben.

© Cid Fraen an Gender

In Sachen Chancengleichheit steht Luxemburg im internationalen Vergleich sehr gut da. Dass diesbezüglich aber immer noch ein gewisser blinder Fleck vorherrscht, fällt spätestens dann auf, wenn sich nicht akribisch darum bemüht wird, Geschlechtergerechtigkeit zu fördern. Dann nämlich, wenn die Aufmerksamkeit anderswo liegt, die Reflexe hervortreten und auf Altbewertetes zurückgegriffen wird, ohne es zuerst zu überprüfen, kommen Veranstaltungstitel wie „Rendez-vous mam Wieler“ zustande. Oder, wie es jüngst der Fall war: Es werden Wahlanleitungen durchs ganze Land verschickt, die sich einzig und allein an „den Wähler“ richten. Frauen sind ja mitgemeint.

Es ist nicht lange her, da wäre ein solcher Fehltritt einfach hingenommen worden. 2018 ist dem aber nicht mehr so. Chancengleichheit ist nicht nur Anliegen einiger feministischer Gruppierungen. Langsam dringt es ins kollektive Bewusstsein, dass das Problem nicht in individuellem Fehlverhalten liegt, sondern im System. Sprache ist wichtig, Repräsentation ist wichtig. So griffen einige auf Facebook zurück, um ihrem Ärger Luft zu machen: „Ich würde gerne als Frau angeschrieben werden“, schrieb eine Nutzerin; „reine Bequemlichkeit“ eine andere.

Chancengleichheit ist keine Angelegenheit, die punktuell in Angriff genommen werden kann. Diejenigen Organisationen und Institutionen, die Geschlechtergerechtigkeit in ihren Leitlinien als Ziel festgeschrieben haben, müssen sich in jedem einzelnen Bereich und jedem einzelnen Moment dafür einsetzen. „Aber wir haben doch letzten Monat schon was für Frauen gemacht“ oder „dafür sind wir doch gar nicht zuständig“ sind Ausreden, die sich heute niemand mehr leisten kann. Chancengleichheit lässt sich nicht nebenbei erreichen und schon gar nicht mit einem minimalen Energieaufwand. Sie erfordert größere Umstrukturierungen und das verlangt Aufmerksamkeit, Mut und Ausdauer.

Von einer Bürgerin kontaktiert, antwortete ein Vertreter der Abgeordnetenkammer woxx-Informationen nach, die Chamber sei zwar für diese Briefe nicht verantwortlich, teile jedoch ganz und gar die Ansicht, dass sich im 21. Jahrhundert ein solches Schreiben sowohl an Frauen wie auch an Männer richten muss. Hoffen wir, dass es beim nächsten Mal klappt.


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