Die woxx von morgen #2: Zeitungmachen als Geschäftsmodell

Es gab Zeiten, wo die Herausgabe einer Zeitung weniger von Existenzängsten und schwindenden Leser*innenzahlen begleitet war als von einer gewissen unternehmerischen Euphorie und der Hoffnung, schreibend die Welt verbessern zu können.

Ein Foto, das die Luxemburger Presse-Corona bei einem Staatsbesuch in Moskau in den 1970ern zeigte, diente als Vorlage für das erste, von Guy W. Stoos entworfene GréngeSpoun-Plakat.

Immer dann, wenn auf der Welt wieder ein Land die Pressefreiheit für sich entdeckte, entstanden fast aus dem Nichts Zeitungsprojekte, die nicht nur sehr schnell eine umfangreiche Leser*innenschaft für sich gewinnen konnten, sondern in vielen Fällen sogar zu kleinen Wirtschaftsimperien heranwuchsen. Wir reden natürlich von Zeiten – in Westeuropa Mitte des 19. Jahrhunderts – in denen das gedruckte Wort die einzige Medienform war, die es erlaubte, als relevant eingeschätzte Informationen und freie Meinungen über die Grenzen des Vereinssaales oder des Markplatzes hinaus zu verbreiten.

Das Recht, Zeitungen herauszugeben und nach und nach Restbestände staatlicher Zensur abschütteln zu können, brachte nicht nur mehr Meinungsfreiheit. Es war auch die Grundlage eines Geschäftsmodells, das es erlaubte, in demokratischen oder sich demokratisierenden Ländern die ominöse „vierte Gewalt“ ganz ohne staatliche Finanzierung zu organisieren. Angesichts der Wichtigkeit, die der Information und der Meinungsbildung des Wahlvolkes zugesprochen wird, ist das eigentlich erstaunlich. Denn wer würde schon davon ausgehen, dass sich die Justiz durch Gerichtsgebühren oder das Parlament durch Eintrittsgelder zu den Debatten gänzlich selber finanzieren müssen? Debatten um einen „service public“ zur Bereitstellung von Informationen tauchten erst im Radio- und Fernsehzeitalter auf.

Wachstumsmarkt für Weltverbesserer*innen

Jedenfalls funktionierte das Pressewesen am Anfang ganz gut, und mit einer zunehmenden Alphabetisierung der Bevölkerung stieg die Zahl der potenziellen Leser*innen beständig. Ein Wachstumsmarkt, bei dem sich rechte Kapitalist*innen wie linke Weltverbesserer*innen die Hände rieben. Jede*r fand sein Publikum. Ein Publikum, das vor allem bereit war, für diese neu errungene Freiheit einen kleinen, aber nicht unwesentlichen Obolus zu leisten. Gedruckte Medien waren damals Massenmedien. Und je breiter die erreichte „Masse“ war, desto günstiger konnte ein Zeitungsexemplar selbst noch im letzten Dorf verkauft werden, ohne dabei auf einen Gewinn zu verzichten.

Mit jedem Kauf am Kiosk, mit jedem monatlich oder pro Trimester abgestotterten Abo-Beitrag konnten die Leser*innen nicht nur ihr Bedürfnis nach Informationen befriedigen, sondern trugen selbst dazu bei, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen das „Zeitungsgeschäft“ stattfand, zu verbessern. Weltumspannende Korrespondent*innennetze oder „Grand Reporters“, die es sich erlauben konnten, alle paar Wochen nur eine – dafür aber detailliert recherchierte – Story abzuliefern, wurden bald zu Aushängeschildern der großen Tageszeitungen.

Soweit die „schöne Seite“ der Geschichte. Spätestens seit „Citizen Kane“ wissen wir, dass die „freie“ Medienwelt in Desinformation und Volksverdummung umschlagen kann, wenn sie allein nach wirtschaftlichen Kriterien operierenden Finanziers überlassen wird.

Journalismus-Projekte gegen das „Anzeigenmodell“

Zum (professionellen) Zeitungmachen reichten die Gelder, die durch den Vertrieb der gedruckten Exemplare erwirtschaftet wurden, nicht (immer) aus. Vielmehr waren es die bezahlten Werbeanzeigen, die es erlaubten, mit zunehmender Reichweite der Medienprodukte das Auskommen einer ganzen Branche auf eine nächsthöhere Stufe zu stellen. Damit aber wurde auch eine höhere Abhängigkeit gegenüber wirtschaftlich stärkeren Gruppen geschaffen, bis hin zur direkten Einflussnahme auf den redaktionellen Inhalt: So manche „kritische“ Lokalzeitung wurde einfach vom wichtigsten ortsansässigen Industriellen im wahrsten Sinne des Wortes „gekauft“, und damit war dann Ruhe im Dorf.

Der GréngeSpoun erfüllt die Bedingungen des Pressehilfe-Gesetzes. So sah es jedenfalls Rechtsanwalt Marc Elvinger (links im Bild) in einem von ihm verfassten Gutachten. Das wurde ungefragt mit Staats- und Medienminster Jacques Santer (Bildmitte) nach einem freitäglichen Regierunsgbriefing mit dem obligatem Schampus gefeiert. Bis zur endgültigen Anerkennung sollte es aber noch einige (Prozess-)Jahre dauern.

Die Perspektiven, die das Anzeigengeschäft bot, ließen bald auch neue Geschäftsmodelle möglich werden: eine gratis vertriebene Zeitung lässt sich ohne teuren Zwischenhandel viel schneller an eine viel größere Zahl von Menschen verteilen. Der finanzielle Verlust durch die wegfallenden Verkaufseinnahmen lässt sich durch hohe Anzeigenpreise in auflagenstarken Gratiszeitungen mehr als ausgleichen. Das einzige, was in diesem Geschäft noch zählt, ist die Reichweite. Inhalt und Qualität des dort zelebrierten Journalismus sind von nachgeordneter Bedeutung. Und so trägt die knapp bekleidete Dame auf Seite drei auch mehr zum Absatz bei als das kluge Editorial auf der Seite eins.

Für linken, anspruchsvollen Journalismus war das „Anzeigenmodell“ schon verdächtig, als werbefinanzierte Zeitungen auch die Leser*innen noch etwas kosteten. Auch da drohte der journalistische Inhalt oft genug auf ein notwendiges Übel reduziert zu werden – weil eine Ware ohne Gebrauchswert eben nicht verkauft werden kann. Sicher gab es auch immer „linke“ Unternehmer*innen, die sich die eine oder andere Zeitung aus Überzeugung „leisteten“ und deren mangelnde Profitabilität durch großzügig bezahlte Ganzseitenanzeigen kaschierten.

Dem journalistischen Anspruch nach hieß es in der Regel aber: Wir schreiben für unsere Leser*innen, nicht für Industrie und Handel. Kaum zufällig entstanden in den euphorischen 1970er Jahren Projekte wie die französische „Libération“ oder die deutsche „taz“, die von vorneherein nicht mit großen Werbeeinahmen rechneten, sondern auf die Beteiligung der Leser*innen setzten – und auf Selbstausbeutung der Macher*innen.

Auch der woxx-Vorgänger „GréngeSpoun – Zeitung fir eng ekologesch a sozial Alternativ“ setzte Ende der 1980er Jahre in gewissem Sinne auf dieses Modell: Die Beteiligung der Leser*innen sowohl bei der Bereitstellung des Betriebskapitals in Form einer Kooperative als auch die – gegebenenfalls nach Einkommen gestaffelten – Abo-Zahlungen sollten helfen, ein unabhängiges Projekt auf die Beine zu stellen. Anvisiert wurde ein links-alternatives Publikum, das sich in dem bestehenden Angebot der angestaubten Parteizeitungen nicht mehr widerfand. Anders als von der Konkurrenz prognostiziert, war der „Spoun“ eben keine Wahlwerbezeitung der (damals noch gespaltenen) Grünen. Im Gegenteil: das Modell einer reinen Parteizeitung war von den Protagonist*innen nach längeren Debatten eindeutig abgelehnt worden.

Luxemburgs Medien-Arithmetik

Allerdings hatte das Modell der sich selbsttragenden Massenmedien in Luxemburg von vorneherein einen Haken: Alle „Massen“ hierzulande zusammengerechnet, kam man gerade einmal auf die Bevölkerungszahl einer mitteleuropäischen Großstadt. Und seit dem Aufkommen des Massenmediums Fernsehen gab es in Westeuropa kaum noch eine Stadt mit weniger als 400.000 Einwohner*innen, die über eine eigene unabhängige Tageszeitung verfügte – geschweige denn über eine Zeitungslandschaft von vier Tages- und drei Wochenzeitungen, wie in Luxemburg vor gut dreißig Jahren der Fall. Und jetzt sollte noch ein viertes Wochenblatt dazu stoßen?

Nun war die üppige Anzahl an Zeitungstiteln nicht unbedingt gleichbedeutend mit einer besonders ausgeprägten Meinungsvielfalt. So manche Information und die darauf aufbauende Meinungsbildung kam in den althergebrachten Medien gar nicht vor. Die Vielzahl der „neuen sozialen Bewegungen“ sah sich in Sachen Umwelt, Frieden, Frauen und Dritte Welt, aber auch in sozialen und kulturellen Fragen in den bestehenden Blättern vielfach verunglimpft oder missverstanden. Ihre je spezifischen Themen machten sie daher in einer Vielzahl von Vereinsblättern bekannt und wussten eigentlich nie so recht, wie über den eigenen Tellerrand hinaus ein breiteres Publikum zu erreichen wäre.

Der Streit um das Pei-Museum war eines der Themen, das den jungen GréngeSpoun beschäftigte.

Mitte der 1970er Jahre hatte die blau-rote Koalition mit einem fünfjährigen Interregnum eine lange Serie von CSV-dominierten Regierungen unterbrochen und durch die Einführung staatlicher Zuschüsse das Überleben der Luxemburger Zeitungslandschaft ermöglicht. Dieses Modell der „Pressehëllef“ setzte auf Kriterien wie eine mindestens wöchentliche Erscheinungsform und das Prinzip einer Bezahlzeitung, die sich im Wesentlichen über freien Verkauf und Anzeigen anstatt über Zuwendungen von Verbänden finanziert. Zudem sollten die Redaktionen mindestens drei (später dann fünf) professionelle Journalist*innen beschäftigen.

Diese Kriterien waren so aufgestellt worden, dass sie alle damals existenten Publikationen erfassten. Einmal gesetzlich fixiert, dienten sie zugleich als Richtlinien für neue Projekte, um ebenfalls in den Genuss staatlicher Unterstützung zu gelangen.

Pressehilfe und Leser*innen-Solidarität

Auch das Projekt „GréngeSpoun“ setzte auf diese Karte: Die angestrebte wöchentliche Erscheinungsform war das erklärte Ziel, aber auch die Bedingung, die es zu erfüllen galt. Dazu jedoch musste der Wochenrhythmus über eine bestimmte Zeit hinaus gewährleistet werden, um die angestrebten Zuschüsse zu erhalten. Zwölf Monate wollte man ohne Finanzspritze durchhalten, tatsächlich jedoch wurden beinahe fünf Jahre daraus: Weil die einäugigen CSV-Medienpolitiker und die in Mathematik schwächelnden Konkurrenzblätter ihr selbstverfasstes Gesetz nicht verstanden, hatten sie auch nicht gemerkt, dass der zu verteilende Kuchen automatisch für alle größer wurde, wenn eine Publikation dazu stieß.

So gibt es die woxx heute nur, weil es in der damaligen Aufbauphase des GréngeSpoun genug Menschen gab, die bereit waren, für „ihre“ Zeitung einen regelmäßigen Beitrag zu bezahlen. Und auch heute kann das Projekt nur fortbestehen, wenn es auch künftig die Bereitschaft gibt, für die Aufarbeitung von Informationen in die Tasche zu greifen. Denn eine hundertprozentige Abhängigkeit von Staatszuwendungen ist weder wünschenswert, noch würde es den geltenden gesetzlichen Vorgaben entsprechen.

Im Zeitalter des Gratiszugangs zu Informationen per Radio, Fernsehen oder eben auch Internet und omnipräsenter Gratiszeitung, wird es aber zusehends schwerer, ein Abo-finanziertes Zeitungsmodell aufrechtzuerhalten. Was beim Papier vielleicht noch nachvollziehbar ist – immerhin bekommt man etwas Greifbares in die Hand gedrückt – trifft bei einer Internet-Zeitung auf weniger Begeisterung. Sicher gibt es paywalls, doch dauert es oft nur wenige Stunden, wenn nicht gar lediglich Minuten, bis eine Info an anderer Stelle dann doch frei zugänglich ist.

Deshalb wird die woxx auch in Zukunft auf regelmäßige Zuwendungen von Seiten der Leser*innen setzen müssen: nicht nur als Gegenleistung für irgendwelche leser*innenfreundlich aufbereitete Informationen, sondern auch als Voraussetzung, damit Meinungs- und Informationsvielfalt überhaupt möglich wird, durch das Vorhandensein wirtschaftlich unabhängiger Redaktionen.


Cet article vous a plu ?
Nous offrons gratuitement nos articles avec leur regard résolument écologique, féministe et progressif sur le monde. Sans pub ni offre premium ou paywall. Nous avons en effet la conviction que l’accès à l’information doit rester libre. Afin de pouvoir garantir qu’à l’avenir nos articles seront accessibles à quiconque s’y intéresse, nous avons besoin de votre soutien – à travers un abonnement ou un don : woxx.lu/support.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Wir stellen unsere Artikel mit unserem einzigartigen, ökologischen, feministischen, gesellschaftskritischen und linkem Blick auf die Welt allen kostenlos zur Verfügung – ohne Werbung, ohne „Plus“-, „Premium“-Angebot oder eine Paywall. Denn wir sind der Meinung, dass der Zugang zu Informationen frei sein sollte. Um das auch in Zukunft gewährleisten zu können, benötigen wir Ihre Unterstützung; mit einem Abonnement oder einer Spende: woxx.lu/support.
Tagged , , , , , , , .Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Kommentare sind geschlossen.