Digitalisierung: Chance statt Fluch

von | 07.11.2019

Wir brauchen das „smart grid“, aber keine „smart meter“, Blockchains sind manchmal nützlich und das Data Center … it’s complicated. Rückblick auf einen vom Mouvement écologique organisierten Vortrag.

Felix Sühlmann-Faul hat keine Angst vor Zahlen. Der Techniksoziologe umreißt das exponentielle Wachstum des Internets: 1992 ein Datenfluss von 100 Gigabyte pro Tag, 1997 ebenso viel pro Stunde und 2002 … die gleiche Menge binnen einer Sekunde. Für 2023 werden 106 Terabyte pro Sekunde prognostiziert. Das – nicht mehr so junge – Publikum des vom Mouvement écologique am vergangenen Mittwoch organisierten Vortrags über Digitalisierung und Nachhaltigkeit ist beeindruckt.

Dann rückt Sühlmann-Faul dem Konsum auf die Pelle. Die meisten Zuhörer*innen hatten zugegeben, ein Smartphone zu besitzen – tja, deren CO2-Fußabdruck ist doppelt so groß wie der des Flugverkehrs und wächst schneller. Am meisten Energie verbraucht – neben der Herstellung – das Streaming: 11 Prozent Youtube, 15 Prozent Netflix, 36 Prozent Porno. Das Abo-Modell fördert den Überkonsum, das Wachstum geht weiter. Die steigende Rechenleistung ermöglicht technologische Durchbrüche, von der Künstlichen Intelligenz bis zum autonomen Fahren … deren massiver Einsatz wiederum mehr Leistung und Energie verbrauchen wird.

Ein Segen ist sie also nicht, die Digitalisierung. Ein Fluch aber auch nicht, meint Sühlmann-Faul, der selber ein Netflix-Abo hat. Die Digitalisierung lasse sich im Sinne der Nachhaltigkeit einsetzen, aber dafür brauche es politische Entscheidungen. Der Techniksoziologe nennt die Kreislaufwirtschaft, die längere Nutzungsdauer digitaler Geräte und die Energiewende. Für letztere seien die Technologien verfügbar – es fehle nur an Entschlossenheit. Sühlmann-Faul denkt an Enteignung ungenutzter Ackerflächen, bagatellisiert den Umweltimpakt der Windräder, deutet die Möglichkeit von Solaranlagen auf Freiflächen an. Ansätze, die in der Umweltbewegung umstritten sind. Doch erste Priorität ist, wie der Experte salopp formuliert, „der Menschheit den Arsch zu retten“, also den Klimawandel zu stoppen.

Netflix wegzappen?

Beeindrucken kann Sühlmann-Faul aber nicht nur mit starken Worten, er hat die Möglichkeiten der Digitalisierung auch im Detail analysiert. Sie wird bei der Energiewende benötigt, weil die erneuerbaren Energien zeitlich und räumlich variabel verfügbar sind – zur Optimierung benötigt man digitale Kontrolle, oft als „smart grid“ bezeichnet. Die „smart meter“ dagegen, die derzeit überall zwangsweise installiert werden, seien „vollkommen sinnfrei“ und vom Datenschutz her problematisch, kritisiert Sühlmann-Faul. Die Blockchain-Technologie könne in der Kreislaufwirtschaft sinnvoll eingesetzt werden, sei aber vor allem ein Hype. Und Data Centers? Sie würden ja häufig mit grünem Strom betrieben, so der Experte, das Problem sei also an erster Stelle der Ressourcenverbrauch bei der Herstellung der Server.

Viel Information und eine klare Aussage, dass die Entscheidungen über die Nutzung der Technologie nicht der Privatwirtschaft überlassen werden dürfe, das waren die Stärken von Sühlmann-Fauls Vortrag. Bei den Handlungsansätzen erschien er dagegen manchmal etwas ratlos, oder auch nur bewusst zurückhaltend. So vermied er es, gegen den Streaming-Überkonsum Verbote und Einschränkungen zu fordern. „Es geht nur über Wissensvermittlung“, sagte der Experte und unterstrich die Wichtigkeit der Erziehung zur Medienkompetenz. Außerdem solle man von den großen Nutznießern der Digitalisierung wie Netflix und Google „ordentlich Steuern kassieren“.

Was Sühlmann-Faul erstaunlicherweise ausblendete, war die Notwendigkeit von Veränderungen im Wirtschaftssystem. Um die Digitalisierung in den Dienst des Allgemeinwohls zu stellen, muss die privatwirtschaftliche Kontrolle über Infrastrukturen und Innovationen hinterfragt werden. Und weniger Konsum ist nur dann sozial akzeptabel, wenn damit eine neue Umverteilung – national und international – einhergeht. Beide Ansätze werden hoffentlich in der vom Mouvement für die nächsten Monate gewünschten Diskussion eine Rolle spielen.

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