Digitalisierung und Klima: Grün, das neue Rosa

Der Vortrag von Timo Daum hat die Illusionen der Technikgläubigen zerstreut: Den Kapitalismus zu erneuern und zu begrünen, reicht nicht aus, um nachhaltig zu wirtschaften.

Sind die Eichhörnchen schuld am Klimawandel? Millionen von Bildern, Tausende von Kilowattstunden, die die KI zum Training der Objekterkennung benötigt. (Screenshot: Google-Suche)

„Bis 2025 wird der Energieverbrauch von künstlicher Intelligenz hundertmal größer sein, macht dann bis zu zehn Prozent des weltweiten Stromkonsums aus.“ Betreibt Timo Daum Schwarzmalerei? Der vom Mouvement écologique eingeladene Referent führt jedenfalls Zahlen an, die aus der Fachwelt stammen. Am vergangenen Dienstag warnte er nicht nur vor der mit der Digitalisierung einhergehenden Wachstumsdynamik, er erläuterte auch, warum die KI gerade jetzt boomt. Zum Beispiel könne ein Kind schon nach ein paar Begegnungen ein Eichhörnchen identifizieren, eine Software benötige Millionen von Bildern, um das zu lernen. „Erst seit Kurzem gibt es die riesigen Datenmengen, die für KI benötigt werden“, so Daum.

Nachhaltige Versprechen

Das Problem: Die beste Ausgangsposition in diesem Markt haben die Unternehmen mit den meisten Daten. Die können ihre Profite in Gewinnung neuer Daten und die Verbesserung der Algorithmen investieren – ein „Feedback-Effekt“, durch den ihre Dominanz noch verstärkt wird. Fortschritt zum Wohle der Menschheit? Daum erinnert an vergangene Versprechen einer rosigen Zukunft: „paperless office“, Skype-Konferenzen statt Flugreisen, Mailbox statt Briefkasten … Die prognostizierte Nachhaltigkeit habe sich nicht konkretisiert, aufgefressen vom Rebound-Effekt: Weil die Nutzung einfacher und billiger wird, greift man verstärkt darauf zu und verbraucht am Ende nicht weniger Ressourcen – ein Effekt, auf den die Wirtschaft angewiesen ist, um weiterzuwachsen. Der Titel des Vortrags, „Digitalisierung der Gesellschaft – nichts weiter als grüner Kapitalismus!?“, erweist sich als rhetorische Frage.

Von den Firmen kommen neue grüne Versprechen: Verbrauchsarme Chips, mehr Effizienz durch Hyperscaling in der Cloud, Senkung der KI-Kühlleistung mittels einer von der KI selbst ausgearbeiteten Optimierung … und sowieso, parodiert Daum die Konzernpressesprecher*innen, komme der Strom ja aus erneuerbaren Quellen. Für ihn ist klar: Die Technikgläubigkeit dient dazu, an der kapitalistischen Logik festzuhalten und den Wachstumszwang nicht in Frage stellen zu müssen.

Daten-Proletariat

Doch die Begeisterung für grünen Kapitalismus – mittlerweile als Green New Deal etikettiert – beschränkt sich nicht auf Wirtschaftskreise. Daum stellt innerhalb der Umweltbewegung eine Scheu fest, den Kapitalismus anzugreifen: Zum einen hoffe man darauf, die Dynamik und Effizienz dieses Systems in den Dienst von Energiewende und Klimaschutz stellen zu können. Zum anderen befürchte man, es bleibe keine Zeit, zuerst den Kapitalismus zu überwinden und dann das Klima zu retten.

Daum hat jedenfalls kein Problem, das K-Wort ins Zentrum seiner Analysen zu stellen. Anders als die üblicherweise vom Mouvement eingeladenen Referent*innen ist er nicht nur innerhalb der IT-Community unterwegs – er schreibt regelmäßig für heise online –, sondern auch in linken Kreisen. Das war wohl auch der Grund, dass sich Mitglieder von „Déi Lénk“ im Publikum wiederfanden.

Warum die Bezeichnung „digitaler Kapitalismus“ statt „Digitalisierung“? „Marx’ Hauptwerk heißt ja auch nicht „Die Industrialisierung“, so der Referent. Ihm ist wichtig, die derzeit stattfindenden Veränderungen nicht als rein technologisch und wertneutral zu beschreiben, sondern zu zeigen, dass man es immer noch mit Kapitalismus zu tun hat. Sogar Marx’ Kategorien versucht Daum zu übertragen: Wenn die Google-Suchmaschine für ihre 60.000 Suchanfragen pro Sekunde nur 14 Personen beschäftigt, dann müsse sich das Proletariat wohl woanders finden: bei den Nutzer*innen, die mit ihren Daten den Mehrwert für Google schaffen.

Konsum killt Klima

Die neuen Technologien haben gewiss das Potenzial, Ressourcen zu sparen – Daum führt das Beispiel Onlinezeitung statt gedruckte Zeitung an. Doch er verweist auf den Zwang des Kapitalismus, immer mehr zu verkaufen. So hat die Effizienzsteigerung der Industrie gegen Mitte des 20. Jahrhunderts die Idee der dynamischen Obsoleszenz hervorgebracht: Die Konsument*innen müssen dazu getrieben werden, die billigen aber dauerhaften Produkte nachzukaufen, sei es durch Modetrends oder durch eingebaute Schwachstellen.

Für den Referenten greifen die Internetkonzerne die gleiche Idee auf: Sie versuchen, die „time on device“ zu maximieren, denn je länger die Benutzer*innen Videos anschauen oder Spiele spielen, umso mehr Daten können sie für die KI-Projekte sammeln. Es sind also die Macht und das Profitstreben der Konzerne, die einer sinnvollen Nutzung der neuen Technologien im Wege stehen.

Flickr; tangi bertin; CC BY 2.0

Wie das konkret funktioniert, illustriert eine Pressemeldung, die zufällig gerade am Dienstagmorgen an Luxemburgs Redaktionen ging: Die App CoPilote, die Mitfahrgelegenheiten vermittelt, wird ersetzt. Dahinter verbirgt sich der ganz gewöhnliche Finanzkapitalismus: Die vom Verkehrsministerium als Partnerin ausgewählte Firma Ecolutis, die der staatlichen französischen Eisenbahngesellschaft gehört, wurde letzten Sommer vom expandierenden Privatunternehmen Klaxit aufgekauft. Zwar lebt auch diese Firma davon, dass die Belegung der PKW steigt (sie liegt derzeit in Luxemburg bei 1,2 Personen pro Fahrt). Doch anders als die öffentliche Hand hat die Privatfirma Interesse daran, dass möglichst viele Menschen möglichst viele Kilometer im Auto zurücklegen – Gift also für die angestrebte Verkehrswende.

Eine andere Digitalisierung

Doch Timo Daum ist kein Schwarzseher, wie sich bei der Diskussion mit dem Publikum herausstellte. Zwar sei die Macht der Konzerne real und ihre grünen Versprechen oft nur Publicity, aber: „Es gibt taktische Spielräume, zum Beispiel ist ein Energiekonzern, der Windräder baut, besser als einer, der an Kohle festhält.“ Auch die Idee, den Kapitalismus für den Klimaschutz zu gewinnen, statt auf sein Verschwinden zu warten, lehnt der Referent nicht ab: „Ich hoffe, das funktioniert, denn sonst kommt es zur Klimakatastrophe.“ Er verweist auf die Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus – ein Green New Deal könne so möglicherweise den Temperaturanstieg begrenzen.

„Mir ist wichtig, die Grenzen dieser Hoffnungen aufzuzeigen“, sagt Daum. Das Grundprinzip des freien Marktes sei nicht mit nachhaltigem Wirtschaften vereinbar. Mit anderen Worten, er möchte den Anhänger*innen neuer Technologien im alten System die rosarote Brille von der Nase nehmen. Und die Notwendigkeit thematisieren, mittelfristig den Kapitalismus zu überwinden.

Befragt nach einer alternativen, besseren Digitalisierung, macht Daum klar, dass er Technologien wie Big Data und künstliche Intelligenz keineswegs ablehnt. Er plädiert vielmehr für eine öffentlich kontrollierte, supranationale Herangehensweise. Als Vorbild sieht er das europäische Kernforschungszentrum CERN, das die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Arbeit frei zur Verfügung stellt. Vom Ideal, im Dienste der Menschheit zu stehen, seien weltumspannende Strukturen wie Facebook und Google nicht so weit entfernt – es fehle halt die öffentliche Kontrolle. Utopisch? Immerhin war es das CERN, wie Daum anmerkt, das Tim Berners-Lees Erfindung ermöglichte: Die Copyright-freie Idee des World Wide Web, auf dem die Geschäftsmodelle aller großen Konzerne aufsetzen.


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