Falschinformationen im Netz: Das Plankton, das nicht verschwunden ist

„Unsere Ozeane sind leer!“ Am vergangenen Sonntag geisterte eine Schreckensmeldung durch das Netz. Sie zeigte, wie schnell Journalist*innen Falschmeldungen verbreiten können – und dass diese auch von vermeintlichen Umweltschützer*innen kommen können.

Huch, ist das Meer doch nicht so leer, wie behauptet wird? Eine Planktonblüte im Südatlantik, fotografiert aus dem All.
(Foto: ESA,CC BY-SA 3.0 IGO)

Stein des Anstoßes war ein Artikel in der schottischen Wochenzeitung Sunday Post, in dem behauptet wurde, es gäbe kaum noch Plankton im atlantischen Ozean. Der Artikel berief sich dabei auf die Global Oceanic Environmental Survey Foundation (Goes). Die Organisation behauptete, dass durch Klimawandel und Mikroplastik bereits 90 Prozent des Planktons verschwunden seien. Goes habe dies durch eigene Forschung im Atlantik festgestellt. Der Artikel in der Sunday Post erwähnte ebenfalls, die Goes habe ihren Sitz am „Roslin Innovation Centre“ der Universität Edinburgh. Geteilt wurden diese vermeintlichen Forschungsergebnisse auch vom Onlinemagazin „Informed Comment“, das sich eigentlich einem unabhängigen und faktenbasierten Journalismus verschrieben hat. Mittlerweile wurde die vorgebliche Schreckensnachricht auch in den sozialen Medien verbreitet. Der Account der Fischereidokumentation „Seaspiracy“, dem 723.000 Menschen folgen, teilte eine Grafik mit den Behauptungen von Goes.

Hersteller von Swimmingpoolfiltern, Experte für Plankton

Plankton sind Kleinstlebewesen im Wasser. Unter ihnen gibt es Bakterien, Pflanzen und Tiere. Es handelt sich also nicht um eine bestimmte Spezies oder Gruppe, sondern um eine gemeinschaftliche Bezeichnung für Wasserlebewesen, die sich nicht aus eigener Kraft (über längere Strecken) fortbewegen, sondern mit der Strömung schwimmen. Es gibt Plankton im Süßwasser, im Salzwasser und auch in der Luft. Bei der vermeintlichen Forschung der Goes ging es allerdings lediglich um Meeresplankton.

13 Schiffe hätten an über 500 Stellen im Ozean Daten gesammelt, behauptet die Geos. Auf ihrer Website sind zwei „Berichte“ verlinkt, in denen die Forschungsergebnisse publiziert sein sollen. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als seien dies wissenschaftliche Paper. Die Texte haben jedoch nichts mit ernsthafter Forschung zu tun. Die Daten, die Geos gesammelt haben will, werden gar nicht präsentiert, stattdessen werden Behauptungen aufgestellt und ohne tatsächliche Grundlage Prognosen gemacht. Die Dokumente sind auf der Seite des Social Science Research Network (SSRN) zu finden. Auf dem SSRN werden sogenannte Preprints veröffentlicht – wissenschaftliche Paper, die noch nicht peer-reviewed, also von anderen Wissenschaftler*innen gegengelesen wurden. Da es sich bei den Dokumenten der Geos nicht um wirkliche Forschungsarbeiten handelt, ging es wohl vor allem darum, wissenschaftlich zu wirken. Am Mittwochabend veröffentlichte die Organisation, vermutlich als Reaktion auf Kritik, ein weiteres Dokument mit Erklärungen zur Erhebungsmethode. Details oder Auswertungen sucht man vergeben – Wissenschaft sieht anders aus.

Plankton besteht aus vielen verschiedenen Spezies: Bakterien, Algen, Krebsen und Fischeiern. (Foto: CC-BY-SA David Liittschwager/Wikimedia)

Die Geos mag ihren Sitz innerhalb eines Zentrums an einer Universität haben, ist dort aber eigentlich Untermieterin einer Firma. Bei der Firma handelt es sich um Clean Water Wave (CWW), die Wasserfilter entwickeln, mit denen Trinkwasser gewonnen werden kann. Der gelernte Meeresbiologe Howard Dryden ist sowohl Chefwissenschaftler von Goes als auch „Chief Technical Officer“ von CWW. Außerdem besitzt er ein Unternehmen, das Produkte zur Wasserfilterung und -behandlung herstellt. Anwendungsbereiche sind neben der Trinkwasseraufbereitung auch die Reinigung von Swimmingpools. Auf der Website der Geos steht auch klar, dass die Organisation gar keine Forschungseinrichtung, sondern ein „Corporate Social Responsibility“-Projekt von CWW ist.

Die Wahrheit schwimmt im Meer

Bei Planktonforscher*innen sorgten die Meldung der Sunday Post und die Behauptungen der Geos für Verwunderung und Ärger. „Alles, was hier bewiesen wurde, ist die Macht einer alarmistischen Schlagzeile“, schrieb Ozeanforscher Seaver Wang auf Twitter, „die Meere sind nicht leer, Leute.“ Dann verlinkte er Ergebnisse seiner Doktorarbeit von 2018. Darin untersuchte er pflanzliches Plankton vor der Westküste der USA. Wang verweist außerdem auf eine Studie, ddie schon seit Langem Plankton untersucht: die Continuous Plankton Recorder (CPR) Survey, die bereits seit 1931 Daten sammelt. Dazu werden Schiffe aller Art mit einem CPR-Gerät ausgestattet, das sie hinter sich herziehen. Seit 1958 ist die Sammelmethode standardisiert, bisher haben über 300 Schiffe im Nordatlantik einen CPR im Einsatz gehabt.

Manchmal kann Plankton sogar leuchten, wie diese Dinoflagellaten.
(Foto: Bruce Anderson (University of Stellenbosch)/BMC Ecology)

Die CPR-Survey ist ein Projekt der britischen Marine Biological Association und veröffentlicht jährlich mehrere wissenschaftliche Paper, die alle peer-reviewed sind. Im April publizierten beispielsweise Erica Head, Catherine Johnson und Pierre Pepin eine Forschungsarbeit, in der Plankton-Daten zwischen 1999 und 2015 ausgewertet wurden. Sie stellten zwar bei einigen Arten einen leichten Rückgang fest, jedoch keinen katastrophalen, apokalyptischen Schwund wie von Geos behauptet. Allein angesichts der Unterschiede in der Größe – 300 Schiffe der CPR-Survey gegenüber 13 Schiffen von Geos – ist unschwer zu erkennen, wer den besseren Überblick haben muss.

In den Dokumenten der Geos wird immer wieder behauptet, der Klimawandel habe keine so große Schuld an dem Rückgang des Planktons, vielmehr sei es Verschmutzung, die dazu führe. Dafür gäbe es eine praktische Lösung: Wasserfilter, wie Geos-Chef Dryden sie mit gleich zwei Firmen verkauft. Die Behauptung, im Atlantik sei kein Plankton mehr, ist also nicht mehr als der Versuch, für Wasserfilter zu werben. Diese Rechnung kann nur aufgehen, wenn Journalist*innen ihre Arbeit nicht tun und Social-Media-Nutzer*innen jede alarmistische Schlagzeile teilen. Falschinformationen bringen alle in Gefahr: Das Vertrauen in Medien und Wissenschaft sinkt. Wenn das nächste Mal tatsächlich wissenschaftliche Erkenntnisse über die Entwicklung von Plankton vorliegen, wird diesen vielleicht nicht geglaubt – weil man denkt, jemand wolle Wasserfilter verkaufen.

Anmerkung:  Am 20. Juli 2022, nach der Erstveröffentlichung dieses Artikels, stellte Goes ein weiteres Dokument in Netz. Der Text wurde am 21. Juli 2022 dahingehend erweitert.


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