Guy Helminger : Die Allee der Zähne

Luxemburgs größter in Köln lebender Autor beschreibt in „Die Allee der Zähne“ einen dreiwöchigen Aufenthalt im Iran. Eine Aufzeichnung jenseits der Klischees über ein Land, das sich schwertut mit seiner eigenen Schizophrenie zurecht zu kommen.

Es fängt an mit einem Klischee: Kurz ehe er ins Flugzeug nach Teheran steigt, besucht der Autor den Kölner Karneval. Als er einem Trinkkumpanen erzählt wo er hinfliegt, gibt dieser ihm spontan ein Bier aus: „Vielleicht dein letztes“, sagt dieser, unwissend, dass im Land der Mullahs auch ziemlich heftig gezecht wird, wenn auch hinter verschlossenen Türen, wie Helminger ein paar Tage später feststellen wird.

Das Bemerkenswerte an „Die Allee der Zähne“ ist, dass Helminger gar nicht erst versucht den Eindruck zu erwecken, er würde den „richtigen“, den „authentischen“ Iran entdecken. Im Gegenteil, – macht er keinen Hehl daraus, dass er ein eingeladener Schriftsteller ist, der wohlbehütet durch die Städte der islamischen Republik geleitet wird – auch wenn er einige Eskapaden alleine begeht. Genau durch diese Brille, die der Leserschaft wahrscheinlich näher ist, gelingt es ihm besser geläufige Klischees auseinanderzunehmen. So schreibt er: „Teheran ist auch nicht die Stadt, in der aufgebrachte Schiiten mit verzerrten Gesichtern im Namen ihres Gottes den Feind verfluchen, es sei denn die Regierung hat eine Hundertschaft auf einen Platz bestellt und das staatliche Fernsehen verzichtet auf ein Weitwinkelobjektiv, ansonsten könnte man neben der Koran schwingenden Ansammlung die Einwohner der Metropole sehen, die das Shoppen der religiösen Inszenierung vorziehen“.

Hinter den Kulissen des Gottesstaats leben Menschen, die sich daran gewöhnt haben in der Öffentlichkeit Masken aufzusetzen, die aber nicht zögern vor Fremden ihre Meinung zu sagen – auch um die Botschaft nach außen zu tragen, dass die Iraner nicht mit ihrer Regierung gleichzusetzen sind. Mit einer Regierung, die abwechselnd mit Zuckerbrot und Peitsche versucht eine prekäre Balance am Leben zu halten, wohlwissend, dass eine totale Repression unmöglich ist. So ist es ein Katz- und Mausspiel mit dem eigenen Glück auffällige Kleidung oder nur ein Kopftuch zu tragen, was den Revolutionsgarden als zu leger erscheint. Helminger beschreibt auch eindringlich die Angst vor dem „Frühjahrsputz“ während dem das Regime hunderte Männer vom Land – die noch tief religiös sind – auf die Städter loslässt. Es ist auch ein Klassenkampf, der sich hinter dem religiösen Wahn versteckt. Was auch verständlich wird, wenn man die Beobachtungen des Autors im ärmlicheren Süden der Hauptstadt verfolgt, oder in den anderen Städten die er besucht.

Kurz gesagt: „Die Allee der Zähne“ ist lesenswert, da es die Klischees überwindet, die von den westlichen Medien ebenso gestreut werden wie von den Mullahs. Und übrigens: Auf unsere Frage hin, warum das Buch erst elf Jahre nach seiner Niederschrift (der Kulturaustausch fand bereits 2007 statt) erschien, antwortete uns der Autor, dass er den Text nie angeboten hätte –  als aber sein Verleger capybarabooks die Reihe startete, dies eine Publikationsmöglichkeit gewesen sei. Hinzu kommt, dass Helminger der Meinung ist: „Dass sich im Iran nicht viel geändert hat, im Gegenteil. Verschiedenes, wie der Atomstreit, wiederholt sich gerade. Es braucht halt einen Verleger der Interesse zeigt“. Nächstes Jahr erscheint voraussichtlich in der gleichen Reihe – Reiseberichte mit Fotos –  Helmingers Buch über den Jemen.


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