Hauptstädtischer Abfalldienst: Verpackte Pandemie

Covid-19 hinterließ 2020 vielfache Spuren – sogar beim Abfallverhalten der Bürger*innen.

Als DP-Schöffe Patrick Goldschmidt am Dienstag den Aktivitätsbericht des Hygienedienstes der Ville de Luxembourg vorstellte, konnte er sich einen ironischen Seitenhieb auf Bürgermeisterin Lydie Polfer (DP) nicht verkneifen: Diese habe ihn gebeten, ihre Abwesenheit anlässlich dieser Pressekonferenz zu entschuldigen und ihm „vollstes Vertrauen ausgesprochen seine Sache gut zu machen“ und „er solle gut trainieren“. Mit dieser für den Verlauf der Pressekonferenz eigentlich unerheblichen Aussage hat Goldschmidt gleich zwei Sachen klargestellt: Ja, er ist der designierte Nachfolger für den Posten des Stadtbürgermeisters, sollte er denn eines Tages frei werden, und ja, manchmal traut ihm seine „Chefin“ auch zu, aus freien Stücken handeln und reden zu können. Das ist nicht selbstverständlich, denn wenn es um öffentlich wirksame Auftritte geht, zum Beispiel die Einweihung der neu amenagierten Place de Paris, lässt die Bürgermeisterin ihre Schöffenratskolleg*innen nur ungern aus ihrem Schatten treten.

Das Thema Müll und seine Beseitigung mag nicht unbedingt das attraktivste zur politischen Selbstdarstellung sein, dennoch ist dessen Stellenwert nicht zu unterschätzen: Der 388 Frauen und Männer starke Service d’Hygiène entsorgt immerhin 25 Prozent des in ganz Luxemburg aufkommenden Mülls. Die Verwaltung ist um ein Vielfaches größer als entsprechende Dienststellen beim Staat und lässt sich auch nur ungern ihre Kompetenz streitig machen.

Groß und doch anpassungsfähig, hat der hauptstädtische Mülldienst die Hürden des Pandemiejahrs eigenen Aussagen nach gut überstanden. Als „essenzieller“ Dienst konnte man sich nicht einfach in den Lockdown verabschieden, sondern musste sogar einzelne Arbeitsbereiche verstärken und gleichzeitig vermeiden, dass die Belegschaft einer zu großen Ansteckungsgefahr ausgesetzt wurde. Zwar blieb das Recyclingcenter zeitweise geschlossen, doch den dadurch frei gewordenen Personalressourcen konnten so anderen Aufgaben zugeordnet werden.

Trotz eines starken Zuwachses der Bevölkerung stagniert das Gesamtmüllaufkommen in der Hauptstadt in den letzten Jahren. Im Pandemiejahr kam es zu einem spürbaren Rückgang der Gesamtmengen: Es wurden 33.884 Tonnen an Restabfällen (2019: 37.358 t) und 25.832 Tonnen an recyclingfähigen Materialien (2019: 27.789 t) gesammelt, wobei sich die Recyclingquote etwas auf 43,26 Prozent verbesserte (2019: 42,66%).

Trinken und online kaufen

Allerdings verlagerte sich das Müllaufkommen teilweise von dem der klassischen Müllabfuhr, die von Haus zu Haus einsammelt in Richtung der 57 über das Stadtgebiet verteilten Sammelstationen. Obwohl im Lockdown mehr Menschen zu Hause blieben, viel insgesamt weniger Müll an. Besonders das Einsammeln von Papier war stark rückläufig. Ein klares Indiz dafür, wie in den Betrieben die Aktivitäten zurückgingen. Nur der Glaskonsum lag höher als 2019.

In den Sammelstationen nahmen die Mengen dagegen insgesamt zu und die Monate mit stärkeren Pandemie-Restriktionen fallen deutlich aus dem Rahmen: Flaschen oder Kartons weisen deutliche Spitzen im Monat April aus. Im Confinement scheinen besonders viele Getränke in Einwegflaschen konsumiert worden zu sein. Der zunehmende Onlinehandel fand seinen deutlichen Niederschlag in den Tonnagen der eingesammelten Kartonverpackungen, die mit Anfang der Pandemie bis in den Sommer hinein höher ausfielen als gewohnt.

Weniger schön ist das Phänomen der „dépôts illicites“. Darunter versteht die Verwaltung das Aufkommen von gemischten Müllbergen, vor allem neben Sammelstellen, die besonders im Frühsommer anschwollen. Die langen Wochen des Teillockdowns haben wohl zu manchen privaten Räum- und Säuberungsaktionen geführt, die ihre Spuren hinterließen: 502 Tonnen Müll mussten so entsorgt werden, zehn Prozent mehr als im Jahr davor. Da in diesen Fällen unterschiedliche Müllsorten üblicherweise buntgemischt abgestellt werden, muss der Hygienedienst diese mühsam per Hand aussortieren. Adressenangaben, Rechnungen oder Bestellformulare werden dabei besonders akkurat unter die Lupe genommen: Wenn möglich wird der Aufwand den Verursacher*innen nämlich in Rechnung gestellt – 2020 war das rund 600-mal der Fall.


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