Klimakrise: Nach einem Sommer wie diesem

von | 22.10.2026

Die Dürre hat diesen Sommer zehntausende Hektar landwirtschaftliche Fläche beschädigt. Als Reaktion auf die Ernteausfälle hat die Regierung flexiblere Regeln eingeführt. Doch wie können sich Betriebe langfristig anpassen?

Die Direktorin der Vereinigung für Biolandwirtschaft hält kleine gelb-braune Getreidekörner in ihren Händen.

Dieses Jahr fällt die Ernte unter anderem im Getreide magerer aus. Die „Biovereenegung“ plädiert deshalb für eine finanzielle Belohnung für Betriebe, die umweltschonend agieren. (Foto: woxx)

Daniela Noesen hält Weizenkörner in den Händen: braun-gelb, rundlich mit einer länglichen Kerbe und vor allem kleiner als üblich. Die Ernte fällt dieses Jahr für viele Landwirt*innen nicht nur magerer aus, sondern auch qualitativ schlechter, sagt die Direktorin der „Biovereenegung“. Für den Sektor ist die diesjährige Dürre „eine Katastrophe“, so Noesen. Zwar hätten Bio-Landwirt*innen den Vorteil, dass mit einer breiten Fruchtfolge und „flächengebunden“ arbeiten, sprich „grundsätzlich nur so viele Tiere halten, wie man mit dem auf eigenem Land angepflanzten Futter ernähren kann“, sagt die Direktorin. Auf lange Sicht mache genau diese Herangehensweise einen Betrieb resilienter. Doch ob bio oder konventionell: „Das extreme Jahr hat jeden Betrieb getroffen“, erklärt sie. Auch wenn sich mitunter einige Betriebe schon anpassen, müssten weitere Maßnahmen gesetzt werden.

Der wenige Regen, der dieser Tage fällt, lasse kaum einen Betrieb aufatmen, sagt Noesen. Laut „Météolux“ war der vergangene September bisher der zweittrockenste seit Beginn der Messungen 1947. Insgesamt fielen gerade mal 4,4 Liter Regenwasser pro Quadratmeter. Zwischen 1991 und 2020 lag der Durchschnitt bei 66 Litern. Darunter litt nicht nur die Getreideernte: Auch dem Grünland und dem Mais haben die Rekordtemperaturen und Brände zugesetzt. Rund 6.000 Hektar Maisflächen waren beschädigt, gab CSV-Landwirtschaftsministerin Martine Hansen auf einer Pressekonferenz Ende August (woxx 1900, „Erntegespräche: Mais, Getreide und Grünland leiden“) an. Beim Grünland sei der dritte Schnitt fast ganz ausgefallen. Bislang ist der Direktorin der Biovereenegung kein Betrieb bekannt, der zumachen muss. „Ins Minus“ kämen aber sicherlich viele.

Europaweit wiederholten sich diesen Sommer die Ausfälle, die Trockenheit machte Gemüsegärtner*innen bis hin zu Weihnachtsbaumplantagen zu schaffen. Das nächste Jahr könnte noch schwieriger werden, warnte das UN-Welternährungsprogramm vergangene Woche in einer Pressemitteilung. Internationale Konflikte wie die Barrikade der Meeresenge Hormus und das dieses Jahr mit großer Wahrscheinlichkeit stärker auftretende Wetterphänomen „El Niño“, das im Großteil der Welt zu extremen Naturkatastrophen führt, trieben Lebensmittelpreise sowie Kosten für Treibstoff, Düngemittel und Transport weiter in die Höhe. „Wegen des El Niño könnten vor Ende 2027 bis zu 49 Millionen zusätzliche Personen in 45 Ländern von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen werden“, so die UN-Behörde.

Umweltleistungen honorieren

Sowohl hierzulande als auch auf EU-Ebene legt die Regierung den Fokus auf Maßnahmen wie Versicherungen, statt auf einen strukturellen Umbau des Sektors. Hiesige Landwirt*innen sollten „vorausschauend wirtschaften und Versicherungen gegen Ertragsausfälle abschließen“, erklärte Hansen Ende August. Neue Maßnahmen, um weniger von Konzernen abhängig zu sein und sich als Betrieb an die Klimakrise anpassen zu können, werden keine genannt. Anfang September kündigte das Landwirtschaftsministerium flexiblere Regeln an, darunter eine Erlaubnis für Bio-Betriebe, ihre Tiere mit konventionellem Raufutter zu füttern (woxx 1901, „Wegen der Dürre: Flexiblere Regeln für Betriebe“). Bezahlen muss jeder Betrieb den Kauf selbst. Bisher haben sieben Betriebe einen Antrag für diese Ausnahme gestellt, gab das Ministerium gegenüber der woxx an. Auch sollen Betriebe ihre Flächen früher verarbeiten und verfüttern dürfen – nur kam die Regeländerung zu einem Zeitpunkt, „an dem es sowieso nicht mehr viel zu ernten gab“, kritisiert Noesen. „Wir haben Bio-Betriebe im Land, die schon im Juni damit angefangen haben, einen Teil Futter beizukaufen und die jetzt einen weiteren Teil nachkaufen müssen. Dabei werden die verfügbaren Futterreserven zum Winter hin umso rarer und teurer“, bedauert sie.

Die Direktorin der Vereinigung plädiert dafür, Bauern stärker für ihre Ökosystemdienstleistungen zu belohnen – vor allem jene, die durch Verzicht auf synthetische Pflanzenschutzmittel die Boden- und Wasserqualität nicht weiter beeinträchtigen. Denn Betriebe würden bereits „vorausschauend“ arbeiten. So säen viele im Grünland Mischkulturen an, die Stickstoff fixieren, etwa Kleegras und Luzerne,. „Letztere ist bei Trockenheit sehr nützlich, denn sie wurzelt tief“, so Daniela Noesen. Durch die Sortenvielfalt bleibt die Bodenfruchtbarkeit besser erhalten. Fällt gar kein Regen, kommt es jedoch auch auf diesen Feldern zu Ernteausfällen. Der Vorteil gegenüber einer Monokultur: Im Falle von Trockenheit legt man nicht alle Hoffnung auf eine Sorte. Zudem helfen Mischkulturen auch, den Boden ganzjährig bedeckt zu halten, damit weder Wind noch Starkregen die trockene Erde wegfegen beziehungsweise -spülen können und der Boden weniger schnell austrocknet.

Von Ansätzen wie gentechnisch verändertes Pflanzensaatgut, das dürreresistente Sorten verspricht, hält Noesen nichts, da die Techniken noch nicht ausgereift genug sind. „Wir sehen heute bereits Anpassungen an die sich ändernden Klimabedingungen auf den Feldern. Pflanzenarten, die früher nicht angebaut wurden, zum Beispiel Sonnenblumen, werden heute kultiviert“, so Noesen. Gentechnik werde den Sektor allerdings „nicht retten“: „Wir benötigen nachhaltige Anbausysteme wie den Biolandbau, die die Betriebe stärken, damit sie in Zukunft dem Klimawandel standhalten können. Der deregulierte Einsatz von neuen Gentechnologien wird die Abhängigkeit der Landwirte von der Agrarindustrie noch weiter erhöhen. Schlussendlich sind die Bauern die Leidtragenden.“

Um sich an die Folgen der Klimakrise anzupassen, brauche es Ansätze wie das Pflanzen von Hecken rund um die Kulturen. Für ein umfangreiches Agroforstsystem, bei dem Bäume mit Ackerkulturen kombiniert werden, wie es einige Betriebe in Deutschland schon umsetzen, seien die Flächen im Großherzogtum nicht groß genug. Doch auch Hecken und Sträucher spenden Schatten. „So entsteht ein Mikroklima, das sowohl die Artenvielfalt als auch die Nutzpflanzen fördert“, sagt Noesen.

Einzelne Betriebe setzen diese Lösungen schon um. „Denen muss man jetzt stärker unter die Arme greifen, vor allem nach einem Sommer wie diesem!“, so die Direktorin. Ökosystemdienstleistungen jedes Hofes müssten entsprechend belohnt werden, etwa anhand einer Gemeinwohlprämie. „Die positiven Leistungen für Mensch, Tier und Umwelt, die ein Betrieb erbringt, müssen anerkennend vergütet werden- unabhängig, ob ein Betrieb schon biologisch wirtschaftet oder noch nicht“, sagt Noesen. Dies würde den Umstieg auf Bio vorantreiben: „Will man mehr Bio – was ein EU-weites Ziel ist – muss man anfangen, die positiven Auswirkungen von Betrieben zu belohnen. Wir brauchen endlich ein klares politisches Zeichen, das zeigt: Bio-Bauern sind uns wichtig.”

Eine Grafik mit Balken, die zwischen 2021 und 2026 schwanken.

Anzahl der Betriebe, die seit 2021 auf bio umgestellt haben. (Grafik: woxx)

Jährlich steigt die Bio-Agrarfläche um rund ein Prozent an, auf momentan insgesamt 260 Bio-Betriebe, gibt das Ministerium auf Nachfrage der woxx an: „Der fehlende Markt für Luxemburger Biomilch stellt eine große Bremse für einen schnelleren Wachstum des Sektors da.“ Die eigenen Ziele für den landesweiten Bio-Anteil hatte das Ministerium Anfang Ende Dezember 2025 von 20 auf 15 Prozent heruntergeschraubt. Natürlich hänge ein Umstieg auch von der finanziellen Lage, der Spezialisierung und der „mentalen Offenheit“ eines*r jeden*r ab, so Noesen. Doch die Direktorin gibt sich zuversichtlich: „Ein guter konventioneller Bauer ist hundertprozentig auch ein guter Bio-Bauer. Irgendwann wird dieser Wandel stattfinden, denn die Natur zeigt uns, dass wir in Zukunft nachhaltiger und resilienter Landwirtschaft betreiben müssen. Bio ist ein Weg dahin.“

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