Lisa Kersch (LSAP): „Gerechtigkeit ist mehr als nur Umverteilung“

Seit Jahren politisch engagiert, kandidiert sie jetzt auf der LSAP-Europaliste: Lisa Kersch studiert internationale Politik und will sich besonders für die Chancengleichheit als demokratisches Prinzip einsetzen.

Foto: lm

woxx: Was hat Sie dazu gebracht, sich politisch zu engagieren?


Lisa Kersch: Ich komme aus einer politischen Familie – insbesondere meine Mutter hat mir immer eingeschärft, wenn man sich aufregt über Missstände, muss man sich auch bewegen, um etwas zu verändern, statt nur rumzumeckern. Ich habe mich dann im Schülerkomitee engagiert und war Vertreterin meines Lycée in der Cnel [Conférence nationale des élèves]. Damals ging es um die Reform von Mady Delvaux. Das war mein erster richtiger Kontakt mit der Politik, ich habe gemerkt, das gefällt mir, und man kann etwas verändern.

Das wollen Sie bei den Europawahlen auf der LSAP-Liste tun?


Seit ich 16 bin, bin ich Parteimitglied; die LSAP hat mir dann angeboten, bei den Europawahlen zu kandidieren. Zuerst wollte ich ablehnen – ich fühlte mich zu jung, wollte das Studium abschließen, bevor ich etwas Neues anfange. Doch dann dachte ich an die vielen Schülerinnen und Schüler, mit denen ich in Brüssel an der Klimademo teilgenommen hatte: Die hatten mit 16 den Mut, ihren Eltern zu sagen, heute streike ich, statt zur Schule zu gehen. Da konnte ich, die ich fast fertig bin mit meinem Studium, mich doch nicht davor drücken, den mir angebotenen Platz auf der Liste anzunehmen.

Jetzt sind Sie mit 24 Jahren Co-
Spitzenkandidatin …


Das bedeutet eine große Chance für mich, aber vor allem die Möglichkeit zu zeigen, dass auch junge Menschen Verantwortung übernehmen können. Und dass wir das auch wollen – entgegen dem Klischee, wir würden uns für nichts interessieren und uns nicht engagieren.

Hat Europa Ihrer Meinung nach eine Zukunft?


Ganz klar: Ja! Eigentlich ärgert mich die Schwarzmalerei. Nicht dass ich die Probleme verleugnen wollte, aber Europa war immer ein offenes Projekt. Wenn es nicht auf eine bestimmte Art funktioniert, heißt das doch noch nicht, dass es gescheitert ist. Dass die EU an Zuspruch verliert, liegt an der Funktionsweise – eine supranationale Struktur ist etwas sehr abstraktes. Die Abläufe müssen transparenter und verständlicher werden – und damit demokratischer.

Dafür können Sie jetzt werben. Was sind Ihre anderen Wahlkampf
themen?


Mir ist besonders die Chancengleichheit wichtig – auch, aber nicht nur, zwischen Mann und Frau. Ein Thema, das auch der sozialdemokratische Spitzenkandidat Frans Timmermans aufgegriffen hat, indem er für eine paritätisch besetzte Kommission eintritt. Was die Demokratisierung der EU angeht, so gehört für mich auch Gerechtigkeit dazu. Demokratie setzt voraus, dass die Macht von allen gleichmäßig ausgeübt wird. In Europa geht der Trend aber dahin, dass die Interessen der Konzerne und Banken besser vertreten sind als die von Gewerkschaften und Zivilgesellschaft. Das muss sich ändern.

Sind die Ur-Themen der Sozialdemokratie, wie Sozialstaat und Umverteilung, heute weniger wichtig?


Keinesfalls – in unserem Programm fordern wir einen europäischen Mindestlohn und soziale Grundrechte. Aber wir können uns nicht nur auf diese Form der Gerechtigkeit beschränken: Gerechtigkeit ist mehr als die Frage, wer wie viel verdienen soll. Beides gehört für mich zusammen: Rechte haben und über die Mittel verfügen, diese Rechte zu nutzen.

Für Frauenrechte eintreten war in der LSAP nicht immer einfach. Fühlen Sie sich in dieser Partei gut aufgehoben?


Stimmt, es hat immer wieder Auseinandersetzungen darüber gegeben. Die LSAP war halt eine Arbeiterpartei, also fokussiert auf einen Themenbereich, im dem lange Zeit die Männer vorherrschten, das war wohl nicht so einfach. Ich kann nicht für die Frauen sprechen, die sich in der Vergangenheit in der LSAP engagiert haben. Ich fühle mich jedenfalls unterstützt – dass ich als Spitzenkandidatin ausgewählt wurde, ist ja auch eine Reaktion auf die Unzulänglichkeiten. Der Weg zur Chancengleichheit ist lang – man erreicht sie nicht von heute auf morgen, weder in der LSAP noch anderswo.

Die LSAP und ihre Schwesterparteien befinden sich in einer Krise. Hat die Sozialdemokratie eine Zukunft?


Ja, denn sie steht politisch betrachtet dafür, den Menschen nicht nur Rechte zuzusprechen, sondern auch deren Ausübung zu ermöglichen. Angesichts der Bedrohung der Demokratie ist es gerade die Sozialdemokratie, die gegensteuern könnte. Das muss man am Wahltag bedenken. Wer den rechten Rand unterstützt, sollte sich davon keine soziale Politik erhoffen – diese Parteien sind in Wirtschaftsfragen neoliberal. Und die Grünen mögen für Umweltpolitik und Klimaschutz stehen, doch wie steht es mit der sozialen Komponente? Die Klimawende wird schwierig, wenn viele Betroffene das Gefühl haben, sie könnten sich die Umstellung nicht leisten. Die Sozialdemokratie will beim Klimaschutz alle Menschen mit ins Boot bekommen.

Lisa Kersch (24 Jahre), ehemalige Sprecherin der Unel, führt gemeinsam mit Nicolas Schmit die LSAP-Europaliste an. Sie steht für die programmatische Erneuerng der Partei, ohne die Ur-Themen der Sozialdemokratie aufzugeben.


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