Luxemburg, Europa und die Flüchtlinge: Ohne Freiwillige nix los

Der Weltflüchtlingstag bot wieder einmal Anlass, Solidarität mit den Geflüchteten kundzutun. Doch der Politik fehlt es augenscheinlich an längeren Konzepten.

1377Edito_InternetEs ist still geworden um die Flüchtlinge. Von der medial inszenierten Empathiewelle des „Sommers der Solidarität“ 2015 ist nicht mehr viel übrig. Die Nachricht von bis zu 700 Toten im Mittelmeer Ende Mai hat allenfalls Schulterzucken ausgelöst. Und selbst Bilder von ertrunkenen Kindern vermögen nicht mehr wie noch vor Kurzem, einen Sturm der Entrüstung auszulösen.

Der Deal mit der Türkei hat das Problem aus dem direkten Blickfeld gerückt und – zumindest zeitweise – für eine Entlastung der Aufnahmeeinrichtungen und der freiwilligen HelferInnen gesorgt. Die Mainstream-Medien haben sich anderen, „knackigeren“ Themen zugewandt. Mit Bildern verzweifelter Überlebender der europäischen Grenzpolitik und Beifall klatschender Empfangskomitees an den Bahnhöfen lassen sich keine Nachrichtensendungen mehr füllen.

Doch das Problem hat sich, wie so oft, einfach nur verlagert. Statt Westeuropa über die Türkei und Griechenland anzusteuern, schlagen nun viele Flüchtlinge den weitaus gefährlicheren Weg über Libyen und Italien ein. Nach den griechischen sind zuletzt auch die italienischen Aufnahmeeinrichtungen wieder hoffnungslos überlastet.

Zu einem Umdenken bei den europäischen Verantwortlichen führt dies indes nicht. Genau so wenig wie die Meldungen über Morde, die von türkischen Grenzpatrouillen an syrischen Flüchtlingen begangen wurden. Im Gegenteil – das „türkische Modell“ soll nun auch auf andere „Partnerstaaten“ angewandt werden (siehe auch Citizen S. 5). Angesichts dessen ziehen nun Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen die Konsequenz: Künftig weigert sich die NGO, noch Gelder von der EU anzunehmen.

Dabei sind es seit Monaten vor allem Freiwillige, ob Mitglieder großer Organisationen oder auf eigene Faust Agierende, die die Effekte der desaströsen EU-Politik abfedern und unermüdlich für die Geflüchteten im Einsatz sind. Ob in Idomeni, Calais, oder auf dem Mittelmeer – ohne die tatkräftige Hilfe dieser Freiwilligen, die noch dazu oftmals staatlicher Repression ausgesetzt sind, wäre die Lage noch weit schlimmer.

(© Nchenga/flickr)

(© Nchenga/flickr)

Und auch in Luxemburg sind es allzu oft Volontäre, die in die Bresche springen und die Arbeiten erledigen, die eigentlich Sache der staatlichen Stellen sind. Neben dem Einsatz in Erstaufnahmeheimen und beim Sortieren der vielen Sachspenden scheint auch die Integration der Ankommenden an ihnen hängenzubleiben.

Bisher sind es vor allem die vielen Freiwilligen, die dafür sorgen, dass alles glatt läuft.

Auf Regierungsseite fehlt es nämlich offensichtlich an einem wirklichen Konzept, das mittel- und längerfristig nicht nur die Ankunft in Luxemburg, sondern auch die Gestaltung des Zusammenlebens regeln könnte. War Anfang 2015 noch die Rede von einem umfassenden „Autonomieprojekt“ (woxx 1305), das Geflüchteten schnell ein Leben „auf eigenen Beinen“ ermöglichen sollte, wurde dieses letztendlich zu Ende desselben Jahres unter Zeitdruck fallengelassen (woxx 1350).

Seitdem sind schon wieder sechs Monate vergangen, und trotz der Zusage der zuständigen Ministerin Cahen, das „Autonomieprojekt“ doch noch Realität werden zu lassen, ist in der Richtung bisher noch nichts passiert. Beispielhaft für eine Politik, die sich bislang – zu Recht – stark auf den „Empfang“ konzentriert, dabei aber vergisst, dass Flüchtlinge sich auch über die ersten Wochen hinaus hier in Luxemburg wohlfühlen sollen. Der schwierige Teil der Aufnahme kommt nämlich erst noch – und bisher sind es vor allem die vielen Freiwilligen, die dafür sorgen, dass alles glatt läuft.


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