Nachhaltigkeit: Vermeiden, dass das Engagement beim Streik aufhört

„Change!“ nennt sich ein Zine, das eine Schüler*innengruppe aus dem Lycée classique de Diekirch herausgibt. Die woxx hat drei von den Schüler*innen getroffen und mit ihnen über Demonstrationen, Nachhaltigkeit, Printmedien und ihre weiteren Projekte gesprochen.

woxx: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, ein Zine über Nachhaltigkeit zu machen?


Fotos: Change!

Phoebe Heirens: Ich bin im März 2019 von Freunden überzeugt worden, am Klimastreik teilzunehmen. Da wurde ich erst so richtig aufmerksam auf das Thema Klimawandel und war ziemlich ergriffen. Die Reaktion meiner Mitschüler hat mich doch enttäuscht; während des Streiks waren alle begeistert, aber danach hat niemand mehr davon geredet. Da ist mir die Idee mit dem Zine gekommen, um zu zeigen, dass demonstrieren nicht alles ist, was man tun kann oder soll.

Max Heirens: Die erste Ausgabe ist in der Hinsicht eher eine Ideensammlung, um zu illustrieren, was man ändern kann.

Mara Manieri: Wir sind demonstrieren gegangen, um die Politik zu Änderungen zu bringen. Danach ist uns aufgefallen, dass viele Schüler jedoch nichts in ihrem Leben geändert haben. Das Zine ist ein Mittel, sie dafür zu sensibilisieren, dass auch sie etwas für das Klima machen können. Wir hatten so ein wenig die Idee, dass es mit Abfalltrennen und Energiesparlampen getan wäre …

Phoebe: … und dann heißt es „In zehn Jahren geht die Welt unter.“ Okay, cool. Wir müssen etwas tun.

Die Klimademo hat euch also politisiert? 


Max: In unserer Gruppe sind einige, die politisch aktiv sind, andere beschäftigen sich nicht so viel damit. Nach der Demo haben wir viel darüber diskutiert und zum ersten Mal gemerkt, dass es einen Notstand gibt, der politisch behandelt werden muss. Zuvor gab es kein politisches Thema, das uns so zusammengebracht hat.

Phoebe: Das Einzige, was in der Schule sonst politisch diskutiert wird, ist das Wahlrecht ab 16 – über das man dann in fünf verschiedenen Sprachen Essays schreiben darf. So richtig mit Politik auseinandergesetzt haben wir uns vor der Beschäftigung mit dem Klimawandel nicht.

Mara: Wobei wir versuchen, parteipolitisch so neutral wie möglich zu bleiben.

Ihr sagt, „Change!“ ist keine Schülerzeitung. Warum nicht?


Max: Wenn man sagt, eine Schülerzeitung ist eine Zeitung, die von Schülern einer Schule gemacht wird, ist es eine Schülerzeitung. Change! aber ist eher ein Magazin, das von Menschen gemacht wird, die sich stark für das Thema Nachhaltigkeit interessieren und etwas ändern wollen. Wir sind extrem selbstständig und machen alles in unserer Freizeit, was uns vielleicht auch von einer Schülerzeitung unterscheidet.

Mara: Schülerzeitungen sind primär für Schüler gedacht, unser Zine ist so gestaltet, dass alle etwas davon haben. Wir wollen, dass unsere Leser sich für das engagieren, was ihnen wichtig ist, und wir versuchen deswegen, mit gutem Beispiel vorzugehen.

Phoebe: Wir werden allerdings von unserer Schule unterstützt. Finanziell für das Zine, und mit Räumen für andere Projekte. Das ist cool, deswegen können wir das Zine auch in hohen Stückzahlen verteilen.

Max: Uns hat erstaunt, dass die Schule sich über Schüler freut, die sich eine eigene Meinung bilden und aktiv werden. Etwas, was leider in unserem Alter eher selten vorkommt.

Wenn nicht nur die Schüler*innen eurer Schule eure Zielgruppe sind, wer gehört denn noch dazu? 


Phoebe: Eine weitere Zielgruppe wären die Eltern. Es ist wichtig, dass sie verstehen, warum Schüler zu Klimademos gehen – auch, weil sie Entschuldigungen für Fehlstunden schreiben müssen.

Max: Eigentlich gehört aber jeder, der etwas beitragen will, zu unserer Zielgruppe.

Mara: Das Zine liegt auch an ganz unterschiedlichen Orten aus, zum Beispiel bei einem Psychologen im Wartezimmer, in einer Apotheke und so weiter. Dadurch, dass es auf Englisch ist, können wir sehr viele Menschen erreichen.

„In zehn Jahren geht die Welt unter. Okay, cool. Wir müssen etwas tun.“

Ja, warum ist das Zine eigentlich auf Englisch?


Mara: Wir haben darüber viel diskutiert, im Endeffekt ist Englisch eine ziemlich universelle Sprache und wir können dadurch eine möglichst breite Zielgruppe ansprechen.

Phoebe: Für Siebt- und Achtklässler ist es natürlich schwierig, weil die noch nicht so gut Englisch können. Wir organisieren aber andere Projekte innerhalb der Schule, um auch jüngere Schüler zu erreichen und sie für das Thema Klimawandel zu begeistern.

Max: Ich glaube, dass die meisten, die bei uns im Team Texte schreiben, sich mit Englisch am wohlsten fühlen. Das ist bei der Recherche auch oft einfacher, weil viele Texte, auf die wir uns beziehen, auf Englisch geschrieben sind.

Max, Phoebe und Mara koordinieren das Team rund um „Change!“Foto: Change!Foto: Change!Tauschend zur Nachhaltigkeit: Im Norden gibt es kaum Möglichkeiten, faire oder nachhaltige Kleidung zu kaufen, „Change!“ organisierte also kurzerhand einen Clothes Swap.

Wie reagieren Lehrer*innen auf das Zine?


Mara: Ganz unterschiedlich. Einige wollen wissen, warum wir die Texte denn nicht auf Französisch, sondern auf Englisch schreiben, andere finden es merkwürdig oder verstehen nicht, warum wir das Zine machen. Viele ermutigen uns aber auch und freuen sich über unser Engagement.

Phoebe: Einige unterstützen uns sehr, worüber wir uns freuen. Eine Englischlehrerin hilft uns, indem sie die Texte verbessert und redigiert. Das bringt uns enorm weiter.

Max: Eigentlich haben wir aber nicht so viel mit Lehrern zu tun – außer, dass sie halt auch zu unserem Publikum gehören. Wir versuchen, so unabhängig wie möglich zu sein und unsere Projekte ohne große Hilfe von außen zu erledigen.

Wie seid ihr organisiert? 


Phoebe: Wir machen alles selbstorganisiert und so basisdemokratisch wie möglich. Alle zwei Wochen treffen wir uns in der großen Gruppe. Was die Organisation angeht, gibt es natürlich noch Luft nach oben, manchmal überfordert uns die schiere Menge an Ideen und Input, die wir als Gruppe von 20 Menschen produzieren.

Mara: Es war eine bewusste Entscheidung, keine Lehrer direkt einzubinden und das Projekt selbst zu leiten. Bisher klappt das ganz gut. Manchmal kommen Direktion oder Lehrer mit Projekten auf uns zu, aber meistens machen wir alles ganz alleine.

Max: Wie die interne Organisation funktionieren soll, ist auch ein ständiges Diskussionsthema. Wir haben uns Videos von Fridays for Future angesehen, die sich ganz über Whatsapp organisieren, was ich persönlich erstaunlich finde. Wir machen das über den Chatdienst Slack, der uns ermöglicht, die Arbeit auf verschiedene kleine Teams aufzuteilen. Das Writing-Team, das Social Media-Team oder das Grafik-Team können dann untereinander kommunizieren. Eine Herausforderung ist es aber, Schüler aus anderen Klassen – vor allem jüngere – für das Projekt zu begeistern und sie in die Gruppe zu integrieren. Nächstes Jahr sind wir drei auf Première, dann müssen andere das Projekt übernehmen.

Mara: Phoebe – und im weiteren Sinne wir drei – sind die Ansprechpersonen für die Direktion, wir haben aber innerhalb der Gruppe nicht mehr zu sagen als alle anderen.

Die erste Edition heißt 
„Future“, weil die 
fehlenden Zukunfts-
perspektiven uns als das größte Problem erschien.

Seid ihr mit anderen Gruppen wie Youth for Climate oder Move vernetzt?


Phoebe: Ein wenig, das könnte ruhig noch mehr sein. Ich bin in den Whatsapp-Gruppen von Youth for Climate und Fridays for Future, lese da aber eher nur mit. Ich kenne auch Leute aus einer ähnlichen Gruppe aus Ettelbrück, aber bisher ist keine konkrete Zusammenarbeit entstanden.

Max: Wir sind in Diekirch ein wenig isoliert, deshalb wäre es eigentlich eine gute Idee, uns stärker mit diesen Gruppen zu vernetzen. Aktuell läuft das eher über persönliche Kontakte, daher ist es schwierig. Youth for Climate ist eine große Inspiration für uns, weil sie auch basisdemokratisch und selbstorganisiert sind.

Bisher gab es „Change!“-Ausgaben zu den Themen Future und Fashion. Wie wählt ihr eure Themen aus?


Max: Die Themenfindung läuft ebenfalls demokratisch ab, wir treffen uns und diskutieren darüber, warum wir die einzelnen Themenvorschläge wichtig finden. Die Abstimmung ist aber anonym, damit sich keiner zu sehr unter Druck gesetzt fühlt. Die erste Edition heißt „Future“, weil die fehlenden Zukunftsperspektiven uns zu dem Moment als das größte Problem erschienen. Die nächsten Ausgaben sind aber alle spezifischer auf ein Thema aufgebaut.

Phoebe: Die nächste Edition wird „Food“ zum Thema haben. Es müssen aber nicht alle Themen ein F als Anfangsbuchstaben haben.

Mara: Da wir alle motiviert und informiert sind, haben wir überhaupt keine Probleme, Themen zu finden – die Liste ist noch sehr lang.

Max: Mir ist aufgefallen, dass unsere Themen immer stark mit Problemen zusammenhängen. Wir erklären, was überhaupt das Problem zum Beispiel mit „Fast Fashion“ ist und zeigen dann Lösungsansätze auf.

Euch ist schon sehr wichtig, selbst etwas zum Thema Nachhaltigkeit beitragen zu können?


Phoebe: Wir wollen halt vermeiden, dass das Engagement beim Streik aufhört. Alleine kann man zwar nichts machen, aber wenn viele Menschen sich bewegen und die Politik dann mitzieht, können wir etwas erreichen.

Max: Was uns auch beschäftigt ist die Frage, wie wir als Minderjährige mitbestimmen können. Wir dürfen nicht wählen und haben demnach keinen Einfluss auf die Politik. Das macht uns so wütend, dass wir uns andere Wege suchen, etwas zu einer nachhaltigeren Entwicklung beizutragen.

Mara: Die Konsequenzen des eigenen Handelns zu erkennen, ist für uns auch ein Teil des Erwachsenwerdens. Dazu gehört auch, dieses Wissen weiterzugeben.

Wieso druckt man 2020 ein Zine noch auf Papier?


Mara: Die meisten Menschen identifizieren sich dann doch eher mit Papier, der größte Teil der luxemburgischen Zeitungen ist gedruckt. Mit dem Papier-Zine erreichen wir mehr Menschen, denen man das Heft einfach in die Hand drücken kann. Mit Social Media geht das nicht so einfach.

Das quadratische Format erinnert aber schon ein wenig an Instagram  – ist das so gewollt?


Max: Ich habe davor ein CD-Booklet designt und dabei herausgefunden, dass es einfach und billig ist, in dem Format zu drucken. Ansonsten finden wir es einfach ästhetisch ansprechend. Das hat aber nicht unbedingt etwas mit Instagram zu tun. Außerdem ermöglicht uns das kleine Format, relativ kurze Texte schreiben zu können, was uns als Schüler natürlich zugute kommt.

Auf Social Media seid ihr aber auch aktiv?


Phoebe: Ja, wir haben einen Instagram-Account und eine Facebookseite.

Max: Als Gruppe haben wir entschieden, auf Instagram vor allem anderen Output als jenen der Zines zu zeigen, außerdem wollen wir dadurch sichtbar machen, wie viel Arbeit hinter dem Projekt steckt.

In den luxemburgischen Medien fehlt die Stimme der Jugend.

Was fehlt euch in der luxemburgischen Medienlandschaft?


Mara: In letzter Zeit ist es besser geworden, weil der Klimawandel auch verstärkt behandelt wird. Und es ist gut, dass die Medien so unabhängig wie möglich sind.

Max: Was allerdings fehlt, ist die Stimme der Jugend. Es fehlen Angebote, die sich speziell an Jugendliche richten und unsere Perspektive wiedergeben. Selten werden junge Menschen zitiert oder interviewt, vor allem wenn sie nicht in einer Jugendpartei sind. Auf Instagram ist das ganz anders, weil die Auswahl einfach größer ist und es leichter ist, Menschen zu finden, von denen man sich repräsentiert fühlt.

Phoebe: Ich gebe Max da Recht. Letztens hatte das Lëtzebuerger Land eine Beilage zum Thema Jugend, aber auch da wurde mehr über als mit uns geredet.

Mara: Es ist natürlich auch schwierig, eine repräsentative Gruppe von Jugendlichen zu finden.

Was für Projekte stellt ihr neben dem Zine auf die Beine?


Phoebe: Wir machen zum Beispiel den Clothes Swap, der parallel zum jährlichen Büchermarkt in unserer Schule stattfindet und bei dem man Kleidung tauschen kann. Das ist aus der Not heraus entstanden, weil es im Norden Luxemburgs wenig Möglichkeiten gibt, faire oder second hand Kleidung zu kaufen. Unser bisher größtes Projekt ist der „Ökodag“, an dem alle Neuntklässler der Schule teilgenommen haben. Das sind jene Schüler, die unser Zine nicht unbedingt erhalten und lesen. So konnten wir die auch erreichen, was im Großen und Ganzen auch gut geklappt hat. Nach einer Präsentation zu „Change!“ und dem Klimawandel konnten sie in verschiedenen Workshops praktisches Wissen zum Thema erarbeiten. Eine Gruppe hat zum Beispiel Vorschläge erarbeitet, wie die Schule ökologischer funktionieren kann. Aktuell arbeiten wir an weiteren Workshops und am Austausch mit vier anderen europäischen Schulen, die im Rahmen der „Journées européennes“ nach Diekirch kommen werden.

Max: Da sollen dann auch Vorschläge für nachhaltigere Schulen erarbeitet werden. Wir hoffen, dass dadurch ein gewisser Druck auf die Direktionen entsteht, damit sich tatsächlich Sachen ändern.

Mara: Wir sind extrem dankbar für die Unterstützung durch unsere Schule. So etwas sind wir von Autoritäten nicht gewohnt.

Change! ist auf Instagram unter 
instagram.com/change.zine zu 
finden und kann per Mail unter 
change.writeus@gmail.com 
kontaktiert werden. 

Die woxx wurde auf die Gruppe aufmerksam, als diese einen offenen Brief an Bildungsminister Claude Meisch (DP) richtete, in dem die Entscheidung, 100 Schüler*innen zur Weltausstellung nach Dubai zu schicken, kritisiert wurde.

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