Politische Männlichkeit: Von Communities zum Amoklauf

von | 22.03.2021

Was haben Jair Bolsonaro und unfreiwillige Singles gemeinsam? In „Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen” zeigt die Autorin Susanne Kaiser die Brutalität auf, mit der Frauen und Minderheiten von unterschiedlichen Communities gehasst und hingerichtet werden.

Copyright: Suhrkamp Verlag

Die kanadische Studentin Alana Boltwood hatte keinen Sex, unfreiwillig. Aus dem Grund rief sie Ende der 1990er-Jahre das Forum „Alana’s Involuntary Celibacy Project” ins Leben. Sie wollte sich mit Gleichgesinnten austauschen. Damit erschuf sie ein Monster: die Incel-Bewegung (Involuntary Celibates). In „Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen” nimmt die Autorin Susanne Kaiser das Phänomen auseinander und offenbart die Parallelen zu politischen Entwicklungen weltweit.

„Am Anfang stand […] die Idee einer inklusiven Community für Menschen, die aufgrund von sozialen Phobien, Marginalisierung oder psychischen Krankheiten keinen Sex hatten und mit ihrer Situation unzufrieden waren“, erzählt Kaiser die Entstehungsgeschichte der Incel-Gemeinschaft nach. Heute sind Incels „eine Bewegung von Männern, die ihren Frauenhass kultivieren und organisieren“. Die meisten von ihnen sind laut dem CPD Policy Blog weiß, heterosexuell, unter dreißig und leben in Europa oder in Nordamerika.

Boltwood hatte längst mit der Szene gebrochen, als 2014 der erste Incel-Anhänger in Santa Barbara in Kalifornien zur Waffe griff. Er ermordete sechs Menschen und tötete sich anschließend selbst. Immer öfter verüben Incels Amokläufe und gezielte Attentate auf Frauen und Männer, die sie als begehrenswert betrachten. Sie sprechen in Codes miteinander, haben besondere Bezeichnungen für ihre Opfer. Im Internet ziehen sie über in Hassreden über sie her. Auch religiöse und ethnische Minderheiten sowie LGBTIQA+ Menschen fallen in ihr Feindbild. Die Incels machen ihre vermeintlichen Gegner*innen für ihre ungewollte Enthaltsamkeit oder für den Zerfall patriarchaler Gesellschaftsstrukturen verantwortlich. Gleichzeitig versinken sie gemeinsam im Selbsthass.

Kaiser beschreibt in ihrem Buch detaillreich, wie die Incel-Foren funktionieren und wie ihre Mitglieder ticken. Dafür druckt sie die Manifeste der Täter teilweise in langen Passagen ab, was problematisch ist – immerhin gibt sie ihnen damit eine Darbietungsfläche, die ihr blinder Hass nicht verdient. Interessanter ist, wenn sie mit Zahlen vorführt, welches Ausmaß die Community inzwischen angenommen hat: „Das größte Incel-Forum war bis 2017 das Reddit-Unterforum /r /incels mit rund 40.000 Mitgliedern.“ Dieses Forum wurde nach einer Petition auf change.org von den Seitenbetreiber*innen vom Netz genommen. Kaiser schreibt, dass manche Foren geschlossen werden, aber kurze Zeit später mit anderen Namen wiederauftauchen. So gibt es seit April 2020 ein neues Forum, das zum Zeitpunkt ihrer Arbeiten an dem Buch 15.000 aktive Mitglieder zählte. Die Autorin zitiert Studien, wie eine über die sogenannte Mannosphäre aus dem Jahr 2020, die einen rasanten Wachstum der Gemeinschaft in den letzten vierzehn Jahren belegen.

Kaiser weist in ihrem Buch generell auf geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen hin. An einer Stelle heißt es: „Die Zeitschrift [Mother Jones] führt eine Datenbank über Massenschießereien in den USA seit 1982 (…). Dabei hat das Magazin eine spezifische Entwicklung in den letzten zehn Jahren festgestellt: In rund einem Drittel der Attacken ließ sich ein frauenfeindliches Motiv feststellen. Die Hälfte dieser 22 Taten galt (…) gezielt Frauen. Ein Drittel der Täter war polizeibekannt wegen Stalking und Belästigung, über 85 Prozent von ihnen hatten Vorstrafen wegen häuslicher Gewalt.“ Ob es sich bei den Täter*innen um Incels handelt, ist allerdings nicht klar.

Kaiser verknüpft die Statistiken und Studien zu Incels und Frauenhasser*innen allgemein mit einem politischen Exkurs. Der kommt etwas unvermittelt daher, entpuppt sich aber als spannende Ergänzung. Kaiser spricht über den ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump oder über den brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro – beide bekannt für ihre misogynen Kommentare. „Der autoritäre Backlash ist nicht zufällig eine Form politisierter Männlichkeit, Misogynie ist nicht zufällig ein Merkmal autoritärer Einstellungen. All dies sind vielmehr ganz wesentliche Bestandteile – der autoritäre Backlash ist männlich“, steht hierzu zusammenfassend im Klappentext des Buches. Kaiser beleuchtet neben den Männern auch Frauen in rechten und populistischen Bewegungen, wie Marine Le Pen (Front National) oder Alice Weidel (Alternative für Deutschland).

Die Autorin beschäftigt sich in mehreren Kapitel damit, wie Anti-Feminist*innen sich aller Widersprüche zum Trotz auf der politischen Bühne Verhör verschaffen. Ein Beispiel: Die lesbische Familienmutter Weidel steht an der Spitze einer Partei, die sich gegen die Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe ausspricht und die Schuld für die Diskriminierung queerer Menschen bei Migrant*innen sucht.

Kaiser liefert mit ihrem Buch eine umfangreiche Analyse der ehemals „inklusiven Community“, die zur Brutstätte für Frauenhass und Gewalt gegen Minderheiten mutierte. Sie schlägt den Bogen zur autoritären Politik und versäumt es nicht, Zusammenhänge des Hasses herzustellen. Wer sich für das Thema interessiert, sollte auch Veronika Krachers Buch „Incels – Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults“ dazu lesen. Die woxx rezensierte Krachers Werk im November 2020. Beide Autorinnen ordnen die Online-Bewegung in einen gesellschaftspolitischen Kontext ein und senden ein klares Signal: Es handelt sich sich bei den Anhängern nicht um einsame Wölfe, sondern um eine reale Bedrohung und um eine organisierte Gewaltgruppe.

Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen” von Susanne Kaiser. Edition Suhrkamp: 2020.

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