Queerness und Altenpflege: „Besonders im Hinblick auf trans Menschen ist das Personal unzureichend informiert“

In dem Artikel „Regenbogenfahne grau in grau“ wurde die Situation von LGBT-Senior*innen in der Altenpflege beleuchtet. In einem ergänzenden Interview spricht Christine, Krankenschwester in der Gerontologie, über ihren Berufsalltag – und zeigt sich unter anderem besorgt über Transphobie im Gesundheitssektor.

CC BY-gaelx 2.0

woxx: Viele LGBT-Senior*innen haben Angst, in der Altenpflege diskriminiert zu werden. Ist diese Befürchtung Ihrer Erfahrung nach berechtigt?

Christine: Pflegepersonal, das offen zu seiner Homosexualität steht, oder Menschen, die von ihrem Aussehen her nicht in das binäre Geschlechterbild passen, werden von manchen Heimbewohner*innen diskriminiert. Ich wurde selbst wegen meines kurzen Haarschnitts auf meine sexuelle Orientierung angesprochen, woraufhin ich mich outete. Die Heimbewohnerin sagte dazu: „Dat ass net normal.“

Wie gehen Sie mit solchen Reaktionen um?

Ich habe Verständnis dafür, dass diese Generation anders sozialisiert und erzogen wurde. Für mich steht die Pflege der Senior*innen im Vordergrund, weswegen ich es seither schlichtweg vermeide, Fragen der Heimbewohner*innen über mein Privatleben zu beantworten. Außer sie zeigen sich unabhängig von meiner Person solidarisch mit der LGBT-Gemeinschaft.

Die Pflege ist eine Priorität, aber wie notwendig ist es, LGBT-Themen in die Betreuung von Senior*innen zu integrieren?

Es ist wichtig, aber ich weiß auch, dass viele Senior*innen in Alten- und Pflegeheimen im Alltag mit gesundheitlichen und altersbedingten Problemen zu kämpfen haben, sodass das Interesse und die Kraft, sich mit weiterführenden, sozialen Themen auseinanderzusetzen, verständlicherweise oft nicht ihr erstes Anliegen ist. Menschen, die gesundheitlich in der Lage dazu sind, sollten meiner Meinung nach dennoch die Möglichkeit haben, sich inner- und außerhalb der Einrichtungen über queere Themen zu informieren oder sich beraten zu lassen.

Ein entsprechendes Angebot gibt es nicht. Sind Sie in luxemburgischen Einrichtungen schon auf offen queere Senior*innen getroffen?

Offen homosexuelle Paare oder Einzelpersonen sind mir bis dato selten in Einrichtungen für Senior*innen aufgefallen. Bis auf zwei Frauen, von denen eine in einer Residenz für Senior*innen lebte, und die andere sie regelmäßig besuchte. Beide wurden zwischen 1925 und 1935 geboren, Zeiten, zu denen homosexuelle Kontakte noch mehrheitlich mit dem Tod bestraft wurden. Die enge Beziehung der beiden Frauen erregte kein Aufsehen unter den Heimbewohner*innen. Das ist zumindest mein Eindruck. Ich habe aber auch schon ein negatives Gegenbeispiel erlebt, bei dem die Diskriminierung vom Pflegepersonal ausging und sich gegen das Familienmitglied eines Bewohners richtete.

Worum ging es?

Das Pflegepersonal hat sich damals über das trans Familienmitglied eines Heimbewohners lustig gemacht. Meine Kolleg*innen konnten sich die gehässigen Kommentare nicht verkneifen.

Wie reagierten die Heimbewohner*innen darauf?

Die kamen mit der Person kaum in Kontakt. Der residierende Verwandte schwieg eisern über das Geschlecht seines Familienmitglieds. Ich habe mich damals gegen das Team aufgelehnt und bin gegen die Diskriminierung eingetreten.

Es fehlt demnach an Sensibilisierung, auch seitens des Personals?

Ich arbeite seit 2003 im Bereich der Gerontologie und habe noch nie erlebt, dass LGBT-Themen in den Einrichtungen besprochen wurden. Besonders im Hinblick auf trans Menschen ist das Personal unzureichend informiert. Es muss noch eine Menge Sensibilisierungsarbeit geleistet werden.

Ist das nur in der Altenpflege so oder im Gesundheitssektor allgemein?

Generell fehlt es an Pflege- und Krankenhauspersonal, das ein Bewusstsein für die Belange und Ängste von LGBT-Menschen hat, insbesondere für die von trans Menschen. Ich weiß von Betroffenen, dass sie sich oft vor der Auseinandersetzung mit unbekannten, medizinischem Personal fürchten, weil sie bereits negative Erfahrungen gesammelt haben – auch in Luxemburg. Ich bedauere außerdem, dass hetero- und cisnormative Eingangsanträge in Betreuungsstrukturen und allgemein im öffentlichen Bereich, nicht-traditionelle Biographien und die „Gender diversity“ missachten. Das hat in dem Fall mit dem trans Familienmitglied beispielsweise zum Zwangs-Outing geführt. In der Altenpflege wird bei Eingangsgesprächen oft ein hetero- und cisnormatives Leben aller Betroffenen fraglos vorausgesetzt.

Auf internationaler Ebene wird darüber diskutiert, ob es im Hinblick auf die Betreuung von Senior*innen queere Wohn- und Pflegeprojekte geben sollte. Ist das eine erstrebenswerte Entwicklung?

Der Umzug in ein Alten- oder Pflegeheim ist immer ein großer Eingriff in den Alltag: Man muss viele seiner Gewohnheiten ablegen und sich an externe Regeln halten. Das schränkt die Autonomie eines Menschen stark ein. Sich dann noch wegen der eigenen Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung unwohl zu fühlen beziehungsweise sich in seiner Umgebung nicht wiederzuerkennen ist eine enorme Zusatzbelastung. Ich selbst kann mir nicht vorstellen in fortgeschrittenem Alter in einer heteronormativen Einrichtung unterzukommen. Ich finde es wichtig, eine Alternative zu haben.

In diesem Artikel wurde bewusst die Abkürzung LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender) benutzt, da sich die getätigten Aussagen vornehmlich auf diese Personengruppen beziehen. Weiterführende Begriffserklärungen können Sie hier nachlesen.

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