Radikalisierung: Verlockende Versprechen

Seit zwei Jahren geht die Initiative respect.lu hierzulande gegen Radikalisierung vor. Wir haben mit Leiterin und Psychologin Karin Weyer über Risikogruppen, Bekämpfungsstrategien und eine nächste Woche zum Thema stattfindende Fachtagung gesprochen.

Seit zwei Jahren geht respect.lu gegen Radikalisierung vor. (© publicdomainfiles.com)

woxx: Was ist unter Radikalisierung zu verstehen?


Karin Weyer: Es ist wichtig zu betonen, dass Radikalisierung per se nicht problematisch ist oder eine Gefahr für die Gesellschaft darstellt. In der Vergangenheit gab es immer wieder Bewegungen mit radikalen Ideen und Forderungen – etwa die Frauenbewegung, Gewerkschaften, die Umweltbewegung. Sie haben unsere Gesellschaft weitergebracht. In unserer Arbeit befassen wir uns dagegen einerseits mit politischer und religiöser Radikalisierung, die auf physische oder psychische Gewalt zurückgreift, um ihre Ziele zu erreichen. Andererseits aber auch mit Gruppierungen, die das demokratische Fundament unserer Gesellschaft aus den Angeln heben beziehungsweise durch eine totalitäre Herrschaft ersetzen wollen. Auch wenn sie dies auf legalem Wege erreichen wollen, empfinden wird das als problematisch.

Welche Menschen wenden sich an respect.lu?


Diejenigen, die sich an uns wenden, kommen meist aus dem direkten Umfeld des Betroffenen. Es sind zum Beispiel Erzieher, Sozialarbeiter, Lehrkräfte, Partner oder Eltern, die meinen, Anzeichen für eine Radikalisierung zu erkennen, und wissen wollen, ob ihre Sorge berechtigt ist. In seltenen Fällen melden Betroffene sich selbst bei uns. Es handelt sich meist um eine isolierte Person, die online oder offline nach einer Gruppe gesucht hat, die ähnliche Ideen vertritt wie sie selbst.

Alles, was eine Lebenskrise auslösen kann, macht potenziell anfällig für eine Rekrutierung durch eine radikale Gruppe.

Isolierte Menschen sind also besonders anfällig?


Menschen in einer verletzlichen Lage sind besonders anfällig. Sich in einer Krise befinden und isoliert sein ist ein Beispiel einer solch verletzlichen Lage. Andere sind etwa: sich zurückgewiesen fühlen, diskriminiert werden, schwierige Lebensumstände, psychische Probleme. Alles, was eine Lebenskrise auslösen kann, macht potenziell anfällig für eine Rekrutierung durch eine radikale Gruppe. Demografisch gesehen sind die Fälle, die wir bisher hatten, sehr vielfältig. Das Alter reicht von 11 bis 60 Jahre, die Herkunft ist auch sehr unterschiedlich. Es sind allerdings vor allem Männer, die sich radikalisieren. Auch auf internationaler Ebene.

Sie haben gerade die Rekrutierung erwähnt. Welche Strategien werden dazu eingesetzt?


In den letzten Jahren sind Veränderungen festzustellen. Handelte es sich bei Rechtsextremen vor Jahren noch vor allem um Skinheads, so sind es heute eher junge, gut ausgebildete Menschen, die kommunikationstechnisch sehr clever vorgehen. Online kann man das sehr gut beobachten: Eine Weile werden Themen besprochen, wo kein Problem besteht, und Ansichten vertreten, die noch gutgeheißen werden können. Dazwischen schieben sich aber immer wieder extremere Haltungen. Die Radikalisierung entwickelt sich also schleichend. Eine Diskussion kann beispielsweise damit beginnen, dass abgewogen wird, wie viele Geflüchtete aufgenommen werden sollen und wo die Grenze gezogen werden sollte. Problematisch wird es, wenn sich im Diskussionsverlauf feindselige Haltungen gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen offenbaren.

Wie kommt es, dass sich Menschen eher nach rechts als nach links radikalisieren?


Rechtsradikalismus ist anschlussfähiger an den Mainstream. In den letzten Jahren ist es Rechtsextremen gelungen, den gesellschaftlichen Diskurs mit ihren Themen zu besetzen. Vor allem mit Migration und der Angst vor dem Islam. Linke Themen wie soziale Gerechtigkeit standen weniger im Vordergrund: Wir reden hierzulande wesentlich mehr über Migration als über das hohe Armutsrisiko. Hier ist es eine Aufgabe der Politik, alternative Narrative aufzuzeigen. Pulse of Europe ist ein Beispiel für einen solchen positiven Diskurs: Es wird in den Vordergrund gestellt, was die EU uns gebracht hat. Eine solche Initiative richtet sich nicht gegen EU-Skeptiker, aber der Fokus wird verschoben. Und natürlich sollten politische Verantwortliche nicht über jedes Stöckchen springen, das ihnen von Rechten hingehalten wird. Statt sich also etwa mit dem Burkaverbot zu befassen, das hierzulande nur sehr wenige betrifft, ist es produktiver, sich Maßnahmen zu widmen, die sich auf das Leben vieler Menschen auswirken.

Was passiert, wenn eine Person sich bei Ihnen meldet?


Erst einmal reden wir mit dieser Person über ihre Beobachtungen. Es geht uns darum, so viel wie möglich über die potenziell radikalisierte Person in Erfahrung zu bringen, um darauf aufbauend das bestehende Risiko zu erfassen. Handelt es sich um eine Lebenskrise, vermitteln wir an entsprechende Dienststellen weiter. Sind die Anzeichen jedoch besorgniserregender, überlegen wir gemeinsam mit der Person, die sich an uns gewendet hat, wie wir am besten an die potenziell radikalisierte Person herantreten können. Wurde der Kontakt hergestellt, nehmen wir durch Gespräche eine weitere Einschätzung der Lage vor. Wir versuchen zu ermitteln, wie der Weg, der von der radikalisierten Person eingeschlagen wurde, gestoppt werden kann. Wir zeigen ihr Alternativen auf und helfen ihr, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Eine unserer Strategien besteht darin, die radikalisierte Person auf Widersprüche in ihrer Denkweise aufmerksam zu machen und zu kritischem Denken anzuregen.

Wo sollte Prävention ansetzen?


Auf vielerlei Ebenen. Wir haben „Respect“ so definiert, dass das „R“ für „Resilienz“, das „E“ für „Egalität“, das „S“ für „Solidarität“, das „P“ für „Perspektive“, das „E“ für „Empathie“, das „C“ für „Kommunikation“ und das „T“ für „Toleranz“ stehen. Schaffen wir eine Gesellschaft, die diese Kriterien erfüllt, ist das Risiko einer Radikalisierung relativ gering. Diese Werte können bereits ab der frühen Kindheit gefördert werden. Im Jugendalter geht es hauptsächlich darum, über Radikalisierung aufzuklären: das Gefahrenpotenzial und die zum Teil perfiden Rekrutierungsmethoden. Wir selbst führen Weiterbildungen und Sensibilisierungsprojekte durch.

Politische Verantwortliche sollten nicht über jedes Stöckchen springen, das ihnen von Rechten hingehalten wird.

Auf ihrer Internetseite definieren Sie sich als politisch neutrale Organisation. Dabei scheint Ihre Arbeit doch per Definition politisch zu sein?


Wir setzen uns für eine demokratische Gesellschaft und die Umsetzung der Menschenrechte ein. In dem Sinne sind wir selbstverständlich politisch. Wir haben jedoch keine Präferenz für eine bestimmte Seite. Innerhalb eines demokratischen Rahmens ist jede Haltung zulässig, ob sie mir passt oder nicht. Wir sind aber auch der Ansicht, dass es Grenzen der Toleranz gibt. Wenn beispielsweise Freiheiten in Frage gestellt werden.

Was erwartet Interessierte nächste Woche bei der Fachtagung zu Radikalisierung?


Das Anliegen der Tagung besteht darin, auf einem wissenschaftlich fundierten Niveau über das Thema zu sprechen und nicht bei einem Ich-habe-das-Gefühl-dass zu verbleiben. Am ersten Tag stehen Fragen rund um Geschlecht im Fokus: Männer und Frauen werden auf unterschiedliche Weise rekrutiert. Rechtsextreme und Islamisten greifen dabei bewusst Geschlechterbilder auf. Anders als man erwarten würde, sind diese nicht einfach nur konservativ. Vielmehr greifen sie Sorgen und Bedürfnisse auf, die in der Mainstreamgesellschaft heruntergespielt werden, wie zum Beispiel die Doppelbelastung, die viele Frauen, vor allem alleinerziehende, heutzutage aufgrund von Familie und Beruf erleben. Rechtsextreme gehen auf diese Sorgen ein. Frauen, die sich solchen Gruppierungen zuwenden, sind, anders als oft angenommen wird, nicht unbedingt rückwärtsgewandt, unterdrückt oder naiv. Oft werden sie von emanzipatorischen Beweggründen angetrieben. Männer dagegen werden eher als starker Verteidiger ihrer Familien beziehungsweise „ihrer“ Frauen angesprochen. Jemand, dem es schwerfällt, sich in der Gesellschaft zu integrieren, einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz zu finden, hat keine Möglichkeit sich auf diesem Weg eine Identität anzueignen. Da ist es verlockend, wenn eine Gruppierung einem die Rolle des Beschützers oder Helden als Option anbietet.

Und am zweiten Tag der Fachtagung?


Da geht es darum, wie Rechtsextremisten und Islamisten sich gegenseitig befeuern und benötigen und welche Parallelen zwischen beiden Gruppierungen bestehen. Neben der zentralen Rolle von Frauen- und Männerbildern ist es zum Beispiel auch die vehemente Ablehnung von Homosexualität. Die Überschneidungen sind zum Teil so groß, dass sich anhand von Textausschnitten nicht erkennen lässt, ob sie aus der rechtsextremen oder der islamistischen Ecke stammen. Für den zweiten Tag konnten wir zwei Aussteiger gewinnen, die in Workshops von ihren Erfahrungen berichten werden.

Die von respect.lu und Cid Fraen an Gender organisierte Fachtagung „Radikalisierung und gesellschaftliche Diskurse“ findet am 30. September und 1. Oktober im Neimënster statt. Anmeldeschluss ist der 27. September.

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