„Real Life“

Brandon Taylors Debütroman „Real Life“ wurde nach seiner Veröffentlichung 2020 von den Literaturkritiker*innen gefeiert. 2021 erschien die deutsche Übersetzung im Piper Verlag. Über die einseitige Darstellung der Frauenfiguren diskutieren die wenigsten Expert*innen.

Copyright: Piper Verlag

Wer über ein Doktorat nachdenkt, sollte Brandon Taylors „Real Life“ lieber nicht in die Hand nehmen: Wallace und seine Freund*innen, bis auf eine Ausnahme alles Promotionsstudent*innen, hassen ihr Leben. Nicht alle geben es offen zu, doch ist ihre Frustration über das Leben unter der Käseglocke der Universität spürbar. Wallace ist jedoch der einzige, der laut über einen Studienabbruch nachdenkt. Das hat nicht nur mit einem boykottierten Laborprojekt und Versagensängsten zu tun, sondern auch mit einem andauernden Gefühl des Ausgeschlossenseins.

Wallace ist ein schwuler, Schwarzer Doktorand in Biochemie. Er ist ein unauffälliger Typ, der gern Tennis spielt und in seiner Freizeit mit seinen Freund*innen am Pier abhängt. Wallace wird in seinem Freundeskreis und an der Uni immer wieder mit Alltagsrassismus und Diskriminierung aufgrund seines sozialen Hintergrunds konfrontiert.

Niemand steht für ihn auf, wenn ihr gemeinsamer Bekannter Roman ihn ermahnt: [Es] wurde viel Geld in deine Ausbildung gesteckt. Es wäre ziemlich undankbar, einfach alles abzubrechen. (…) [W]enn du nicht mithalten kannst, dann solltest du abbrechen (…). Aber sie haben dich hier trotz deiner Defizite genommen (…) Ich werde das nicht weiter ausführen. (…) Du kommst aus schwierigen Verhältnissen. Das ist bedauerlich, aber so ist es nun mal.“ Zuvor weist er Wallace am Esstisch auf Statistiken hin, wonach Schwarze ohne Abschluss schlechte Aussichten auf einen Job haben.

Zwar regt Wallce sich wiederholt darüber auf, dass ihm seine Freund*innen in solchen Situationen nicht beistehen, doch er distanziert sich nie dauerhaft von der Gruppe. Er dreht den Spieß stattdessen um und treibt an demselben Abend, an dem Roman ihm indirekt fehlende Dankbarkeit vorwirft, mit einer Lüge ein befreundetes Paar auseinander. Auch das führt nicht zum Bruch der Gruppe.

Eine ähnlich komplizierte Beziehung führt Wallace zu seiner Affäre, einem weißen Mann. Beide werden handgreiflich, reiben sich emotional aneinander auf und scheinen sich doch irgendwie zu lieben. Es ist eine toxische Beziehung, die jedoch keiner von beiden als solche erkennt oder benennt. Sie kommt recht unvermittelt zustande und gewinnt trotz intimer Bekenntnisse von beiden Seiten nie an Tiefe oder Form. Sie bleibt ein Symbol der Unfähigkeit, zu lieben, zu vertrauen, sich auf jemanden einzulassen.

Der Roman strotzt vor Drama, der oft von der eigentlichen Erzählung ablenkt: Wallace steckt mitten in einer exitenziellen Krise, die sowohl auf seine traumatische Vergangenheit als auch auf die ständigen rassistischen Angriffe aus seinem Umfeld zurückzuführen ist. Er fühlt sich nirgendwo zugehörig, nie wirklich verstanden, weil ihm dramatische Erlebnisse anhaften und er den Hass, den er im privaten und im öffentlichen Kontext ertragen muss, internalisiert hat.

Wallace Leiden sind indiskutabel und der Rassismus, den er erfährt, ist inakzeptabel. Trotzdem ist es nicht korrekt, wenn er seiner asiatisch-amerikanischen Kolleign Brigit an den Kopf wirft, sie hätte es in ihrem Leben leicht gehabt und sich über sie erhebt. „Glaubst du, es macht mir Spaß, mich in einem komplett weißen Umfeld dumm und dämlich zu arbeiten, Tag für Tag? (…) Ich bin nicht Brigit, ich bin immer nur die Asiatin. Für die bin ich nur ein Gesicht. Und an manchen Tagen nicht mal das“, kontert die und nennt Wallace zurecht egoistisch.

Vergleichbare Passagen gibt es in dem Roman viele. Passagen, in denen es die Nebencharaktere sind, die Wallace auf die Komplexität der Umstände aufmerksam machen. Oft sind das unsympathische weibliche Figuren, wie etwa seine Laborpartnerinnen. Zwar hat Wallace ein vorwiegend ausgeglichenes Verhältnis zu seinen zwei Freundinnen Emma und Brigit, doch sind die restlichen Frauenfiguren intrigant, gemein oder glauben nicht an ihn. Positiv besetzte Frauenfiguren gibt es in dem Buch wenige. Eine von Wallace Laborpartnerinnen bezeichnet ihn als Frauenhasser. Wallace lehnt das vehement ab. Das Buch gibt allerdings weder einen Anhaltspunkt dafür noch dagegen.

Wallace scheint, auch wenn er das nie ausformuliert, Leid gegeneinander aufzuwiegen und sich gleichzeitig dagegen zu wehren, dass Andere seine Lebenssituation bewerten. Dieses anhaltende Paradox macht es Leser*innen schwer, eine Beziehung zu ihm aufzubauen und seine Person einzuordnen. Trotzdem stellt Brandon Taylor in seinem Roman wichtige Fragen nach Elitarismus, Hass, Schmerz und Vergangenheitsbewältigung, die einen auch nach der Lektüre eine Weile beschäftigen.

Real Life. Brandon Taylor. Aus dem amerikanischen übersetzt von Eva Bonné. Piper Verlag: München, 2021.


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